Trippen

Trippen – Schuhe für Individualisten



Modell 'Mug' aus der Cup-Kollektion





Modell 'Yen' aus der Closed-Kollektion




Modell 'Mars' aus der Closed-Kollektion

Ungewöhnliche Schuhe haben eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte. Seit über zehn Jahren erobert das Berliner Schuh-Label "Trippen" nun schon die Straßen von Tokio über Reykjavik bis New York. In 35 Ländern gibt es das aparte Schuhwerk zu kaufen. 80 Prozent der Produktion von jährlich 120 000 Paar geht in den Export. Viele nach Japan, wo es vier "Trippen"-Monolabel Stores gibt. Gerade dort liegen das ungewöhnliche Design und die edlen, natur belassenen Materialien voll im Trend.

Weltweit sind die Designerschuhe heute nicht mehr ausschließlich bei Modemachern und Künstlern gefragt. Selbst Kanzlerin Angela Merkel soll ein Paar besitzen.

Als sich die Trippen-Macher Angela Spieth und Michael Oehler zum ersten Mal in Berlin begegnen, haben sie gleich ein Thema: Schuhe. Aber andere Schuhe, bessere Schuhe. Beide haben sie schon Erfahrung gesammelt. Oehler, der gelernte Schumachermeister, ist ein echter Handwerker.

Er hatte nach seinem Meister in seiner Kreuzberger Hinterhofwerkstatt Unikate gebastelt. Für Theater, Film und anspruchsvolle Einzelkunden. Seine Spezialität waren anatomisch gerechte Passform, giftfreie Materialien und perfekte Verarbeitung. Spieth, die studierte Bekleidungsdesignerin, entwarf Modelle für eine mittelständische Schuhfabrik im Odenwald. Außerdem kannte sie sich aus, wenn es um Vertrieb, Fabriken und Produktion ging. Nun suchten sie gemeinsam nach einem Weg zwischen Massenmarkt und Hinterhof. Billige Schuhe, ausgebeutete Arbeiter irgendwo in Asien - ein Albtraum. Aber liebevolle, Umwelt schonende Handarbeit kann nicht in Serie gehen. Oder doch?

Modell 'Shade' aus der Cup-Kollektion

Kinderschuh 'Dragon'



Holzschuh 'Moskau aus der Kollekton 'Modern Wood'



Holzschuh 'Hutu' aus der Kollekton 'Modern Wood'

Kleine Kunstwerke
1991 entdeckten sie im Harz in einer alten Fabrik unbenutzte Holzsohlen. Nach wochenlangem Experimentieren präsentierten sie der erstaunten Fachwelt zwei Dutzend Holzschuhe. Alle handgemacht. Ihre kleinen Kunstwerke stellten sie dann in einer Galerie in Berlin aus. Das war der Beginn der Firma Trippen. Den Namen liehen sie sich aus dem Mittelalter. "Trippen" wurden damals jene klobigen, hölzernen Unterschuhe genannt, die die Menschen unter ihren Schuhen befestigten, um morastige Straßen zu überqueren. Die nächsten Jahre sind Aufbruchjahre.

Viel Arbeit und immer wieder Rückschläge. Doch angetrieben durch den Glauben, das Richtige zu tun, und den Spaß an der Sache, machen sie immer weiter. Der Traum von guten, schönen und ökologisch sinnvollen Schuhen muss machbar sein, dass wissen sie. Auf der Schuhmesse im Frühjahr 1995 in Paris gelingt ihnen endlich der Durchbruch. Einer der angesagtesten Pariser Schuhläden nimmt Trippen ins Sortiment auf. Dann geht alles sehr schnell. Dem ersten eigenen Shop in Berlin folgen weitere in Tokio und London. Heute verkauft das Label 120 000 Paar Schuhe pro Jahr und setzt damit knapp zehn Millionen Euro um.

Modell 'Charm' aus der Cup-Kollektion

Modell 'Mehmet' aus der Cup-Kollektion



Modell 'Haferl' aus der Closed-Kollektion


Modell 'Warrior' aus der Closed-Kollektion

Handwerk und Kontinuität
Und das, obwohl die Schuhindustrie in Deutschland eine aussterbende Branche ist. Nur noch acht Prozent der 351 Millionen Paar Schuhe, die jährlich über die Ladentheken gehen, werden hier im Land hergestellt. Trippen produziert in einer Fabrik im brandenburgischen Zehdenick. Ein ehemaliges Schuhkombinat. Oehler und Spieth stellten Maschinen wieder auf und Menschen wieder ein.

Viele, die ihre Arbeit zu DDR-Zeiten von der Pike auf gelernt hatten, waren nach der Wende ohne Job. 50 Leute arbeiten heute hier, meist Frauen. Geübte Hände. Sie kennen sich aus. Wissen wie Lederstücke ausgestanzt werden oder wie Nähte akkurat zu setzen sind. Zwei der insgesamt neun Trippen-Kollektionen werden in Italien gefertigt. Gut 100 Leute handwerken in verschiedenen kleinen Dörfern für Trippen. Meist sind es kleine Gruppen, oft Senioren. Viele arbeiten zu Hause mit einer kleinen Nähmaschine im Wohnzimmer. Natürlich ist das teurer als in Asien produzieren zu lassen. Knapp zehn Euro die Stunde zahlt die Schuhfirma ihren Arbeitern. In China bekommen die Näherinnen nur einen Bruchteil dieser Summe, aber eine Verlagerung würde gegen alles sprechen, wofür das Label steht.

Modell 'Sparta' aus der Closed-Kollektion

Modell 'Tint' aus der Cup-Kollektion



Holzschuh 'Tango' aus der Kollekton 'Modern Wood'

Trippen macht Schuhe für Schuhliebhaber und Individualisten. Neue Schnitte, ungewöhnliche Silhouetten. Die Modelle werden nicht jede Saison ausgetauscht oder überarbeitet. "Alles, was nur eine Saison getragen werden kann, ist für uns tabu", sagt Angela Spieth. Viele bleiben in der Kollektion und entwickeln sich langsam zu Klassikern und Lieblingsschuhen. Holzschuhe mit High Heels, mokassinähnliche Lederschuhe, die wie Socken angezogen werden, Stiefel. Alle in ungewöhnlichen Farben und Formen, mal verspielt, mal klobig, nie schlicht, aber immer wahnsinnig bequem. Kein Geringerer als Naoki Takizawa, bis Herbst 2006 Designer für Issey Miyake, findet großes Lob für die Deutschen: Form und Funktion, so schwärmt er, stünden in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander und seien geprägt von einer spielerischen Note, und bequem wie Sneakers seien sie obendrein.

Nora von Westphalen
ist Redakteurin beim Modemagazin ELLE.

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August 2007
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