Sibel Kekilli

Sibel Kekilli im Interview mit Rory MacLean

Sibel Kekilli © Nela König
Sibel Kekilli © Nela König
„Das Leben ist so kurz“, sagt Sibel Kekilli voller Emotion. „Ich habe den Hunger, es voll auszuschöpfen und jede Erfahrung in mich aufzusaugen. Ich hatte schon immer diese extreme Energie in mir.“

Kekilli, mit ihren 31 Jahren einer der dynamischsten und schönsten Jungstars in Deutschland, hat unter anderem in den preisgekrönten Filmen Gegen die Wand und Die Fremde mitgespielt. Als Kind hat sie aber nie davon geträumt, Schauspielerin zu werden.

„Damals war Deutschland anders“, erzählt sie mir bei unserem Treffen im Berliner Hotel de Rome. „In meiner Schule haben wir diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen. Wir dachten hauptsächlich daran, Friseurin zu werden oder im Büro zu arbeiten.“

Nach ihrem Schulabschluss zog Kekilli von Heilbronn nach Essen, arbeitete als Kellnerin und als Verwaltungsfachangestellte für die Stadt, verkaufte Obst und Gemüse und leitete sogar einen Monat lang einen Nachtklub. Dann wurde sie 2002 in Köln von einer Casterin entdeckt und zum Vorsprechen für eine Filmrolle eingeladen.

„Ich hatte noch nie von Fatih Akin gehört und hatte keine Ahnung, was ich bei dem Vorsprechen machen sollte“, sagt sie mit einem leisen, verhaltenen Lachen. „Er sandte mir ein Skript, ich las es und dachte: ‚Ich kann nur ich selbst sein‘.“

Kekilli setzte sich gegen 350 professionelle Schauspielerinnen durch und bekam die Hauptrolle in Akins Gegen die Wand. Der ausdrucksstarke und verstörende Film über den Kampf von Migranten um Akzeptanz sowohl innerhalb der eigenen Familie als auch bei ihren deutschen Altersgenossen trug dazu bei, türkisch-deutsche Filme zu etablieren. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören der Goldene Bär der Berlinale für den besten Film und eine Lola des Deutschen Filmpreises für Kekilli als beste Hauptdarstellerin.

„Menschen faszinieren mich“, meint Kekilli, als ich sie nach ihrer Motivation frage. „Ich liebe es, sie zu beobachten: zu sehen, wie sie sich bewegen und zu hören, wie sie sprechen. Wenn ich die Fernsehnachrichten sehe und zum Beispiel über ein Verbrechen berichtet wird, möchte ich die Täter verstehen. Mich fasziniert, was einen Mann oder eine Frau dazu bringt, sich so zu verhalten.“

Das Schauspielen – die Kunst, jemand anders zu werden – ermöglicht Kekilli, das Leben in vollen Zügen aufzusaugen und gleichzeitig ihre eigene lebhafte emotionelle Energie freizusetzen.

„Das Schauspielen ist für mich eine Art Überdruckventil“, fährt sie fort. „Ich kann schreien, ich kann weinen, ich kann verrücktspielen und muss mich nicht dafür rechtfertigen, weil ich mich im Rahmen meiner Rolle so verhalte.“ Dabei hilft Kekilli allen, die nicht den gleichen Mut haben wie sie, unsere Menschlichkeit besser zu verstehen.

Nach dem Erfolg von Gegen die Wand riskierte Kekilli, von der voreingenommenen Branche in pessimistische und klischeehafte Rollen der mutigen Migrantin, die gegen Vorurteile kämpft, gedrängt zu werden. Aber ihre zutiefst ehrliche Darstellung und professionelle Bandbreite ließen sie über solche Sterotypen hinauswachsen, zum Beispiel in ihrer Darbietung in Winterreise und Der Letzte Zug, in dem sie eine nach Auschwitz deportierte Jüdin spielt.

Letztes Jahr gewann sie mit ihrem achten Film, Die Fremde, den Preis für die beste Schauspielerin des New Yorker Tribeca-Filmfestivals sowie eine weitere Lola. Diesen September bringt Fox International What a Man heraus, eine Gute-Laune-Liebeskomödie von und mit Matthias Schweighöfer, in der Kekilli die unwiderstehliche romantische Heldin spielt. Die englische Version soll 2012 erscheinen.

What a Man gab mir die Gelegenheit zu zeigen, dass ich Komödien spielen, dass ich witzig sein kann. Ich lache unheimlich gern.“ Ihr zartes Gesicht leuchtet auf, als sie betont: „Ich bin Schauspielerin. Ich bin zwar nicht blond und blauäugig, aber das heißt nicht, dass ich keine deutschen Rollen spielen kann. Ich bin Deutsche und fühle mich als Deutsche mit türkischen Wurzeln. Mein Land und meine Arbeit sind hier. Ich habe Glück.“

Sibel Kekilli at the Antalya Film Festival 2006 (Flickr)Kekillis Erfolg entspringt ihrer Fähigkeit, sich mit ganzem Herzen in ihre Rollen hineinzuversetzen und so eine bemerkenswerte Empathie für sie entstehen zu lassen. Ich möchte ihre Arbeitsweise verstehen, und sie gesteht: „Wenn ich drehe, schlafe ich mit meiner Rolle, wache mit ihr auf, esse mit ihr. Manchmal ertappe ich mich mitten in einer Geste und sage mir: ‚Nein, Sibel trinkt ihren Tee so, nicht die Rolle‘.“ Kekilli fährt fort: „Aber bei meiner Arbeit brauche ich vor allem Ruhe und Zeit, damit ich mich konzentrieren kann. Vor dem Dreh bringe ich mich selbst in eine Art Trance, dann trage ich Kopfhörer und höre Musik, bis die Kamera läuft. Manche Leute denken vielleicht, dass ich arrogant bin, aber das ist einfach nur meine Art, in diesen wenigen, aber entscheidenden letzten Momenten die Stimmung festzuhalten.“

Kekilli selbst bewegt sich mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Sie spricht mit leiser Stimme und stellt ebenso viele Fragen, wie sie beantwortet. Aber hinter ihrem sanften Äußeren liegt ein Mut, der in ihrer ehrlichen Neugier auf Menschen wurzelt und ihrem Willen, das Leben voll und ganz auszuschöpfen.

„Das Leben muss rückwärts verstanden und vorwärts gelebt werden,“ meint sie abschließend.

Rory MacLean
August 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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