Ulli Lommel

Ulli Lommel im Interview mit Rory MacLean

'Bravo' Magazine cover © Ulli Lommel
'Bravo' Magazine cover © Ulli Lommel
Jeder Mensch wählt seine Lebensweise mehr oder weniger selbst. Manche suchen das Abenteuer, andere das Vergnügen, wieder andere wirft eine Tragödie aus der Bahn, doch die meisten entscheiden sich für eine ruhige, von Routine und Altervorsorgeplänen geregelte Existenz. Ulli Lommel, Schauspieler, berühmt-berüchtigter Filmregisseur und Weggefährte vieler Stars, hat ein gewagtes, unkonventionelles und regelloses Leben geführt. Er hat mit Elvis Presley im Duett gesungen, den ersten Film von Rainer Werner Fassbinder mitfinanziert, mit Andy Warhol zusammengearbeitet und bei beinahe 50 provokativen, polemischen und eindringlichen Spielfilmen Regie geführt. Seine bemerkenswerte Lebensgeschichte mit ihren Leidenschaften und Zweifeln erhält 2013 an der Volksbühne Berlin eine Hommage mit der Varieté-Aufführung Fucking Liberty, deren Verfasser und Regisseur Lommel selbst ist.

Lommel wurde im Dezember 1944 in Zielenzig geboren, fünf Wochen bevor die Stadt von der Roten Armee überrannt wurde.

„Kannst du dir einen schlechteren Zeitpunkt oder Ort für eine Geburt vorstellen?“ fragt er mich bei unserem Treffen in seiner Berliner Wohnung. „Es war 20 Grad unter Null. Meine Mutter wickelte mich in einen Teppich, weil sie keine Decke hatte. Um uns herum starben andere Säuglinge. Ich aber überlebte, und seitdem lande ich irgendwie immer wieder im Auge des Sturms.“

Seine Mutter war die Schauspielerin Karla van Cleef. Sein Vater war Ludwig Manfred Lommel, ein außerordentlich populärer Radiohumorist in den späten Jahren der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Zeit. Nach dem Krieg wuchs der junge Lommel in Bad Nauheim auf und kam sich wie die meisten seiner Generation erstickt vor.

„Damals durchlebte Deutschland Jahre der Verleugnung. Die Nazizeit wude nie erwähnt, nicht in der Schule und auch nicht zu Hause. Es war erdrückend, beinahe unerträglich. Es kam mir so vor, als stimme etwas nicht“.

Dann schlug 1958 die Rock‘n’Roll-Musik wie eine „befreiende Kraft“ in seinem Leben ein, verstärkt durch Elvis Presley, der während seines Wehrdienstes in der U.S. Army im Haus nebenan wohnte. Presley willigte ein, zur Feier von Lommels 14. Geburtstag zu kommen, und zusammen sangen sie das deutsche Volkslied Muss I’ denn zum Städtele hinaus (später als Wooden Heart aufgenommen) und (Let Me Be Your) Teddy Bear. Wenig später flüchtete Lommel in die Freiheit, gründete seine eigene Band, brach die Schule ab und riss von zu Hause aus. Als sein besorgter Vater die Polizei verständigte, rief ihn der junge Lommel an und schrie: „Wir konntest du mir das antun, du alter Nazi“?

Drei Jahre später verstarb Lommel senior, nachdem Vater und Sohn nie wieder ein Wort miteinander gesprochen hatten.

Entscheidungen können aus bewussten oder unbewussten Gründen getroffen werden, und oft bestimmen frühe Erfahrungen einen Lebenslauf. Lommel räumt ein: “Seit meiner Kindheit habe ich ein unbehagliches Gefühl bei der Verteufelung eines Feindes. Bei meiner Arbeit stelle ich fest, dass ich mich für den Außenseiter, den Angeklagten einsetze. Immer wieder möchte ich dessen Perspektive verstehen”.

Film poster © Ulli LommelNach einer Zeit an der Berliner UFA-Schauspielschule begann Lommel, Spitzenrollen in Film und Fernsehen an Land zu ziehen und erschien auf der Titelseite der Teenager-Fanzeitschrift Bravo. 1967 zog er nach München und lernte Regisseure des neuen deutschen Kinos – Peter Schamoni, Rudolf Thome und Robert Van Ackeren – kennen. Der Newcomer Rainer Werner Fassbinder bat ihn, in Liebe ist kälter als der Tod die Hauptrolle zu spielen, und Lommels Engagement ermöglichte ihm die Finanzierung des Films. Nach halber Drehzeit fragte ihn Fassbinder, ob er etwas dagegen hätte, seinen geliebten MG sowie den Fahrzeugbrief mitzubringen.

„Klar, aber warum brauchst du den Brief“? fragte Lommel.

„Weil wir kein Geld mehr haben“, antwortete Fassbinder.

Lommel verkaufte sein Auto, um den Film fertigzustellen, und im Lauf des nächsten Jahrzehnts arbeiteten er und Fassbinder an 21 Produktionen zusammen.

„Fassbinder drückte genau die Gefühle aus, die ich as Vierzehnjähriger hatte“, erinnert sich Lommel. „Er beschäftigte sich mit Realität und Wahrheit. Er legte diese seltsame Doppelmoral bloß und die Tatsache, dass Westdeutschland sich auf den kapitalistischen Traum einließ. Die Arbeit mit ihm war für mich eine andere Art der Befreiung“.

Fassbinder produzierte Lommels Regiedebut Die Zärtlichkeit der Wölfe, das die Verbrechen des Serienmörders und Kannibalen Fritz Haarmann zum Inhalt hat. Der Film wurde für einen Goldenen Bären nominiert und brachte Lommel nach Paris, wo er sich in Anna Karina verliebte, die Muse und Exfrau von Jean-Luc Godard. Fassbinder schrieb für das Paar Chinesisches Roulette.

1977 wurde Andy Warhol durch Adolf und Marlene, einem spekulativen Drama über die Beziehung zwischen Hitler and Marlene Dietrich, auf Lommel aufmerksam und drehte mit ihm später die Kultklassiker Blank Generation und Cocaine Cowboys. Der Erfolg von The Boogeyman verband ihn mit Amerika, mit Hollywood, wo er bei weiteren 43 Horror-, Abenteuer und Kriegsfilmen Regie führte.

„In den frühen 1970ern – nach der Ermordung von Kennedy und King und wegen des Vietnamkriegs—gehörte ich zu denen, die von Amerika nichts hielten. Als ich aber in die Staaten zog, ergab sich allmählich ein viel komplexeres Bild. Ich spürte dort eine Art von Freiheit, die ich in Europa nie gefunden hatte. Die ersten Fahrten von Küste zu Küste vergesse ich mein ganzes Leben nicht – mein Herz war erfüllt von Dankbarkeit, dass ich die unglaubliche Weite dieses Landes erleben durfte. Ich glaube, diese Weite dringt in die Seele der Menschen ein und lässt sie großzügig und tolerant werden, sie hebt die Freiheit der Gedanken, des Geistes. Amerika macht dich offen, so dass dein Herz so weit wird wie die Straßen, wie die Weizenfelder, wie der ferne Horizont“.

An der Volksbühne erzählt Fucking Liberty die Geschichte von Lommels Suche nach der Freiheit, während er selbst mitten auf der Bühne im Koma liegt (2009 fiel Lommel nach einem Bootsunfall eine Woche lang ins Koma). Erich von Stroheim, der großartige verstorbene Stummfilmregisseur, nimmt als Moderator das Publikum mit auf eine innovative Geisterbahnfahrt mit alten und neuen Medien, die auch die Anfänge des Kinos und 500 Jahre amerikanische Geschichte aufgreift. Die größten Stars der Volksbühne, von denen Lommel im Laufe seiner Karriere mit vielen gearbeitet hat, spielen Schlüsselrollen, unter anderem Volker Spengler, Sophie Rois und Margit Carstensen, die in Adolf und Marlene die Dietrich spielte.

„Natürlich kann der Titel Fucking Liberty sowohl ein Loblied als auch eine Verteufelung der Freiheit bedeuten“, betont er.

© Ulli LommelLommel ist ein schlacksiger Mann in tiefsitzenden Jeans und goldenen Laufschuhen. Er scheint unfähig, länger als eine Minute still zu sitzen, untermalt seine Geschichten mit Handbewegungen, springt auf, um etwas genau zu erklären und kniet dann wieder auf seinem Stuhl. Hinter ihm in seiner Wohnung liegen ein halbes Dutzend Baseball-Mützen und ein Paar abgetragene Cowboystiefel. In den Stunden unseres Gesprächs kamen wir von Fassbinders antiteater auf Warhols Factory und von dem deutschen Kartographen des 16. Jahrhunderts, der America benannte, auf die Erfahrung, am 9.11.2001 nach Amerika zu fliegen. Und dann zurück auf das Glück, wenn man die Freiheit und den Mut hat, zu wählen.

„Ich wurde stark kritisiert wegen meiner experimentellen Filme, von denen viele als Horrorfilme vermarktet werden“, fährt er fort. „Aber ich sehe mich als Vertreter des Underdog und versuche Menschen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, zu verstehen und ihnen eine Seele zu geben. Ich heiße ihre Handlungen nicht gut, sondern möchte die Psychologie von Menschen erklären, die Regeln brechen. Der Standpunkt des Kriminalpolizisten langweilt mich zu Tode“.

Schließlich frage ich noch einmal nach seinem Vater, nach den Schuldgefühlen und dem Schmerz, die nach einem letzten unvollendeten Gespräch bleiben, und nach deren Einfluss auf Lommels Werk.

„Ich denke, dass die Kunst heilen kann“, meint er mit dem Blick nach oben auf ein offenes Fenster. „In jedem von uns steckt ein Maler, ein Tänzer, ein Geschichtenerzähler. Ich glaube, wenn die künstlerische Seite eines jeden Menschen in der Schule gefördert würde, könnte viel Frustration und Wut in die richtigen Bahnen gelenkt und die Lebensweise der Menschen verändert werden. Möglicherweise sogar die Lebensweise eines potentiellen Serienkillers. Vielleicht ist dies auch nur eine Illusion. Ich glaube aber wirklich daran, dass die Kunst heilt“.

Rory MacLean
Juni 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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