Aleida Assmann

Die Erinnerungsexpertin: Aleida Assmann – Literatur- und Kulturwissenschaftlerin

Assmann, Aleida (2007); Foto: Endrik Lerch AsconaAssmann, Aleida (2007); Foto: Endrik Lerch AsconaAleida Assmann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Begriffen kulturelles Gedächtnis und Erinnerung. Wichtig für ein kollektives Gedächtnis sind ihrer Meinung nach offizielle Gedenktage. Deshalb plädiert sie für den 8. Mai, Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, als europäischen Gedenktag.

Manche bezeichnen die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann gerne als "Erinnerungsexpertin". Das wundert wenig, denn zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört seit den 1990er Jahren die Kulturanthropologie mit den Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen. Intensiv hat sie sich zum Beispiel mit der deutschen Erinnerungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt ebenso wie mit kulturwissenschaftlicher Gedächtnisforschung und –theorie.

Aber man sichtet in der Reihe ihrer Publikationen auch Bücher, die scheinbar ganz aus der Reihe fallen – Hieroglyphen – Stationen einer abendländischen Grammatologie beispielsweise, das sie 2004 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, herausgab. Ein Blick in ihre Biografie jedoch gibt Aufklärung.

Ambitionierte Karriere

Aleida Assmann, 1947 in Bethel bei Bielefeld geboren, studierte Anglistik und Ägyptologie in Heidelberg und Tübingen. Zwischen 1968 und 1975 war sie, gemeinsam mit ihrem Mann, mehrmals zu Ausgrabungen in Oberägypten. 1977 promovierte sie sowohl in Anglistik als auch in Ägyptologie. 1992 wurde sie an der neuphilologischen Fakultät der Universität Heidelberg habilitiert. 1993 wurde sie auf den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft der Universität Konstanz berufen. Gastprofessuren führten sie unter anderem an die Rice University Texas, die Eliteuniversitäten Princeton und Yale sowie die Universität Wien. Nebenbei bemerkt: Sie ist außerdem Mutter von fünf Kindern, die in den Jahren zwischen 1976 und 1983 geboren wurden.

Gemeinsamer Erinnerungsraum

Aleida Assmann `Der lange Schatten der Vergangenheit´; Copyright: C.H. Beck Verlag60 Jahre nach dem Holocaust und Beendigung des Zweiten Weltkrieges sind die Deutschen immer noch damit beschäftigt, dieser traumatischen Vergangenheit eine "Erinnerungsgestalt" zu geben. Oft werden die Diskussion um das "Wie" der Erinnerungsgestaltung von Uneinigkeit und Streit zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen begleitet. Aleida Assmann zeigt in ihrem 2006 erschienenen Buch Der lange Schatten der Vergangenheit– Erinnerungskultur und Geschichtspolitik unterschiedliche Wege auf, die von individuellen zu kollektiven Konstruktionen der Vergangenheit führen. Sie untersucht auch die Spannungen zwischen persönlicher Erfahrung und offiziellem Gedenken, gibt Ratschläge für eine angemessene Erinnerungskultur und plädiert dafür, dem Gedächtnis einen "gemeinsamen Erinnerungsraum" zu geben.

Platzmangel im kollektiven Gedächtnis

Aleida Assmann unterscheidet zwischen den Begriffen Erinnerung und Gedächtnis. Das Erinnern vollziehe man als einzelner Mensch, "wenn man Erfahrungen hat, die man verarbeitet, über die man nachdenkt, die man sich zurückruft und mit anderen Menschen teilt." Größere Gruppen wie eine Nation zum Beispiel bilden ein Gedächtnis, um den Teil der Vergangenheit präsent zu halten, auf den sie nicht verzichten möchten, weil er für die Gegenwart und Zukunft der jeweiligen Nation als besonders wichtig empfunden wird. Was aber wird erinnert? Und wie kann der Einzelne am kulturellen Gedächtnis teilhaben? Aleida Assmann meint, dass vor allem Gedenktage eine Möglichkeit dazu bieten. "Im kollektiven Gedächtnis herrscht Platzmangel", sagt sie. Was hinein kommt, sei mit einem starken normativen Wert verbunden: "Es ist Teil unserer Identität." Als Beispiel nennt sie den 27. Januar, der seit 1996 als Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert ist. Der 3. Oktober als Tag der Wiedervereinigung hingegen habe keine historische Relevanz. Der 9. November wiederum sei ein Datum, das im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert sei – in doppelter Hinsicht: als Erinnerung an die Reichskristallnacht und den Mauerfall.

Funktion von Gedenktagen

Gedenktage stehen für Werte, die der jeweiligen Nation wichtig sind, weil Lehren aus bestimmten historischen Ereignissen gezogen wurden. Wenn eine Nation den Tag der Befreiung von Auschwitz zum Gedenktag erklärt hat, bedeutet dies, dass sie sich dazu bekennt, nicht vergessen zu wollen, und die Menschenrechte als das höchstes Gut im Staat anerkennt. Für Aleida Assmann sind Gedenktage also sehr viel mehr als eine Formalität oder ein Lippenbekenntnis, eben weil sie die Funktion des kollektiven Gedächtnis’ innehaben. Deshalb kann sie sich auch den 8. Mai, Tag des offiziellen Kriegsendes, als europäischen Gedenktag vorstellen, und es klingt fast wie ein Aufruf, wenn sie sagt: "Der 8. Mai ist ein Datum, an dem die Europäer sich treffen und die individuellen, partikularen Erfahrungsgedächtnisse mit einer gemeinsamen Vision für die Zukunft kombinieren können."

Auswahl ihrer Publikationen

Der lange Schatten der Vergangenheit – Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, Verlag C. H. Beck, München 2006

Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, Hg. Hubert Christian Ehalt, Picus Verlag, Wien 2006

Hieroglyphen – Stationen einer abendländischen Grammatologie, Wilhelm Fink Verlag, München 2004

Einsamkeit – Archäologie der literarischen Kommunikation, Wilhelm Fink Verlag, München 2000

Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit – Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1999

Nadja Encke
freie Journalistin

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