Loriot

„Kommunikationsgestörte interessieren mich am meisten“

Copyright: Loriot / Mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags ZürichCopyright: Loriot / Mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags ZürichLoriot, der im August 2011 gestorben ist, war einer der größten deutschen Komiker. Lange Zeit erfreute er das Publikum mit seinem feinsinnigen gezeichneten Humor, später auch im Fernsehen. Kinofilme wollte Loriot eigentlich nie drehen, doch ließ er sich mit 65 eines Besseren belehren.

Die Frage des Spiegel-Kritikers Hellmuth Karasek, warum er seinen ersten Film Ödipussi so spät gedreht habe, beantwortete Loriot mit dem Hinweis auf seine Erziehung zur Sparsamkeit: „Der Aufwand für einen Film erschien mir als zu groß, weil ich dachte: Das, was ich machen kann, kann ich auch in der sehr viel preisgünstigeren Form machen, nämlich auf dem Papier oder im Fernsehen als Fernseh-Sketch.“

Bescheiden blieb Loriot, 1923 als Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow in Brandenburg an der Havel geboren, auch nach seinen großen Erfolgen. Dabei stießen seine ersten Cartoons Anfang der 1950er-Jahre im Stern auf wenig Gegenliebe. Erst über den Umweg Diogenes-Verlag wurde Loriots Berufung als Karikaturist auch zum Beruf. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch das vergleichsweise neue Medium Fernsehen auf Loriot aufmerksam wurde. Seine erste TV-Sendung, die von 1967 bis 1972 in der ARD lief, hieß denn auch schlicht Cartoon.

Weihnachten bei Hoppenstedts, © HR/Radio Bremen1976 folgte die sechsteilige TV-Serie Loriot, deren Sketche vielen auch heute noch ein Begriff sind. Für seine Reihe suchte Loriot „eine blonde, pummelige Hausfrau“, entschied sich aber nach dem Vorspielen für die hagere und brünette Evelyn Hamann, die von da an Loriots Fernsehpartnerin wurde. Zu den bekanntesten Sketchen zählt Weihnachten bei Hoppenstedts mit Loriot als Opa Hoppenstedt, Heinz Müller als Walter Hoppenstedt und Evelyn Hamann als Lieselotte Hoppenstedt. Wie später in seinen Filmen persifliert Loriot hier familiäre Kommunikation und Rituale.

Heikle Gratwanderung souverän gemeistert

Obschon Loriot für seine Sketch-Reihen die Aufgaben als Autor, Regisseur und Darsteller in Personalunion ausübte, war der Weg zu einem eigenen Film noch weit. Nicht nur die bereits erwähnte Sparsamkeit stand Loriot dabei im Weg – auch die Angst, dass seine Figuren nur Sketch-Länge haben könnten, ließ den Humoristen lange zögern. Angeblich drängte ihn Filmproduzent Horst Wendlandt 15 Jahre lang – den Vorschuss immer griffbereit in der Brieftasche.

Die schwierige Gratwanderung, einerseits nahe genug an seiner bisherigen Arbeit zu bleiben, sich jedoch auf der anderen Seite weit genug davon zu entfernen, um einen Film machen zu können, meisterte Loriot mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm Ödipussi 1988 souverän.

Ödipussi, © Wolfgang JahnkeNah am bisherigen Werk ist Ödipussi vor allem thematisch. Ödipus alias Paul Winkelmann alias Loriot ist ein Mensch, der gewisse Schwierigkeiten in der Verständigung mit anderen hat und, so Loriot: „Kommunikationsgestörte interessieren mich am meisten. Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-Vorbeireden.“ Und natürlich ist das Muttersöhnchen – von der autoritär-resoluten Mutter nur „Pussi“ genannt – im Grunde unfähig, durch den Alltag zu kommen, es kämpft mit der bekannten „Tücke des Objekts“ und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste.

Loriots erster Kinofilm ist aber keine lose Aneinanderreihung komischer Sketche, sondern eine stringent erzählte Geschichte, wenn auch mit offenem Ende. Am Schluss hat sich der 56-Jährige zwar von seiner Mutter gelöst, aber noch nicht ganz abgenabelt: Als Paul und seine frische Liebe Margarethe, gespielt von Evelyn Hamann, in der letzten Szene nach Italien fahren, sitzt nicht etwa Paul am Steuer, sondern seine Mutter.

Ödipussi kam sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum gut an. Loriots Befürchtung, ein von ihm verantworteter Film könne die Produktionskosten nicht einspielen, bewahrheitete sich nicht, im Gegenteil: Rund fünf Millionen Zuschauer in West- und Ostdeutschland sorgten für volle Kassen und eine Goldene Leinwand. Ödipussi war der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 1988.

„Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“

Drei Jahre später, in der Nachwendezeit 1990/91, drehte Loriot seinen zweiten und zugleich letzten Film: Auch bei Pappa ante portas übernahm der Humorist Drehbuch, Regie und Hauptrolle selbst. Vielleicht noch mehr als in Ödipussi geht es in Pappa ante portas um gestörte Kommunikation, darum, dass Männer und Frauen einfach nicht zusammenpassen, wie Loriot seinem zweiten Spielfilm erklärend vorausschickte.

Pappa ante Portas, © Wolfgang JahnkeAls der vorzeitig in den Ruhestand versetzte schrullige und tollpatschige Einkaufsdirektor Heinrich Lohse ante portas, also vor der Haustür steht, ist es mit dem friedvollen Familienleben vorbei. Pappa lässt es sich nämlich nicht nehmen, auch zuhause den Einkaufsdirektor zu geben und bestellt schon mal – schließlich gibt das ordentlich Rabatt – 150 Gläser Senf. Seine Frau Renate – erneut brilliert an Loriots Seite Evelyn Hamann – treibt das nicht nur an den Rand des Wahnsinns, sondern für kurze Zeit auch in die Arme des drögen Schokoriegelfabrikanten Ernst Drögel.

Nicht nur gestört, sondern beendet ist die Kommunikation zwischen dem Ehepaar Lohse, nachdem Heinrich ein Filmteam ins Haus lässt, das bei den Dreharbeiten die gesamte Einrichtung auf den Kopf stellt. An Ende reden die beiden zwar wieder miteinander und beschließen, künftig gemeinsam etwas zu unternehmen, doch man ahnt schon, dass Mann und Frau auch in Zukunft aneinander vorbeireden werden.

Inhaltlich nah an Loriots bisherigen Arbeiten, wundert es kaum, dass auch Pappa ante portas mit rund dreieinhalb Millionen Besuchern ein Publikumserfolg wurde. Die Kritik reagierte etwas verhaltener als noch bei Ödipussi, der Spiegel bezeichnete den Film gar als ein „Rinnsal seniler Sketche in einer ungelenken Story“. In der Tat ist Pappa ante portas die Herkunft stärker anzumerken, doch was wäre das bei Loriot anderes, als ein Segen?

Schade, dass Produzent Horst Wendlandt einen der größten deutschen Humoristen nicht früher überzeugen konnte, den Schritt auf die Leinwand zu wagen, dann wäre Loriots Vermächtnis an den deutschen Film wohl etwas umfangreicher ausgefallen.
Vaclav Demling
hat Politikwissenschaften, Neuere und Neueste Geschichte sowie Amerikanische Literaturgeschichte in München und Siena studiert. Er arbeitet in der Internet-Redaktion des Goethe-Instituts in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

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Fotos „Ödipussi“ und „Pappa ante portas“: Wolfgang Jahnke

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