Julia Franck im Interview mit Rory MacLean

Francks Roman Die Mittagsfrau, eine Untersuchung der Ambivalenz menschlichen Verhaltens, steht auf der deutschen Bestsellerliste, seitdem er 2007 den prestigeträchtigen Deutschen Buchpreis gewann. Er wurde in immerhin 34 Sprachen übersetzt, unter anderem in dänische Blindenschrift, und ist seit diesem Monat auch in Englisch erhältlich.
„Ich hätte nie gedacht, dass es ein solcher Erfolg wird“, gesteht mir Franck. „Anscheinend lesen die Leser das Buch zu Ende und klappen es zu, aber sie fühlen sich nicht sicher. Sie fragen sich: War diese Romanfigur ein guter oder schlechter Mensch? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort.“
Julia Franck über "Die Mittagsfrau"
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Die Mittagsfrau beginnt im Jahr 1945, als eine junge Frau ihren siebenjährigen Sohn an einem Bahnhof in der Provinz aussetzt. Es folgt eine Rückblende, die ihre Lebensgeschichte während zweier Weltkriege bis hin zu dieser schockierenden Entscheidung erzählt.
„Acht Jahre lang wollte ich eine Geschichte über eine Mutter schreiben, die ihr Kind verlässt. Ich habe mich zwei ganze Jahre lang in die Epoche vertieft, Mascha Kalecko, Robert Walser, Stefan Zweig und selbst Kafka gelesen, bevor ich zu schreiben begann.“
In der Tradition von Thomas Manns Buddenbrooks und John von Düffels neuem Roman Houwelandt konstruierte Franck eine Familiensaga und spannte den Bogen von der Kindheit der jungen Helene in ländlichen Deutschland bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in dem ihr Vater an der Ostfront sinnlos zum Krüppel wird, durch die zermürbenden Jahre der Inflation und des Hungers bis hin zum ‚rotlippigen’ Berlin der Zwanzigerjahre („... eine wunderschöne Seifenblase in unserer Fantasie ...“). In der Hauptstadt findet Helene die Liebe und muss sich dann mit einer plötzlichen, brutalen Tragödie auseinandersetzen. Später heiratet sie einen ehrgeizigen Ingenieur, der Reichsautobahnen bauen und das neue arische Europa schaffen will.
Was dem Roman aber seine Kraft gibt – abgesehen von Francks sorgfältiger Recherche und hervorragender Erzählkunst – ist sein wahres emotionelles Herz. Franck greift dabei unmittelbar auf ihre eigenen Erfahrungen zurück, nämlich auf den plötzlichen Tod ihres ersten Freundes und die tragische Geschichte des eigenen Vaters.
„Der Kernpunkt meiner Erzählung ist, dass mein Vater selbst von seiner Mutter verlassen wurde“, erzählt sie und steckt sich das rabenschwarze Haar hinter die Ohren. Sie strahlt Ehrlichkeit, aber auch Kühle und Professionalität aus. „Die Erfahrung hat ihn so geprägt, dass er sie nie wiedersehen wollte. Er wurde zu einem schüchternen und empfindsamen Mann, der sein Leben allein lebte und starb, als ich erst siebzehn war.“ Franck schüttelt den Kopf, wie um die Erinnerung abzuschütteln, und gibt damit einen flüchtigen Einblick in ihr eigenes Ich hinter der gelassenen öffentlichen Fassade. „Es war zu früh. Ich lernte ihn gerade erst kennen.“
Nach seinem Tod machte sich Franck auf die Suche nach ihrer Großmutter. Zwei Jahre Telefonate und Korrespondenz brachten sie zu einem Dorf am Rand von Berlin im damaligen Ostdeutschland.
„Aber ich kam zu spät. Sie war sechs Monate vorher gestorben“, fährt Franck fort. „Ich erfuhr aber, dass die Mutter meines Vaters niemals wieder geheiratet, sondern ihr ganzes Leben lang als Krankenschwester gearbeitet hat und keinem ihrer Freunde oder Kollegen erzählte, dass sie ein Kind hatte. Wie ist es einer Frau möglich, ihr Kind aufzugeben und nichts zu sagen?“ fragt sie mich plötzlich voller Gefühl. Wieder schüttelt sie den Kopf. „Ich erkannte sofort, dass sie eine Romanfigur sein konnte, diese Frau, deren schwacher Spur ich folgen konnte, doch weil mir so vieles in ihrem Leben unbekannt war, hatte ich gleichzeitig Spielraum für die Fantasie und die Erfindung.“
Franck begann ihr Buch, und es gelang ihr schnell, in die Haut ihrer Protagonistin zu schlüpfen.
„Ich habe ständig versucht, mich in Helene einzufühlen, die Figur, die auf meine Großmutter zurückgeht. Ich wollte nachvollziehen, was sie spürte. Ich wollte sie nie moralisch oder populärpsychologisch bewerten. Ich habe lediglich versucht, sie zu begleiten, ihr Leben zu verfolgen. Durch sie hoffte ich zu sehen, wie man in schweren Zeiten die falsche Entscheidung treffen kann.“
Man braucht Mut, um sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen. Wie das moderne Deutschland selbst, unterzieht sich Franck einer intensiven Eigenpsychoanalyse. Dieser humane und bewegende Prozess beruht auf der Freudschen Vorstellung, dass Verdrängtes (oder zumindest Unausgesprochenes) wie ein Geschwür am Menschen frisst, wenn es nicht ans Licht gebracht wird. Das Beharren auf der Erinnerung, auf der Konfrontation mit der Vergangenheit, ist eine uralte jüdische und jetzt auch westliche Vorstellung: die Überzeugung, dass zum psychischen Wohl des Einzelnen wie auch der Gesellschaft die Vergangenheit mit all ihren Sünden, Schmerzen und ‚Fehlentscheidungen’ ausgegraben und als Voraussetzung für die Heilung eingestanden werden muss.
„Bei Erscheinen der Mittagsfrau wollten Reporter im Interview immer etwas über mein Privatleben erfahren. Zuerst habe ich nicht darüber gesprochen. Ich habe es verborgen, um mich selbst zu schützen. Ich wollte nach meiner Arbeit und nicht nach meinen persönlichen Erfahrungen beurteilt werden. Aber langsam begann ich zu verstehen, wie wichtig es war, darüber zu sprechen.“
Lange vorher hatte Franck im Buch – vielleicht unbewusst – ein Verständnis dafür entwickelt, wie wichtig es ist, dem Unausgesprochenen eine Stimme zu geben. Die Mittagsfrau ist eine geisterartige Sagengestalt aus der Lausitz, der ostdeutschen Region, in der Helene aufwächst, die zur Mittagszeit mit der Sonne erscheint. Ihr Zauber führt zu Verwirrung, Schwindel und sogar zum Tod, und das Opfer kann ihm nur widerstehen, wenn es über sich selbst und seine Arbeit spricht. Für Franck verkörpert die Mittagsfrau ein natürliches Verständnis für das tiefe Bedürfnis des Menschen, Erfahrungen und Geschichten auszutauschen.
„Helene ist nicht die Mittagsfrau“, betont sie. „In ihrem Leben befolgt sie nicht den Rat der Sage. Aber sie weiß davon.“
Ich frage Franck, ob sie nach dem Verfassen des Buches ein besseres Verständnis für die schockierende Entscheidung ihrer Großmutter und die verzweifelte Reaktion ihres Vaters erlangt hat.
„Ich nehme nicht für mich in Anspruch, ihr innerstes Selbst zu kennen. Aber durch die Romanfiguren fand ich einen Weg, mir ihr Leben, ihr Wesen vorzustellen. Vielleicht sind es einfach nur zwei verschiedene Seiten der Realität. Die erste ist, wie eine Person zu sich selbst steht und was sie mit anderen teilen kann. Bei der zweiten geht es darum, wie die gleiche Person von außen gesehen und durch Einfühlungsvermögen verstanden wird. Ich glaube, ich habe auf fiktive Weise die Wahrheit darüber herausgefunden.“
In den letzten Wochen ist Franck nach Großbritannien, Argentinien, Italien und Kroatien und durch ganz Deutschland gereist. Aber das hektische Jahr ihrer Buchkampagne für Die Mittagsfrau geht demnächst zu Ende. Bald zieht sie sich in ihr Arbeitszimmer zurück, um ihr nächstes Buch zu schreiben.
„Über das Thema spreche ich mit niemandem“, sagt sie mit einem entschuldigenden Lächeln. Dann spannt sie mich mit noch mehr erstaunlichen Familiengeschichten auf die Folter, unter anderem die ihrer jüdischen Großmutter mütterlicherseits, die während der Nazizeit auf Befehl Hitlers von den Judenverfolgungen verschont blieb.
Wer oder was auch immer das Thema von Francks nächstem Buch ist, ich hege keinen Zweifel, dass auch dieses seine Kraft aus ihrer Fähigkeit schöpfen wird, auf ihre eigenen Emotionen zurückzugreifen und diese mitzuteilen – als ob sie sich vor der Mittagsfrau schützen müsste.
Juni 2009
Übersetzt von Susanne Mattern









