Der Wahrheitserfinder

Ein Roman über zwei Wissenschaftler macht aus einem mäßig erfolgreichen Schriftsteller einen Bestsellerautor. In Die Vermessung der Welt zeigt Daniel Kehlmann ein perfides und wohl durchdachtes Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit – das Leitmotiv seines Schaffens.
Als Daniel Kehlmann zum ersten Mal die Stufen zur Göttinger Sternwarte betritt, ist er mit seinem neuen Roman fast fertig. Seine fiktionale Version noch im Kopf, durchquert er die realen Räume der historischen Stätte, an der der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß einst forschte. In einer Ecke steht ein alter Telegraf; Kehlmann hat ihn gerade in einer Romansituation in Szene gesetzt. Als er aber nun vor dem echten Gerät steht, muss er erkennen, dass das Ding damals bei Gauß kaum funktionstüchtig war. Kehlmann stutzt – und beschließt, den Telegrafen in seinem Roman so zu lassen wie er ihn erfunden hat: einsatzbereit. Daniel Kehlmann nennt dies das „Erfinden von Wahrheit“.
Das Vexierspiel zwischen Fakt und Fiktion, Wissenschaft und Kunst zieht sich als Leitmotiv durch Kehlmanns Werke. In Der fernste Ort erfindet sich ein junger Mann von Grund auf neu; in Ich und Kaminski prallen das reale Leben eines Künstlers und dessen Biografie aufeinander; und dass der Protagonist seines ersten Romans, Beerholms Vorstellung, ausgerechnet Zauberkünstler ist, der mit Kartentricks die Naturgesetze täuschend außer Kraft setzt, erscheint rückblickend nur konsequent. In Die Vermessung der Welt lässt der Autor schließlich den Entdecker Alexander von Humboldt über Romane schimpfen, „die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde“.
„Überhaupt nicht wie von einem Deutschen“
Dieser ironische Unterton mag mitverantwortlich sein für den Erfolg des historisch angelegten Romans über Gauß und Humboldt, zwei Wissenschaftler, deren Entdeckungen bis heute unsere Wahrnehmung prägen. Die Vermessung der Welt, geschrieben mit hintergründigem Witz und nicht langatmig, was bei diesem Thema gefährlich naheliegt, ist ein Wendepunkt für Kehlmann. Die magische Marke von einer Million verkaufter Exemplare knackt das Buch 2007; monatelang steht es an der Spitze der Bestsellerlisten und wird in 42 Sprachen übersetzt. Im Herbst 2008 startet die erste Bühnenfassung und sogar die Filmrechte sollen verkauft sein. Der britische Guardian kommentiert verblüfft, das Buch lese sich überhaupt nicht, als sei es von einem Deutschen – und das ist als Kompliment gemeint.
Die „Glückskatastrophe“ Bestseller
Er sei selbst ein wenig erschrocken über den Erfolg, beteuert der 1975 in München geborene Kehlmann in schöner Regelmäßigkeit, in Interviews und Dankesreden inszeniert er sich charmant als Meister der Tiefstapelei, seziert voller Selbstironie die Liste seiner Nichterfolge vor der „Glückskatastrophe“ seines Bestsellers und spendet Preisgelder an Ärzte ohne Grenzen statt sie auf sein Konto zu packen. In einem Interview erklärt er: „Wenn man sagt, der Erfolg ist wie ein Lottogewinn, dann nimmt einem das die Verantwortung.“
Aber natürlich ist Kehlmanns „Glückskatastrophe“ kein Zufall. Fünf Romane hat Kehlmann davor veröffentlicht. Bei Nummer 5, Ich und Kaminski, Kehlmanns zynischem Kunstkritiker-Verriss, wird das Feuilleton endlich auf ihn aufmerksam. Mathematische Gewitztheiten streut er in den meisten Werken über die Seiten, naturwissenschaftlich Tiefsinniges blitzt hier und da auf. In seiner Essaysammlung über Bücher, Wo ist Carlos Montúfar, grübelt Kehlmann über Klassiker wie J. D. Salingers Fänger im Roggen, räsoniert über den Einfluss des Lektors auf die Sprache des Autors, zitiert leichthändig Schopenhauer und macht vor allem klar: Hier schreibt kein Dünnbrettbohrer. Der sich hier äußert, hat vieles bis auf seinen Grund durchdrungen; er ist ein Faktensammler, ein Perfektionist. Dass er momentan an einer Doktorarbeit über Kant sitzt, passt ins Bild. Zufälle, nein, Zufälle gibt es bei ihm nicht.
„Es würde mir gefallen, ein Buch geschrieben zu haben“
Kehlmanns Sprache spiegelt diese Durchdachtheit, geradlinig könnte man sie nennen: Schnörkel sind nicht sein Ding. Überflüssige Adjektive und Nebensätze, die sich ewig winden, würden bei seinen Texten vom Wesentlichen ablenken. „Erzählen, das bedeutet einen Bogen spannen, wo zunächst keiner ist, den Entwicklungen Struktur und Folgerichtigkeit gerade dort zu verleihen, wo die Wirklichkeit nichts davon bietet“, schreibt er in einem Essay.
Der in Österreich aufgewachsene Kehlmann scheint auf der pragmatischen Seite des Erfolgs zu stehen: Sein Vater, erzählt er einmal, sei Regisseur gewesen, die Schnelllebigkeit des kulturellen Gewerbes sei ihm daher vertraut. „Ich wusste immer, dass es mir gefallen würde, ein Buch geschrieben zu haben“, schreibt Kehlmann in Wo ist Carlos Montúfar. Auch wenn er dank des Verkaufsschlagers finanziell ausgesorgt hat, ist zu erwarten, dass er sich seine skeptische Haltung gepaart mit Selbstironie bewahren wird. Sein nächstes Werk ist für Anfang 2009 angekündigt. Vertrackt sei es, verkündet der Verlag: ein Roman aus neun Geschichten, ein Spiel, na klar, mit Schein und Sein. Der Titel des Buchs: Ruhm.
Bücher:
Beerholms Vorstellung (1997), Rowohlt 2007
Unter der Sonne, Suhrkamp 2000
Der fernste Ort (2001), Suhrkamp 2004
Mahlers Zeit (2001), Suhrkamp 2006
Ich und Kaminski, Suhrkamp 2003
Die Vermessung der Welt, Rowohlt 2005
Wo ist Carlos Montùfar?, Rowohlt 2005
Measuring the World, Pantheon (USA)/Quercus (UK) 2007 (Engl.)
Ruhm, Rowohlt 2009; verkauft nach Frankreich, Italien, Holland und Kroatien
Me and Kaminski, Pantheon (USA)/Quercus (UK) 2009 (Engl.)
Yo y Kaminski, El Acantilado 2005 (Span.)
La medición del mundo, Emece Editores 2007 (Span.)
La misura del mondo, It’Art 2008 (Ital.)
schreibt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien.
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September 2008











