Rainer Stenzenberger

Rory MacLean im Gespräch mit Rainer Stenzenberger

© Rainer Stenzenberger
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Im Lauf der Jahre hat Berlin seinen Teil an schlechter Gesellschaft abbekommen: Ausbeuter und vom Hass getriebene Diktatoren, kompromisslose Nationalisten und raubgierige Besatzer, Terroristen und Bauunternehmer. Als ob das nicht schlimm genug wäre, steht der Stadt jetzt anscheinend eine Invasion von Werwölfen bevor.

Rainer Stenzenberger ist ein höchst erfolgreicher Wirtschaftswissenschaftler. Im Jahr 2005 kündigte er im Alter von 42 Jahren seine sichere Stelle im öffentlichen Dienst in Wiesbaden, um einen Traum zu verfolgen.

„Ich wollte nicht den Rest meines Lebens nur von meinen Träumen reden“, erzählt er mir bei unserem Treffen. „Ich wollte kreativ arbeiten. Also zog ich nach Berlin und versuchte es mit dem Fernsehen, doch dann wurde mir klar, dass ich eigentlich Romane schreiben wollte.“

Sein erstes Buch ist Berlin Werwolf, die Geschichte des ausschweifenden Gero von Sarnau, eines Berliners, der mehr Laster hat als die meisten Menschen Freunde auf Facebook. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Stadtbewohnern ist Gero ein Werwolf, der zufällig ein Gewissen hat. Er tötet nur Menschen mit zweifelhafter Moral. Zusammen mit drei Freunden plant Gero einen Raubüberfall auf den berüchtigten Kreuzberger Buchmacher Yildiray, dessen Tochter Geros heimliche Angebete ist.

Berlin Werwolf cover © Rainer Stenzenberger„Die typische Vampirgeschichte ist für meinen Geschmack zu romantisch“, erklärt Stenzenberger. „Meine Hauptfigur sollte ein „richtiger“ Mensch sein, der in einer kleinen Wohnung wohnt, nicht in einem Schloss, und der glaubt, dass man schwierige Probleme manchmal nur mit Gewalt lösen kann. Gleichzeitig wird im Buch die Gewalt aber nicht verherrlicht. Ich bin ein moralischer Mensch. In gewisser Hinsicht geht es schwerpunktmäßig um die wichtige Rolle der Freundschaft.“

Nachdem er keinen Publikumsverlag für sein Manuskript interessieren konnte, brachte Stenzenberger das Buch im Eigenverlag heraus. Es sprach die Fantasie der Leser beinahe sofort an und zog auch die Aufmerksamkeit des be.bra verlags auf sich. Dieser kleine Berliner Verlag nahm das Buch an, redigierte es, verpackte es neu und brachte es letztes Jahr heraus.

„Da man in diesem Genre unbedingt eine Serie braucht, wurde der zweite Band von Berlin Werwolf letzten Monat bei der Leipziger Buchmesse vorgestellt“, sagt Stenzenberger. „Wenn wir Glück haben, gibt es noch eine dritte und vierte Folge ... das hängt aber ziemlich vom kommerziellen Erfolg ab.“

Stenzenberger schrieb beide Bücher nach der gleichen Technik. Seine Vormittage verbrachte er auf der Straße oder in Kreuzberger Cafes und machte Beobachtungen mit dem Notizbuch in der Hand, und am Nachmittag arbeitete er seine Notizen in die Erzählung ein, nahm dabei Elemente des heutigen Berlins sofort in die Geschichte auf und gab so seiner Sprache eine überzeugende Direktheit.

„Mit seiner Mischung aus bemerkenswerten Menschen und Charakteren ist Berlin manchmal wie ein Zoo“, meint er. „Ich versuche, sie auf Papier zu bannen, also sind all die Figuren in meiner Werwolfgeschichte irgendwie echt.“

Gleichzeitig arbeitet Stenzenberger noch immer freiberuflich als Berater für Wirtschaftsförderung mit Kunden wie der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, und berät Regierungen in Ländern wie Albanien, Bulgarien, Mazedonien und Georgien.

„Ich liebe meine berufliche Arbeit, und die Einkünfte erlauben mir, weiter zu schreiben“, sagt er. „Natürlich versuche ich, die zwei Seiten meines Lebens voneinander zu trennen, aber in unserer vernetzten Zeit ist es unvermeidlich, dass Kollegen oder Auftraggeber meinen Namen googeln und dann feststellen, dass ich Werwolf-Bücher schreibe. Tatsächlich leben viele Facebook-Fans von ‚Berlin Werwolf‘ in Georgien, obwohl das Buch nur auf Deutsch erschienen ist“, fügt er mit einem Lachen hinzu.

© Rainer StenzenbergerEin Filmproduzent hat Interesse an einem Film zur Serie geäußert, und Stenzenberger hofft, das Berlin Werwolf bald auf Englisch erscheint.

„Natürlich will ich kommerziell Erfolg haben“, sagt er mir. „Aber vor allem will ich, dass meine Bücher die Menschen anrühren. Ich habe so wunderbare E-Mails und Kommentare von Fans bekommen. Es macht mir viel Spaß, wie die neuen Medien – Facebook, E-Mail – einem Autor den Kontakt mit seinen Lesern ermöglichen“.

Rainer Stenzenbergers E-Mail: r_stenzenberger@web.de

Artikel von Rory MacLean
Mai 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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