Tilman Rammstedt

Rory MacLean im Gespräch mit Tilman Rammstedt

Tilman Rammstedt © Juliane Henrich
Tilman Rammstedt © Juliane Henrich
Keith Stapperpfennig versteckt sich unter seinem Schreibtisch, die Knie mit Spülschwämmen gepolstert. Er hat seiner Familie erzählt, dass er mit seinem exzentrischen Großvater nach China in Urlaub fahren würde, aber als das nicht klappte, verkroch er sich in seinem Versteck… bis das Telefon klingelt und er erfährt, dass sein Großvater doch nicht nach China gefahren ist. Er ist tot.

So beginnt Tilman Rammstedts wunderbar skurriler dritter Roman, Der Kaiser von China, das erste seiner Bücher, das dank der begabten Übersetzerin Katy Derbyshire und Seagull Books auf Englisch erhältlich ist.

In dieser herrlichen Lügengeschichte beschließt Rammstedts Erzähler Keith nach dem Telefonanruf, die Reise nach China vorzutäuschen und seinen Geschwistern das Ableben des alten Mannes zu verschweigen. Mithilfe eines einzigen Reiseführers macht sich Keith daran, eine Reihe von Briefen an sie nach Hause zu schreiben, in denen er die imaginäre Reise beschreibt und nebenbei die herzerwärmende Liebesgeschichte zwischen seinem Großvater und der dicksten Frau der Welt sowie Keiths eigene Missgeschicke in der Liebe und seine ziemlich ungewöhnliche Erziehung erzählt.

„Ob ich schon einmal in China war“? lacht Tilman Rammstedt, 38, bei unserem Treffen in Berlin. „Nein, noch nie. Um Der Kaiser von China zu schreiben, dachte ich vielmehr, es sei wichtig, das Land nicht zu kennen“. Er senkt die schräg abfallenden blauen Augen und lässt eine dunkle Haarsträhne über sie fallen. „Weißt du, ich bin nicht so wild auf Recherchen. Meine China-Kenntnisse kamen aus einem einzigen Reiseführer, genau wie bei Keith“.

Trotz seines bescheidenen Humors kommt Rammstedt an den bewegenden Reflexionen seines Buches über das Wesen von Erinnerung und Wahrheit, über die Macht der Fantasie nicht vorbei.

„Es gab kein einzelnes Ereignis, das mich dazu gebracht hat, Schriftsteller zu werden“, erzählt er mir in Erinnerung an seine Jugend in Bielefeld. „Als Kind habe ich viel gelesen und mir Dinge ausgemalt, wie viele Menschen. Als Jugendlicher verlor ich mich noch immer in Gedanken und dachte mir Möglichkeiten aus, wie viele Menschen. Einfach gesagt, spiele ich im Kopf Szenarien durch. Das ist eine Charaktereigenschaft, die ich als sehr befreiend empfinde, obwohl sie im täglichen Leben nicht besonders nützlich ist“.

Rammstedts Einbildungskraft mag „nicht besonders nützlich“ sein, aber sie machte ihn zu einem der spannendsten jungen Romanautoren und fantastischsten Lügner Deutschlands. Nach seinem Studium der Philosophie und vergleichenden Literaturwissenschaft an den Universitäten Edinburgh, Tübingen und Berlin wurde der deutsche Verlag DuMont auf ihn aufmerksam. Bei einem der Lesebühnen-Abende in der Hauptstadt, wo unbekannte Autoren ihre neuesten Arbeiten laut lesen, trug Rammstedt mehrere seiner urkomischen, zu Herzen gehenden Geschichten vor, die DuMont sofort aufgriff und als Erledigungen vor der Feier veröffentlichte. Auf seinen Debütroman folgte Wir bleiben in der Nähe und der renommierte Preis Open Mike sowie der Rheinische Kulturförderpreis, das New-York-Stipendium der Kulturstiftung der Länder, der Kasseler Literaturförderpreis für grotesken Humor, der Literaturförderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, der Ingeborg-Bachmann-Preis, der Publikumspreis der Klagenfurter Literaturtage und der Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis.

„Ich mag das Spielerische am Schreiben, dass man etwas Eingebildetes real machen kann, wenigstens in einem Buch“, erzählt er mir.

Tilman Rammstedt © Juliane HenrichRammstedts witzige, rasante Fantasien kommen bei Lesern und Kritikern gleichermaßen gut an. In einer Kritik tönte die Welt am Sonntag, „es dürfte nicht leicht fallen, einen lebenden deutschen Schriftsteller zu finden, der auf so wunderbar lakonische Weise zu erzählen versteht“. Die angesehene Frankfurter Allgemeine Zeitung ging noch weiter und erklärte, Der Kaiser von China sei „ein Tempel, ein Affenzirkus, eine Liebeserklärung an die Phantasie, weil die Phantasie eine Liebeserklärung ans Leben ist… Ein Buch, das uns die richtige Station verpassen lässt… aus dem wir nicht aussteigen können, nicht bei diesem Tempo, der uns mitreißt, wegreißt, weit fort, und der uns erschüttert, weil wir plötzlich, Tränen lachend, hinter der irrwitzigen, kalligrafisch verzierten Fassade eine tiefe Wahrheit erblicken“. Der Kulturspiegel schließlich schrieb, Rammstedts Roman sei wie „…ein Film der Coen-Brüder . . . auf eine Weise erheiternd, wie es in der deutschen Literatur selten zu lesen ist. Der Kaiser von China ist ein unterhaltsames Buch, nicht seicht, nicht zotig, nicht besserwisserisch... Es ist einfach ungeheuer unterhaltsam“.

Sein viertes Buch, Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters, besteht aus einer Serie imaginärer unbeantworteter E-Mails seines Alter Ego (ebenfalls ein Autor namens Tilman) an den Schauspieler Bruce Willis. In den Nachrichten bittet Tilmans Alter Ego den Hollywood-Helden um Hilfe, um ein teilweise geschriebenes Buch durch eine geniale Wendung in der Handlung zu retten. Leider steht englischsprachigen Lesern Rammstedts neueste abenteuerliche Fantasie noch nicht zur Verfügung.

Am Ende unseres Treffens frage ich Rammstedt schließlich, ob er sich auch einmal unter dem Schreibtisch versteckt hat wie Keith Stapperpfennig, der Erzähler in Der Kaiser von China.

„Sagen wir einfach, dass ich nicht die Sorte Mensch bin, die sich in schönen Träumen verliert“, erzählt er mir, wieder mit sanfter Bescheidenheit. „Aber ich verliere mich durchaus in katastrophalen Vorstellungen“.

Rory MacLean
Mai 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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