ihre Dialekte

Dialekte in der deutschen Kulturszene

Viele Künstler arbeiten ganz entgegen den Trend mit ihren Dialekten.  Foto: Diana Lundin © iStockphotoViele Künstler arbeiten gegen den Trend mit ihren Dialekten.  Foto: Diana Lundin © iStockphotoDialekte sind altmodisch und klingen ungebildet. Wer etwas erreichen will, muss Hochdeutsch sprechen – so eine verbreitete Meinung. Anders ist es in der Kulturszene. Dort sind Dialekte von Vorteil: Sie wirken authentisch und fördern die Komik.

„Dkia miaset jeda Morga aufd Woid“, so klingt es, wenn ein Schwabe aus dem ländlichen Kohlstetten sagt, dass die Kühe jeden Morgen auf die Weide müssen. Jemand, der gerade Deutsch lernt, wird das nicht verstehen. Jemand aus Berlin aber auch nicht. Schwäbisch ist einer von vielen deutschen Dialekten, eine gesprochene Variante des Deutschen mit regionaler Färbung. Im Schwäbischen ist die bezüglich der Aussprache, Grammatik und des Wortschatzes so stark ausgeprägt, dass viele Norddeutsche einen Schwaben nicht verstehen.

Früher sprach jeder Mundart

Dialekte, auch Mundarten genannt, verraten, wo ein Sprecher herkommt – an manchen Orten wird ein Dialektsprecher sogar schon im Nachbardorf als ortsfremd erkannt. Und: Dialekte polarisieren. Sie verbinden und grenzen aus, werden als charmant angesehen, aber auch als Hinweis auf einen niedrigen Bildungsstand. Manche Sprecher sind stolz auf ihre Mundart, andere verbergen sie lieber.

Donato Plögert aus Berlin singt seine Lieder in Dialekt.  Foto: © M. Plögert60 Prozent der Deutschen sprechen einen Dialekt. Das ergab eine Umfrage des Instituts für Deutsche Sprache im Jahr 2009. Die meisten Dialektsprecher leben im Süden Deutschlands.

Früher sprach jeder eine Mundart: Fränkisch, Brandenburgisch, Hessisch. Die Verständigung zwischen den Dialektgruppen war oft schwer. Erst die standardisierte deutsche Sprache ermöglichte eine regional übergreifende Verständigung. Mittlerweile verdrängt die Hochsprache die Mundarten immer weiter. Urbanisierung, sozialer Aufstieg, ein höherer Bildungsgrad und der Einfluss der Medien tragen dazu bei.

Lieder in Berliner Mundart

Viele Künstler wie Kabarettisten, Musiker oder Autoren arbeiten gegen den Trend mit ihren Dialekten – äußerst erfolgreich, nicht nur im jeweiligen Sprachgebiet. Wenn Donato Plögert seine „neuen Berliner Lieder“ singt, versteht ihn jeder Deutsche. Berlinerisch gilt als charmant und frech, die typische „Berliner Schnauze“ ist deutschlandweit beliebt. Seit sechs Jahren singt Plögert im Dialekt. Im Alltag spricht er ihn nicht. „Als Kind durfte ich es nicht“, sagt er. Als Künstler ist die Berliner Mundart für ihn ein Mittel, um „schwierige soziale Themen aufzulockern“. In seinen Liedern geht es um die demente Oma, um Jugendkriminalität in der Schule oder das schwule Liebespaar aus dem Nachbarhaus. Mundart gebe den Liedern Herz, findet Plögert. Und auch Humor. „Im Dialekt spricht man schneller, die Worte kommen zackiger.“ Das sei gut für die Pointe.

Kabarett auf Sächsisch

Kabarettist Uwe Steimle findet, dass Mundarten zur Komik beitragen.  Foto: © PR AgenturAuch der Dresdener Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle findet, dass Mundarten zur Komik beitragen. „Dialekte sind an sich lustig“, sagt er. „Sie nehmen sich nicht so ernst.“ Humor ist aber nur ein Grund, warum seine Kabarett-Figur Günther Zieschong Sächsisch spricht. Steimle ist Sachse mit Leib und Seele und das Sächsische Teil seiner Person. Heimat und Zugehörigkeit bedeutet es für ihn. „Wer Hochdeutsch spricht, will nicht erkannt werden“, meint Steimle, der die Standardsprache kühl und distanziert findet. Dialekte seien authentisch. „Da kommt die Sprache aus dem Bauch“, sagt er. „Dadurch bringe ich die Sachen so rüber, wie die Leute sie sagen.“

Dass der breitmündige Singsang der Sachsen eher unbeliebt ist, stört Steimle nicht. Bei Umfragen rangiert Sächsisch immer wieder weit unten auf der Beliebtheitsskala der Dialekte. Immer noch assoziieren viele Deutsche es mit der sächselnden Führungsriege der DDR-Diktatur und mit den Problemen Ostdeutschlands. Dagegen geht Steimle an. Mit Sächsisch. „Mit meinem Dialekt werbe ich um Verständnis für die DDR-Vergangenheit“, sagt er. Bei seinem Publikum kommt das überraschend gut an.

Theater auf Bairisch

„Wenn ein Mensch mit einer Einfärbung spricht, ist er authentisch“, sagt der Theater-Regisseur Christian Stückl, der selbst starkes Bairisch spricht. „Man spürt einfach mehr Mensch.“ Stückl ist Intendant am Münchener Volkstheater, wo Klassiker wie Goethe, Kleist und Shakespeare aufgeführt werden. Nicht auf Bairisch. „Die haben schon ihren eigenen Dialekt“, sagt er. Andererseits sei ihm aber auch aufgefallen, dass das Publikum näher an den Figuren dran ist, wenn auf der Bühne Bairisch gesprochen wird – wie in den ländlichen Volksschauspiel-Theatern, die Geschichten aus der Region im Dialekt aufführen.

Steimle: „Mit meinem Dialekt werbe ich um Verständnis für die DDR-Vergangenheit“  Foto: © PR AgenturDaher inszeniert auch Stückl an seinem anspruchsvollen Haus manchmal Stücke im Dialekt – kein Kleist oder Goethe, aber schon „Hochliteratur, die wir ins Bairische übertragen“. Momentan ist das die Komödie Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben. Auch für Stückl hat Mundart viel mit Komik zu tun. „Sie ist die lebendigste Sprache, so wie man spricht“, sagt er. „Und daraus entsteht Komik.“ Seit fünf Jahren beschert der Brandner Kaspar ihm regelmäßig ein ausverkauftes Haus. Jährlich ziehe das Stück vier Mal so viele Zuschauer an wie ein hochdeutsches, erzählt er. Alte und auch viele junge.

Katja Hanke
ist Sprachwissenschaftlerin und freie Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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