Seriengriller

Das unbeschwerteste Treffen zwischen Angela Merkel und George Bush fand vermutlich vor zwei Jahren in dem norddeutschen Dörfchen Trinwillershagen statt. Nach Jahren der Spannung zwischen der Regierung Bush und der unter Kanzler Gerhard Schröder war der Umgang mit einem gemäßigteren deutschen Staatsoberhaupt für den Präsidenten eine Erleichterung. Die Kanzlerin wurde auf die Ranch des Präsidenten nach Crawford in Texas eingeladen – ein seltenes Privileg, etwa wie eine Einladung zum Tee bei der Queen oder zu Martini-Cocktails in die Villa des Playboy-Gründers Hugh Hefner. Aber vorher wollte Frau Merkel selbst ein Grillfest ausrichten, um zu demonstrieren, dass Deutschland eine ernst zu nehmende Macht ist.
Picknick der Fleischfresser
Die Kanzlerin besaß zwar keine Ranch, aber in ihrem ostdeutschen Wahlbezirk an der stürmischen Ostseeküste befand sich die ehemalige LPG "Rotes Banner". Das war vielleicht nicht gerade Texas – das dazugehörige Dorf hat 1.162 Einwohner und ist nicht von Ölquellen, sondern ganz im Sinne von Kyoto von 18 Windrädern umgeben. Aber der neue Besitzer der LPG-Räumlichkeiten tat sein Bestes: er ging auf die Wildschweinjagd, stieß auf ein 30-Kilo-Exemplar und erlegte es. Nachdem der Geheimdienst die Beute auf Gift untersucht und der Tierarzt die Kugel entfernt hatte, war das Schwein kurz darauf mit Zwiebeln, Speck und Knoblauch gespickt der Mittelpunkt des Grillereignisses. Auch Reh und Ente wurden gereicht: es war ein Picknick der Fleischfresser. Alles sollte wie bei einem amerikanischen Barbecue ablaufen. Nur die mutmaßliche Vegetarierin Condoleezza Rice war ein wenig blass um die Nase. Eine gelungene Metapher für die transatlantische Beziehung – ein nahrhafter, schwer verdaulicher Dauerbrenner. Die Berater von Angela Merkel werteten die Grillparty als Erfolg: allen Widrigkeiten zum Trotz hatte Merkel eine Stimmung wie auf einer Ranch gezaubert und George Bush sich wie daheim gefühlt. Aber natürlich trennten Welten diesen Grillabend vom amerikanischen Feinschmeckertraum. "Es war toll, Angela", sagte der Präsident, "das ist also ein echtes deutsches Grillfest!"Die eifrigsten Bratmaxe in ganz Europa
Deutsche Grillpartys sind einzigartig – soviel steht fest. Das Wort "Barbecue" ist wohl vom mexikanisch-spanischen "barbocoa" abgeleitet, was "heilige Feuerstätte" bedeutet. Die Amerikaner übernahmen die Grillsitte zuerst und machten sie zum Teil der Kleinstadtidylle: ein Haus, ein Auto, eine Frau, zwei rotbäckige Kinder und einen Grill im Garten. Indem man Steaks im Freien grillte, ließ man seine Nachbarn wissen, dass man es zu etwas gebracht hatte. In Deutschland wurde zwar erst später draußen gegrillt, jedoch geriet es in den 1950ern bald zum Volkssport. Heute gelten die Deutschen als eifrigste Bratmaxe in ganz Europa. Natürlich genießen auch andere Völker hin und wieder ein über Kohle gebrutzeltes Stück Fleisch. Aber sie folgen keinem derart ausgeklügelten Ritual wie die Deutschen, für die der Grill eine wahrhaft "heilige Feuerstätte" ist.
Der deutsche Grillabend ist zu einem der wichtigsten Gemeinschaftserlebnisse der Vororte geworden. Vor allem ist es der Moment, in dem der deutsche Büroangestellte, der sich normalerweise tagsüber von seinem Revier fernhält, die Herrschaft über seinen Grund und Boden ausübt. Will man sich ins Gedächtnis rufen, dass Grillen eine Erfindung der Steinzeit ist, muss man nur einmal an einem Sommerabend bei einem Fußballspiel der Deutschen eine Straße entlangschlendern. Das Tier zu jagen – also Würstchen, Steaks und Hackfleisch im Supermarkt zu kaufen – ein Feuer zu entfachen und es zu beaufsichtigen, ist absolute Männersache. Für junge, frisch vermählte Männer stellt der Grillabend mit den Schwiegereltern einen Initiationsritus dar und demonstriert der angeheirateten Sippschaft, dass man genug Testosteron zur Zeugung von Kindern hat. Für Männer in den mittleren Jahren ist er einer der wenigen Augenblicke, in denen sie immer noch "Hol mir ein Bier, Schatz, ich bin mit dem Essen beschäftigt!" rufen können, ohne eine Bratpfanne über den Schädel gezogen zu bekommen. Grillen und Feminismus gehen partout nicht zusammen. Es ist die reinste Zurschaustellung männlicher Hormone. Und wo es gerade um Männerdomänen geht – können Sie sich Alice Schwarzer beim Grillen einer Bratwurst vorstellen? Nein – es gibt klare Spielregeln.
Eine Gesellschaftswissenschaft
Deutsche Männer können stundenlang über die richtige Wahl des Fleisches (Hühnerfleisch gilt als zu weibisch für den männlichen Grillgeschmack, weil es a) zu wenig Fett hat und b) schwer zuzubereiten ist, ohne Lebensmittelvergiftungen zu verursachen), über die richtige Rindfleischmarinade, den richtigen Moment zur Beigabe von Kräutern, den Einfluss von Rauch, die richtige Ausrüstung (das deutsche Alpha-Männchen lehnt den runden, transportierbaren Kugelgrill ab), den richtigen Anzünder, den Umgang mit Aluminiumfolie und die Schmorzeit vor dem Wenden des Grillspießes dozieren. Was muss man nicht alles lernen und beherzigen, kein Wunder, dass deutsche Männer das Grillen zu einer modernen Wissenschaft erhoben haben.
Zu einer Gesellschaftswissenschaft, selbstredend. Dafür haben deutsche Gerichte gesorgt. Das Landgericht München hat soeben verfügt, dass Nachbarn, die sich durch den über den Zaun ziehenden Qualm, den Geruch von Fleisch, das Gebrutzel und Gezische gestört fühlten, akzeptieren müssten, dass das Grillen zum deutschen Sommer gehöre. Solange der Grillabend in einem "angemessenen" Rahmen abläuft, kann der wütende Nachbar nicht dagegen klagen. Aber was heißt denn "angemessen"? Das Münchner Gericht legte fest, dass 26 Grillabende in einem Zeitraum von vier Monaten angemessen seien. Das Stuttgarter Landgericht war hier strenger – nur drei Grillabende pro Jahr seien akzeptabel, und diese dürften nicht länger als zwei Stunden dauern. Das 2006 abgeschaffte Bayerische Oberste Landesgericht formulierte hingegen sehr präzise, dass im Sommer maximal fünf Mal mit Holzkohle gegrillt werden dürfe und nur im hinteren Teil des Gartens. Ein Bonner Gericht besteht darauf, dass man die Nachbarn mindestens 48 Stunden im Voraus informieren müsse. Seltsam? Eigentlich nicht, nur typisch deutsch.
Das Grillen steht vor einer Revolution
Die Bratwurst ist ein Klimakiller – auch das steht fest. Die deutschen Frauen, die die altsteinzeitliche Begeisterung ihrer Ehemänner, im Garten Feuer zu entfachen und Fleisch zu verzehren, immer schon argwöhnisch beobachteten, greifen zunehmend in das Grillritual ein und wollen es umweltverträglicher gestalten. Sie kaufen nun "klimaneutrale" Biowurst, die vom Bauernhof bis zur Ladentheke als Ökoprodukt deklariert wird. Diese Würstchen werden genauer überwacht als die Kunden der Telekom. Der Kohlenstoffausstoß des Schlachthauses, die Verarbeitung, der Transport und die Lagerung werden kontrolliert. Das Fett wird entfernt. Und die Wursthersteller finanzieren Windräder in Indien, um etwaige weitere Umweltschäden auszugleichen. Auch auf den Kauf der Grillkohle wird geachtet, weil sie natürlich nicht nur Kohlendioxid in Richtung des Nachbarn, sondern auch in die Atmosphäre abgibt.Irgendwie scheint dieses globale Verantwortungsbewusstsein dem deutschen Steinzeit-Männchen nicht recht zu schmecken. Es läuft dem Zweck des Grillens entgegen, nämlich politisch korrektem Verhalten zu trotzen. Deutsche Frauen sind jedoch nicht so verbohrt, und Soziologen bemerken Veränderungen rund ums "heilige Feuer". Frauen, die sich des globalen Wandels bewusst sind und dem Treiben ihres Mannsvolkes immer skeptischer gegenüberstehen, treten dem Brutzelklub bei. Dieser Trend begann sicherlich an jenem heißen Sommerabend in Mecklenburg vor zwei Jahren, als Angela Merkel mit George Bush ein umweltverträgliches Wildschwein verdrückte.
Guten Appetit!
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juli 2008












