das Hirschgeweih

Hirschgeweih oder Feng Shui – wie typisch deutsch sind die Deutschen?

Deutschlands größter Verein: der ADAC  Copyright: ADAC Passen wir Deutsche wirklich in die Schubladen, in die wir gesteckt werden?  Copyright: iStockphoto - Gianluca FabrizioWürstchen oder Asia Food? Hirschgeweih oder Feng Shui? Während die Welt zusammenwächst, wird es immer schwieriger, einzelne Nationen in Schubladen zu verräumen. Typisch deutsche Eigenheiten machen globalisierten Gewohnheiten Platz.

Wenn die Kuckucksuhr sechs schlägt, hat Inge das Hirschgeweih entstaubt und Horst das Auto gewaschen und den Rasen gemäht. Pünktlich gibt es Abendessen mit Schwarzbrot und Würstchen, sauren Gurken und Bier. Dann wird krümelfrei gewischt. Um acht regt die Tagesschau zum Jammern an, und schließlich stimmt das Musikantenstadl gemütlich. Willkommen in der deutschen Klischeeumgebung. Es gibt sie in den Köpfen unserer Nachbarn aus Italien oder Polen. Es gibt sie in der Wahrnehmung der Menschen im fernen Japan oder Australien.

Aber gibt es sie auch in Offenburg oder Recklinghausen Nord? Oder gar in Hamburg und Berlin? Passen wir Deutsche wirklich in die Schubladen, in die wir gesteckt werden? Sind Gartenzwerge, Dackel und Blaskapellen typisch für uns? Sind wir wirklich pedantisch, akkurat und gut organisiert?

Gartenzwerge  Copyright: iStockphoto - polarica
TV SymbolDiashow: Was ist typisch deutsch?

Pedantisch genau: die Vereine

So denken zumindest unsere europäischen Nachbarn, wie eine Studie der GfK mit rund 12.000 Befragten bescheinigt. Zudem gelten wir als zuverlässig, umgänglich und gesellig. Lauter Eigenschaften, die der typisch deutschen Vereinsmeierei behagen, bei der alles strukturiert, pedantisch organisiert und in einen geselligen Rahmen gesteckt wird: vom großen politischen Ziel bis zum kleinen Goldhamster. Rund 550.000 eingetragene Vereine gibt es laut Bundesverband deutscher Vereine und Verbände e. V. in Deutschland, und damit liegen wir im europäischen Vergleich weit vorne. Der größte befasst sich – wie soll es anders sein – mit unserem Lieblingsspielzeug: Rund 16 Millionen Mitglieder zählt der ADAC, der Allgemeine Deutsche Automobil-Club. Horst ist auch dabei.

Hamsterhilfe und Bananenaufkleber-Museum

Deutschlands größter Verein: der ADAC  Copyright: ADACSeine Frau Inge kümmert sich dagegen um Hamster in Not. Und ist damit in bester Gesellschaft. Denn mit mehr als 23 Millionen Haustieren, Hunden, Katzen, Ziervögeln und Kleintieren wie Hamster oder Hasen liegen deutsche Tierfreunde in Europa weit vorne. Über die Internet-Foren der Hamsterhilfe werden Dsungarische- und Roborowski-, Campbells- und chinesische Zwerghamster vermittelt, ordentlich nach Herkunft und Rasse getrennt. Dazu kommen Infos rund um den Hamster, Vermittlungsstatistiken und -berichte, Links und Literaturtipps. Perfekt organisiert und strukturiert, umfassend und genau. Typisch deutsch?

Typisch deutsch mutet auch das virtuelle Bananen-Aufkleber-Museum von Jochen Ebert aus Kassel an. Die Bananenaufkleber-Freunde haben 2.675 Aufkleber gesammelt und fein säuberlich gelistet. Hintergrundberichte zur Geschichte des Bananenhandels, zur Herkunft der Aufkleber und wissenschaftliche Abhandlungen „über die Bedeutung von Namen, Aufklebern und Verpackungen im Zeitalter postmoderner Identität und des Hochkapitalismus“ zeugen von Gründlichkeit und Ernsthaftigkeit bei der Auseinandersetzung mit, ja, Bananenaufklebern. Ist das typisch deutsch?

Typisch deutsche Kosmopoliten

Deutsche Gründlichkeit auch bei der Auseinandersetzung mit Banananaufklebern  Copyright: www.b-a-m.deDie Journalistin Katrin Wilkens hat in ihrem Buch „50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind“ Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Genauigkeit und Spießigkeit als typisch deutsche Eigenschaften identifiziert. Dazu kommt ihrer Meinung nach die Scham, die darin gipfelt, dass es typisch deutsch sei, nicht typisch deutsch sein zu wollen. Fällt es der Deutschen deswegen schwer, 50 für ihr Land repräsentative Dinge zu benennen? Stattdessen weicht sie auf die regionalen Besonderheiten einzelner Bundesländer und auf deutsche Persönlichkeiten aus.

Dabei macht sie eher ungewollt auf ein Phänomen aufmerksam, das mit der Globalisierung einhergeht: Katrin Wilkens „typisch deutsche“ Steffi Graf hat mit Fleiß, Disziplin und Ehrgeiz deutsche Tennisgeschichte geschrieben und dann mit André Agassi einen US-Amerikaner geheiratet. Sie hat mit ihm zwei Kinder bekommen und ist schließlich in die USA ausgewandert. Unter anderem macht sie Werbung für italienische Nudeln und französische Koffer. Ist das typisch deutsch? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sich Lebensstile und Lebenskonzepte nicht mehr nur regional festmachen lassen, sondern dank zunehmender geographischer und medialer Mobilität quer zu nationalstaatlichen Grenzen verlaufen?

Die Welt schrumpft und Gewohnheiten emigrieren

Hamster dürfen auf die Fürsorge deutscher Tiefreunde hoffen  Copyright: iStockphoto - Gabriela SchaufelbergerIn der Großstadt bevorzugen wir heute asiatisches Essen, buddhistische Religion, chinesische Medizin und englische Bands. Wir entspannen beim Yoga, richten die Wohnung nach Feng Shui ein und haben Schwierigkeiten, den passenden Partner zu finden. Wir bezeichnen uns als weltoffen und kulturell interessiert, sind gleichzeitig konsumorientiert und ökologisch engagiert – typisch deutsch eben. Oder eher typisch Berlin, New York, London, Paris oder Montreal? Die Welt schrumpft. Heute genießt der Engländer ebenso gerne ein Konzert in Madrid, wie der Spanier einer Oper in Verona lauscht, und der Deutsche in Ibiza abhottet. Die Älteren pilgern den Jakobsweg, die Jüngeren kopieren den Emo-Look.

Stereotype gibt es immer noch, aber die sind heute globalisiert und mehr an Bildungs- und Einkommens-, denn an geographischen Grenzen festzumachen. Das Bananenaufklebermuseum verlinkt zu seinen Freunden aus Übersee, die ähnliche Websites pflegen und die Hamsterhelfer debattieren im Forum mit ihren Hamsterfreunden aus England oder den Niederlanden, Inge und Horst werden sich im Winter eine Kur auf Sri Lanka gönnen. Typisch deutsch eben.

Literatur:

Katrin Wilkens:
50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind (Verlag Westend 2009)

Christa Manta
ist Diplom-Soziologin und freiberufliche Redakteurin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

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