Die Deutschen und Hunde überhaupt

Hundeführerschein oder: Omas zu verschenken!

Heimtierausweis; Copyright: picture-alliance / dpa/dpaweb

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Hundeführerschein
Sprecher: Osman Engin
WMA, 12:48 Min.
Es ist in Deutschland leichter eine Oma auszuleihen als einen Hund. Eine Satire von Osman Engin.

Meine 17jährige feministische Tochter Nermin ist ein herzensguter Mensch. Ich weiß nicht, von wem sie das hat. Seit neuestem hat sie sich in den Kopf gesetzt, einen kleinen süßen Hund aus einem Tierheim auszuleihen, um mit dem Tier durch die Gegend zu laufen. Im ersten Augenblick gibt’s da nichts einzuwenden, solange ich nicht gezwungen werde, zusammen mit dem Köter Gassi zu gehen.

„Nein, Papa, das brauchst du nicht“, beruhigt sie mich, „ich will nämlich auf jeden Fall vermeiden, dass dem armen Tier seelische Schäden zugefügt werden. Aber du musst mich schon bis zum Tierheim fahren, damit ich mir einen lieben, von den grässlichen Menschen vernachlässigten, Hund ausleihen kann.“

Also fahre ich mit Nermin in unserem Ford-Transit bis ans andere Ende der Stadt, damit meine aus Prinzip unglückliche Tochter „in dieser ungerechten Welt, wenn nicht sich selbst, so doch wenigstens, ein von herzlosen Menschen an diesen kalten Wintertagen brutal vor die Tür gesetztes, superdeprimiertes Lebewesen glücklich machen kann“, wie sie sagt.

Meinen Einwand, dass so ein Hund in einem Tierheim garantiert nicht übermäßig deprimiert sein kann, weil er doch gar nicht weiß, dass auf dieser „ungerechten Welt die Frauen unterdrückt werden, böse Atomraketen existieren und ich den Müll nicht sorgfältig trenne“, lässt sie natürlich nicht gelten.

In der Hundeschule; Copyright: Picture-Alliance/KEYSTONE Dann sind wir auch schon da und die verantwortliche Dame im Tierheim erklärt uns, dass sie sich wahnsinnig darüber freut, dass die jungen Menschen heutzutage so tierlieb sind und das es überhaupt kein Problem sei, einen Hund auszuleihen. Nermin bräuchte nur Mitglied in diesem Verein zu werden. Und der Jahresbeitrag würde auch nur 90 Euro betragen, die man allerdings sofort hier im Voraus zu bezahlen hätte. Worüber ich natürlich nicht ganz so glücklich bin, im Gegensatz zu Nermin, die ruft: „Das ist doch toll, Papa! Dadurch hat kein Fremder die Gelegenheit, an unsere Tiere zu kommen!“
„Aber dass dadurch Fremde an mein schwer verdientes Geld kommen, interessiert dich natürlich nicht“, knurre ich.
„Aber Papa, das ist doch alles für die armen Tiere gedacht!“
„Ich weiß, an den armen Osman denkt sowieso keiner. Ich belle nicht, ich beiße nicht, ich bin stubenrein, und trotzdem hat mich keiner lieb“, jammere ich und lege mit einem weinenden und mit einem heulenden Auge die schönen Scheine auf den Tisch.

Die freundliche Dame erklärt uns, dass damit jetzt alles erledigt wäre. Nermin bräuchte nur noch das obligatorische Drei-Tages-Seminar zu machen, um einen so genannten „Hundeführerschein“ zu bekommen. Dort lernt sie, mit einem Hund richtig umzugehen, und es wird ihr beigebracht, wie Hunde denken, empfinden und fühlen. Nermin ist sofort einverstanden. Bei mir müssen sich die beiden etwas mehr anstrengen und einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Gerade eben habe ich 90 Euro bezahlt und jetzt muss ich noch mal 150 Euro blechen, damit Nermin lernt, wie Köter denken und fühlen. Was ich aber sehr stark bezweifle, denn nach fast 18 Jahren hat sie immer noch nicht gelernt, wie ihr armer alter leiblicher Vater so denkt und fühlt. Dabei kann ich mich doch sprachlich viel besser ausdrücken als jeder Hund!

„Papa, Papa, mach du doch auch mit, bitte, bitte“, fleht sie mich an.

Na, was hab ich gesagt? Sie hat nicht mal gemerkt, wie sehr mich ihr Mitgliedsbeitrag und die Seminarkosten geschmerzt haben! Sie will auch noch, dass ich alles doppelt bezahle.

„Papa, es könnte dir wirklich nicht schaden, diesen herrlichen Geschöpfen gegenüber ein bisschen Verständnis und Liebe entgegen zu bringen. Glaub mir, das ist wirklich erlernbar. Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du immer panisch die Straßenseite wechselst, wenn dir eine Oma mit ihrem Mops entgegenkommt, als würde der süße Hund dir auf der Stelle beide Beine abbeißen!“

„Nermin, dann solltest du nicht mich, sondern diese blutrünstigen Kampfhunde zum Seminar schicken, damit sie lernen, arme, harmlose Passenten nicht anzugreifen! Außerdem muss ich ja nebenbei noch arbeiten, damit meine durchgeknallten Kinder ihren verrückten Hobbys nachgehen und Unsummen von meinem Geld für so einen Schwachsinn wie einen Hundeführerschein verschleudern können.“

„Entschuldigen Sie bitte, ich möchte Sie wirklich nicht unterbrechen“, unterbricht uns die Dame, „aber unser Arzt ist gerade da. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt Ihre Impfungen machen lassen!“
„Was für Impfungen denn?“, fragt Nermin überrascht.

„Mein Kind, damit Sie unsere armen, niedlichen Hunde nicht mit irgendwelchen fiesen Krankheiten anstecken.“

Die fünf Spritzen, die Nermin in den Hintern verpasst bekommt, tun mir mehr weh als ihr. Ich muss nämlich schon wieder bezahlen. Bei dieser Gelegenheit erkläre ich der Obertierschützerin, dass ich die Idee mit dem Hundeführerschein ja im Grunde nicht nur typisch deutsch, sondern auch sehr vernünftig finde, und frage sie, ob all die Penner und Punks am Bahnhofsvorplatz, die ja ihre armen Tiere nach Belieben ständig treten, anschreien und schikanieren auch diesen Hundeführerschein machen müssen?

Nein, die Hundebesitzer, die vierundzwanzig Stunden am Tag mit ihrem Hund zusammenleben, brauchen das natürlich nicht. Die kennen ja ihren Vierbeiner. Nur diejenigen, die nur ein paar Stunden auf den Hund aufpassen, müssen professionell geschult werden. Das ist genau das gleiche wie mit Erziehern und Lehrern. Die müssen jahrelang lernen und studieren, damit sie sich um fremde Kinder kümmern dürfen. Aber jeder Penner und jede Pennerin, jeder Hans und Franz, jede Else und Ilse, jeder Osman und Eminanim können so viele Kinder produzieren, wie sie wollen, denn dafür gibt’s keinen Führerschein.

Danach fahren wir ohne einen deprimierten Hund – dafür bin ich jetzt deprimiert – wieder weg. Nermin muss nämlich erst mal das Wochenendseminar machen.

Nach einer Woche bekommt Nermin das Diplom als staatlich anerkannte Hundeversteherin zugeschickt.

„Papa, ich kann es kaum abwarten, ich platze vor Glück“, jubelt sie. „Lass uns sofort ins Tierheim fahren, damit ich mir endlich einen Hund ausleihen kann. Ich flippe gleich aus! Das ist doch Wahnsinn! Voll krass!“

Also fahren wir wieder bis ans andere Ende der Stadt. Die Verantwortliche Dame im Tierheim freut sich riesig, dass meine Tochter das Hundeexamen mit ‘sehr gut’ bestanden hat. Aber da Nermin zur Volljährigkeit noch ein paar Wochen fehlen, müssen beide Elternteile ihr Einverständnis geben und dieses zwölfseitige Formular in doppelter Ausfertigung ausfüllen.

Osman Engin; Copyright: Osman EnginIch für meinen Teil unterschreibe alle Dokumente noch im Tierheim vor den Augen der pflichtbewussten Dame, die erst alle meine Ausweise sorgfältig überprüft und kopiert hat, um sicherzustellen, dass ich wirklich der leiblicher Vater dieses Mädchens bin und nicht etwa ein von Interpol weltweit gesuchter Massen-Tierquäler. Als ich an gleicher Stelle vor nur einer Woche meinen halben Monatslohn lassen musste, hat sie sich nicht die Bohne dafür interessiert, ob ich Nermins echter Vater bin oder nur ein Schauspieler, der die Rolle ihres verschollenen Vaters übernimmt, damit sich dieses Mädchen völlig gesetzeswidrig einen unschuldigen Hund unter den Nagel reißen kann. Damals prüfte sie nur sehr sorgfältig die Echtheit meiner Geldscheine.

Selbstverständlich müssen die ganzen Dokumente auch von Nermins leiblicher Mutter unterschrieben werden. Die Dame tröstet Nermin damit, dass sie heute ohnehin keinen Hund zum Ausführen bekommen hätte, weil ihr ja noch das sehr wichtige psychologische Gutachten fehlt. Meine Tochter muss unbedingt zu einem Psychiater, und der muss ausführlich bescheinigen, dass sie in Stresssituationen nicht dazu neigt, ihren Ärger an den ihr anvertrauten Schutzbefohlenen auszulassen.

Bevor Nermin ihren Ärger an dieser unverschämten Frau auslässt, zerre ich sie nach draußen.

Meine Frau Eminanim will die Dokumente nur dann unterschreiben, wenn unsere Tochter ihr hoch und heilig schwört, dass sie mit dem zukünftigen Hund niemals näher als zweihundert Meter an unsere Wohnung herankommt.

Nachdem Nermin auch das psychologische Gutachten hat – alles ist nur eine Frage des Geldes – besteht sie darauf, dass wir erneut ins Tierheim fahren, damit sie sich endlich ihren ersehnten Hund ausleihen kann. In der Hoffnung, dass Nermin in einem Jahr ihren Autoführerschein genauso erfolgreich bestehen kann, wie diesen Hundeführerschein, kutschiere ich sie mal wieder bis ans andere Ende der Stadt.

Die Leiterin des Tierheims ist begeistert, dass wir es geschafft haben, mit allen notwendigen Unterlagen dort wieder zu erscheinen.

„Viele Leute haben nicht mal den Nerv für das bisschen Papierkram“, sagt die Cheftierschützerin lobend, „wie sollen die da bloß mit einem sensiblen Tier klarkommen? War doch nicht so schwer, oder?“

Meine Tochter freut sich noch viel mehr und kann es kaum noch erwarten, jetzt alle Hunde anschauen zu dürfen, um ihren Traumprinzen zu finden.

„Tut mir leid, mein Kind, das geht nicht so einfach“, wird sie von der netten Dame sofort gebremst.
„Wieso denn nicht?“, fragen wir beide ziemlich verständnislos.
„Sie müssen den Hund nehmen, der jetzt dran ist. Das geht der Reihe nach.“
„Okay, ich bin mit jedem Hund einverstanden. Geben Sie mir jetzt endlich einen“, bettelt Nermin sie förmlich an.
„So geht es aber auch nicht, mein Kind, wir haben hier ganz klare Richtlinien!“
„Aber wieso denn nicht?“, frage ich diesmal noch ein Tick geschockter, obwohl die Dame ja mit ‚mein Kind’ nicht unbedingt mich gemeint haben muss.
„Wir haben hier nun mal sehr lange Wartelisten. Denken Sie etwa, Sie sind die einzige Tierliebhaberin in dieser Stadt?“
„Also gut, ich komme morgen wieder“, gluckst Nermin verzweifelt.
„Schauen Sie, wir haben in der Liste noch einhundertsiebenundzwanzig Leute vor Ihnen, die alle schon sehr lange darauf warten, einen unserer begehrten Hunde ausführen zu dürfen.“
„Das kann doch nicht wahr sein“, brüllt Nermin und fängt an zu heulen. „Seit Wochen plage ich mich damit ab, die verdammten Voraussetzungen zu erfüllen! Ich war beim Seminar, ich war beim Psychologen, ich hab mich geben Staupe impfen lassen. Was muss ich denn noch machen?“
„Ich vermute, so acht bis neun Monate müssen Sie sich schon gedulden, mein Kind.“
„Waaas? Acht bis neun Monate? Sind Sie wahnsinnig geworden?“, platzt mein sonst sehr geduldiges Kind am Ende heraus und fängt an zu schnaufen.
„Ich finde neun Monate Wartezeit nicht ganz so schlimm“, versuche ich die Wogen zu glätten. „Bis dahin macht deine Schwester Zeynep bestimmt ein süßes Baby, mit dem darfst du dann spazieren gehen.“ Mit diesen Worten zerre ich Nermin ganz schnell nach draußen, bevor sie die Frau noch beißt.
„Papa, ich hatte mich so darauf gefreut, heute einen süßen Hund spazieren zu führen“, schluchzt Nermin.
„Ich weiß, mein Kind, die armen Hunde sind bestimmt genauso traurig wie du“, tröste ich sie und gebe Gas.

Mit der Oma spazieren gehen; Copyright: Colourbox„Papa, kannst du bitte kurz rechts ran fahren und vor dem Gebäude dort anhalten“, kreischt Nermin plötzlich und zeigt mit dem Finger auf ein Haus, vor dessen Tür zwei alte Damen mit ihren Dackeln spazieren gehen.

„Nermin, bist du verrückt geworden? Du kannst doch nicht den armen Omis einfach ihre Hunde klauen. Du hast doch – zumindest von außen betrachtet – wenigstens eine einigermaßen intakte Familie, aber diese alten Damen haben außer ihren Kötern niemanden auf der Welt! Sie würden jämmerlich daran zugrundegehen, wenn du ihre Hunde entführst!“

„Papa, spinnst du, was denkst du denn über mich? Das hier ist ein Altersheim. Wenn ich schon keinen Hund ausleihen kann, dann will ich wenigstens eine Oma spazieren führen.“

„Das geht nicht! Du hast doch gesehen, wie schwierig es ist, einen Hund auszuborgen? Wenn du dich aber um einen Menschen kümmern willst, musst du jahrelang studiert haben! Das werden sie dir nie erlauben! Dafür musst du schon warten, bis ich so alt bin.“

Aber sie springt einfach raus und rennt los. Ich renne sofort hinterher. Ich muss das dumme Kind erreichen, bevor sie aus dem Altersheim hochkantig rausgeschmissen wird.

Leihoma; Copyright: picture-alliance / GodongIn dem Moment höre ich, wie die Leiterin des Altersheims ruft: „Da sitzen sie alle, suchen Sie sich eine aus, die Ihnen gefällt.“
„Wie? Kann ich mir sofort eine aussuchen? Muss ich denn nicht vorher irgendwelche Papiere unterschreiben? Eine Schulung machen oder Impfungen?“, stottert Nermin über so viel Entgegenkommen und Vertrauen selber überrascht.
„Was für Papiere? Wofür denn? Nehmen Sie eine von unseren Damen gleich mit!“
„Wollen Sie nicht mal meinen Ausweis sehen?“, fragt Nermin.
„Wozu?“
„Aber das geht doch nicht! Man kann doch nicht so respektlos mit den alten Damen umspringen“, greife ich ein, „wir müssen sie doch mal fragen, ob sie überhaupt einverstanden sind.“
„Mein Gott, jetzt machen Sie doch kein Staatsakt daraus. Nehmen Sie schon eine Oma mit, oder zwei.“
„Ich darf sogar mehrere Omas mitnehmen?“, fragt Nermin etwas zaghaft.
„Kein Problem, nehmen Sie so viele mit, wie Sie wollen“, ruft sie gönnerhaft.
„Wie lange darf ich denn mit den Omas wegbleiben?“, fragt Nermin verunsichert.
„Ist mir völlig egal! So lange, wie Sie wollen. Wenn Sie keine Lust mehr haben, dann stellen Sie sie einfach wieder bei uns vor der Tür ab.“

Osman Engin
(1960 bei Izmir geboren) ist ein deutscher Satiriker türkischer Abstammung. Er wurde sowohl als Schriftsteller als auch durch Hörfunkbeiträge bekannt. Der studierte Soziologe lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in Deutschland und wohnt in Bremen. Er hat inzwischen drei Romane und zehn Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht, darunter West-östliches Sofa, dtv, 2006.

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Oktober 2007

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