Verrückt nach Modelleisenbahnen

Die Deutschen lieben Maschinen. Keinem anderen Europäer bereitet es so viel Vergnügen, etwas zu zerlegen, zu reparieren oder neue Methoden zur Kühlung von Käse, zur Verringerung von Abgasen oder zur Lärmreduktion von Raketen zu erfinden.Deutschland ist ein Land der Ingenieure. Der Grundstock dazu wird im Alter von ungefähr acht Jahren gelegt, wenn der normale deutsche Junge aus bürgerlichem Hause seine erste Modelleisenbahn geschenkt bekommt.
Eine Rückkehr in die Kindheit
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fand kürzlich heraus, was aus diesen Jungen im Erwachsenenalter wird. Die Antwort lautet: sie bauen ihre Keller aus, damit noch größere Modelleisenbahnen darin Platz haben. Der nach außen 59, im Inneren jedoch 12 Jahre alte Landwirtschaftsminister Horst Seehofer hat sein Modellbahnuniversum in Einklang mit seiner politischen Biografie gebaut. Da stehen das bayrische Dorf seiner Kindheit, ein Modell des Bonner Hauptbahnhofs (wo er zum ersten Mal unter Helmut Kohl zum Minister ernannt wurde) und ein großes Krankenhaus als Erinnerung an die Zeit als Gesundheitsminister. „Bei meiner Anlage vergesse ich sogar die Bundeskanzlerin“, sagt er. Sich selbst vergisst er natürlich nie. Der gemeine deutsche Modelleisenbahn-Narr lässt durch sein Hobby die Kindheit und die Bindung zum Vater wiederaufleben.
Auch der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf, zählt zu den Modelleisenbahn-Fans. Er hat nicht nur eine Anlage im Keller, sondern eine große im Garten. Der immer noch als einer der brillantesten politischen Köpfe der Christdemokraten geltende Professor der Wirtschaftswissenschaften empfängt wichtige Gäste auf Gartenpartys mit den Worten „Heute bin ich der Lokomotivführer Lukas.“
Auf der Suche nach einer heilen Welt
Seltsam? Irgendwie schon. Für Menschen wie Wendelin Wiedeking, Chef von Porsche und Deutschlands höchstbezahlter Manager, scheint es bei seiner Leidenschaft für Modelleisenbahnen um Kontrolle zu gehen. „Ich bin ein spontaner Sammler“, sagt Wiedeking, der gerade an der Übernahme von Volkswagen werkelt, „wenn ich eine schöne Lokomotive in der Hand halte, dann muss ich sie mir einfach kaufen.“ Die Liste lässt sich fortsetzen: der ehemalige Finanzminister Hans Eichel sowie Gewerkschaftsführer wie Manfred Schell und Hubertus Boldt. Sie alle scheinen sich nach einer heilen, makellosen Welt zu sehnen, in der die Menschen klein, aus Plastik, unbeweglich und still sind, in der Häuser nicht mit Hypotheken und feuchten Wänden belastet sind, und in der die Züge natürlich pünktlich fahren.
Diese Kindheitserfahrung der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Elite hat zwei Auswirkungen. Zum einen interessiert sich diese Generation Deutscher brennend für alle Belange rund um die tatsächliche Staatsbahn, die Deutsche Bahn. Die Bewohner eines jeden Landes wünschen sich saubere, nicht überfüllte, sichere und pünktliche Züge. Die deutschen Gemüter erhitzen sich jedoch an der Privatisierung der Eisenbahn. Ob das wohl zu einem Chaos auf den Schienen führt? Zum anderen bringt eine Kindheit mit Modelleisenbahnen Ingenieure mit einem gesellschaftlichen Bewusstsein hervor. Die auf der Nürnberger Spielzeugmesse ausgestellten Städte warten mit einem funktionierenden Abfallentsorgungssystem, Bussen, Bushaltestellen, gepflegten grünen Gärten, frisch gestrichenen Häusern, glücklichen Kühen, Frauen mit Kinderwagen – und selbstverständlich Zügen auf. Keine Drogensüchtigen, keine illegalen Mülldeponien, keine Verbrechen.
Eine gute Vorbereitung auf die Wirklichkeit
Hier kommt meine gewagte These: Manager, deren Väter mit ihnen in der Kindheit mit der Eisenbahn gespielt haben, fühlen sich in deutschen Kleinstädten am wohlsten, gedeihen in Gemeinden, die ihrer alten Modellanlage mit den Faller-Häuschen und den Märklin- oder Fleischmann-Lokomotiven ähnlich sehen. Das ist im Grunde nichts Schlechtes: die deutschen Kleinstädte, nicht das große geschäftige Berlin oder Frankfurt, sind die eigentlichen Pulsadern des Landes. Deutschland ist bekanntermaßen Exportweltmeister. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch, dass die Spitzenexporteure meist im Südwesten, also Baden-Württemberg und Bayern, angesiedelt sind. Während Deutschland und Europa am Abgrund der Rezession entlangtanzen, verzeichnen schwäbische Unternehmen wie Liebherr volle Auftragsbücher. In kleinen fränkischen Städten wie Herzogenaurach, das mittlerweile nicht nur die Hauptsitze der Global Player Adidas und Puma sondern auch Conti beherbergt, schlägt das Herz des aufgeschlossenen, wettbewerbsfähigen Mittelstands. Diese kleinen Spielzeuggemeinden mit ihren sauberen Einkaufsfußgängerzonen scheinen so verschlafen zu sein wie ihr Pendant im Keller. Und doch haben sie sich an die Welt im Wandel angepasst. Nehmen wir zum Beispiel Steiff. Die Teddyfirma aus dem kleinen Giengen an der Brenz verlagerte die Produktion nach China. Jetzt hat man gemerkt, dass der Ölpreis die Transportkosten in die Höhe treibt und das Konzept des Billiglohnlandes neu überdacht. Also kehrt der Teddy nach Hause zurück. Sicherlich liegt in diesem Handeln der Kern des modernen deutschen Wirtschaftswunders begründet. Während das Land immer noch unter einer schwerfälligen und überregulierten Gesetzgebung ächzt, kann ein Unternehmer flinke, geschickte Kurswechsel vornehmen und wie ein Kapitän die Segel nach einer neuen Brise ausrichten. Das ist so leicht, wie in der Modellanlage ein paar Gleisstränge abzubauen oder die Spielzeughäuser umzusetzen.
Daher möchte ich behaupten, dass die Obsession des deutschen Mannes für Modelleisenbahnen (und mal ehrlich, kaum ein Mädchen teilt diese Leidenschaft) kein Fall für den Psychiater, kein Anzeichen einer sich zurückentwickelnden Persönlichkeit, sondern eher eine gute Vorbereitung auf die Wirklichkeit ist. So wachsen Kindern Kleinstädte ans Herz und sie werden dazu ermuntert, Anpassungen, Reparaturen und Änderungen vorzunehmen. Bei der in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewachsenen Generation hat es offensichtlich funktioniert.
Eine sehr deutsche Geschichte
Das alles macht die Geschichte des Modelleisenbahnherstellers Märklin zu einer sehr deutschen Geschichte. Märklin, natürlich mit Sitz in der schwäbischen Kleinstadt Göppingen, begann Ende der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts mit dem Bau von Modelleisenbahnen. In jener Zeit durchlief Deutschland die Phase der Hochindustrialisierung. Märklin brachte diese Wirklichkeit in die Kinderzimmer. Das Unternehmen machte sich alle Merkmale eines mittelständischen Fertigungsbetriebes zu Eigen, achtete auf Qualität bis ins Detail und fertigte teilweise in Handarbeit. Der kommerzielle Durchbruch gelang Märklin jedoch mit der Erfindung der Einzelgleise – zu jedem Weihnachtsfest und Geburtstag konnten die Eltern ihrem Kind ein neues Gleisteil zum Ausbau des Modelluniversums schenken. Nach dem 1. Weltkrieg verlor Märklin aufgrund der Ressentiments gegen die Deutschen Marktanteile in Großbritannien und Frankreich. Jedoch versuchte man weiterhin, den Nerv der deutschen Käuferschaft zu treffen, und reproduzierte die preußische Dampflokomotive P 8 oder die beeindruckende 3102. Diese große Dampflokomotive sollte zehntausende Soldaten nach Russland transportieren, wurde jedoch in Wirklichkeit nie fertig gebaut, nachdem sich das Blatt Deutschlands im 2. Weltkrieg gewendet hatte. Aber zur Freude der Kinder (und erwachsener Sammler) stellte Märklin eine Modellversion der geplanten Lokomotive her. Das Unternehmen hat sich immer angepasst: als die Nazis Einsparungen bei der Metallverarbeitung anordneten, baute man einfach kleinere Modelle. Doch heute kämpft es gegen konkurrierende Videospiele und elektronisches Spielzeug.
Frivole Innovationen
Zunehmend werden Modelleisenbahnen für eine bestimmte Zielgruppe Erwachsener und nicht mehr für deren Kinder zum Objekt der Begierde. Ein Zeichen der verwirrenden Zeiten: zur Nürnberger Spielzeugmesse im letzten Jahr öffneten die Hersteller (außer Märklin) Sex und Gewalt die Tür zur Liliputwelt. Auf einem Modell waren ein FKK-Strand, eine lediglich in Schürze und Strümpfen bekleidete Kellnerin sowie eine Polizeirazzia in einem Bordell zu sehen. Auf einem anderen konnte man eine Hinrichtung und einen Pferdeschlachter bestaunen.
„Es gibt so viele bierernste Sammler um die 50 oder 60, die ihre Modellzüge nach minutiös ausgearbeiteten Fahrplänen fahren lassen“, sagt Rolf Fleischmann, Erbe des Modelleisenbahnimperiums Fleischmann. „Wir möchten jungen Menschen zeigen, dass man die Sache auch gelassener angehen kann.“
Aber die frivolen Innovationen haben nicht gereicht. Märklin ist von einem britischen Kapitalgeber übernommen worden und nimmt drastische Einsparungen vor; Fleischmann ist verkauft worden. Könnte es sein, dass deutsche Kinder heute schneller reifen? Dass sie nicht länger die Geduld (oder genug Platz im Keller) aufbringen, um sich eine Miniaturwelt zu bauen? Dass die so liebevoll in den Modellanlagen nachgebildete deutsche Kleinstadt heute eher stinklangweilig als eine Quelle für wirtschaftliche Neuerungen ist? Das wäre bedauerlich. Irgendwie ist der Gedanke an Minister und Vorstandsvorsitzende, die an kaputten Spielzeuglokomotiven herumbasteln, beruhigend und das Ganze typisch deutsch – aber wie lange noch?
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“.
Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im „Tagesspiegel“. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Foto 5 © Dietmar Grummt / PIXELIO
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
August 2008
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