das Nordic Walking

Deutschland geht am Stock: das Phänomen Nordic Walking

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther beim Karstadt Sport Walkingday in Köln. Copyright: obs/Idko GmbHDeutschlands Wälder: bekannt, berühmt und besungen. Sie dienen als Wasserreservoire, Frischluftspeicher und auch als Erholungsraum für Millionen Bürger. Insbesondere Menschen aus den Städten und Ballungsgebieten wissen die Ruhe zwischen Eichen, Buchen und Tannen zu schätzen und suchen dort einen Moment der Muße für ihre stressgeplagten Körper und Seelen.

Doch mit der Ruhe ist es vielerorts vorbei. „Klack-klack, klack-klack, klack-klack“, „und links, und rechts, und drei und vier. Alle auf die Atmung achten! Stockeinsatz!“ So klingt es neuerdings immer häufiger in Wäldern, Parks und Grünanlagen. Die Deutschen, so scheint es, haben einen neuen Sport für sich entdeckt: Nordic Walking. Mit Stöcken an den Händen und Laufschuhen an den Füßen legen diese Trendsportler auf den Wegen ein ordentliches Tempo vor und versuchen, dem Winterspeck zu Leibe zu rücken.

Ausgangspunkt Finnland

Nordic Walking stammt aus Skandinavien, wo auch Skilanglauf groß geschrieben wird. Als Erfinder darf sich der finnische Sportstudent Marko Kantaneva bezeichnen, der in den späten Neunzigerjahren beobachtet hatte, wie Mitglieder der finnischen Ski-Nationalmannschaft im Sommer mit Stöcken laufen gingen. Aus dem Training für Leistungssportler entwickelte sich ein Trend für jedermann, der auch in Deutschland sehr populär geworden ist.

Mittlerweile gibt es geschätzte 3,2 Millionen Stockmarschierer in Deutschland, nur Wandern und Radfahren sind noch beliebter. Nordic Walking ist ein sanfter Ausdauersport, der schnelle Erfolge für Kondition und gegen die in der Bevölkerung immer häufiger auftretenden Rückenbeschwerden bietet. Als idealen Einstieg für Menschen, die schon länger keinen Sport betrieben haben, bezeichnen Sportmediziner das forcierte Laufen mit Stöcken. Denn Nordic Walking schont die Gelenke, kann aber trotzdem sehr schweißtreibend sein.

Wenn man es richtig macht. „Dann braucht es keinen Vergleich mit anderen Sportarten zu scheuen“, weiß Martin Lames, Professor am Sportinstitut der Universität Augsburg. „Das zügige, schwungvolle Gehen beansprucht Herz und Kreislauf fast so stark wie Joggen, doch der Halteapparat (Knochen, Knorpel, Bänder, Muskeln) wird weniger belastet.“ Vorausgesetzt, der Bewegungsablauf stimmt.

Ski-Asse promoten den Trend

Und hier würde Deutschland seinem Ruf nicht gerecht, wenn ein solcher Trend nicht generalstabsmäßig durchorganisiert würde. Es gibt mit dem Deutschen Nordic Walking Verband und der Nordic Walking Union zwei deutsche Organisationen, überall im Land entstehen Nordic-Walking-Zentren und fast jeder Sportverein hat diese Bewegungsvariante in sein Programm aufgenommen. Sie alle bieten Kurse und Möglichkeiten an, „richtig“ zu walken. Als prominente Protagonisten stellen sich die ehemaligen Skirennläufer Rosi Mittermaier und Christian Neureuther in den Dienst der nordischen Sache. „Vier von fünf Deutschen bewegen sich weniger als 1.000 Meter am Tag. In unserer technisierten Welt gibt es viel Bewegungsarmut – mit gesundheitsschädlichen Folgen wie Übergewicht, Bandscheibenbeschwerden oder Gelenkproblemen“, fordert die Olympiasiegerin von 1976 die Deutschen auf, aktiv zu werden.

Auf die Technik kommt es an. Ein Fuß befindet sich immer am Boden, der Sportler springt nicht, er setzt kontrolliert einen Schritt nach dem anderen. Wichtig insbesondere der Stockeinsatz: „Die Hand greift weit nach vorn, schwingt dann am Körper entlang nach hinten und wird dabei geöffnet“, erklärt Mittermaier. Ein Impuls, der beispielsweise beim Joggen fehlt. „Dort läuft man auf den Fußballen, beim Nordic Walking hingegen setzt man mit der Ferse auf und rollt den ganzen Fuß gerade über die Zehen ab. So wird auch etwas für Füße und Zehen getan.“

Lauftechnik – Materialtechnik

Beim richtigen Einsatz der Stöcke sind mehr Muskelgruppen beteiligt als beim Gehen ohne Stöcke. Sie sollen vor allem die Laufgeschwindigkeit erhöhen, nicht etwa die Gelenke entlasten.

Lauftechnik ist das eine, Materialtechnik das andere große Thema. Rund um den Nordic-Walking-Boom hat sich eine Industrie entwickelt, die am Trend partizipieren möchte. Wer eher unsportlich ist, möchte wenigstens sportlich aussehen. Dafür haben die Sportartikelhersteller die passenden Produkte: Schuhe, Hosen, Jacken. Und natürlich Stöcke, echte Innovationen, wie die Werbung behauptet. Es geht um „bestmögliche Kraftübertragung“, um die „ergonomisch richtige Handhaltung“, insgesamt um ein „per Rasterverschluss“ perfektioniertes „System“. Kostenpunkt: ab 50 Euro, die Skala ist, wie sollte es anders sein, nach oben offen.

Hauptsache, der Deutsche bewegt sich.

Copyright: www.adpic.de Dennoch sind sich Sportwissenschaftler und Mediziner einig: Hauptsache, der Deutsche bewegt sich. Fettleibigkeit und Übergewicht sind ein gesellschaftliches Phänomen mit Folgeproblemen, denen durch Sport begegnet werden kann. Nordic Walking ist eine der Sportarten, die zunächst belächelt wurde und nun mehr und mehr Akzeptanz findet. Auch wenn sich mancher Stockträger noch immer den einen oder anderen Spruch auf deutschen Waldwegen gefallen lassen muss: „Na, Sie haben wohl die Skier vergessen?“ oder „Sie warten auf den Schnee, was?“

Wobei die Fortbewegung bei manch einem Autodidakten, der das Betreiben von Nordic Walking von seinem Hausarzt nahegelegt bekommen hat, auch wirklich komisch anmutet. „Man sollte sich im korrekten Umgang mit dem Material schon schulen lassen“, betont Sportwissenschaftler Iko Bebic aus Freiburg. „Sonst können die Leute auch mit einem Besenstiel durch den Wald laufen.“

Jens-Peter Krull
arbeitet als Sportjournalist beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Weblog: Rorys Berlin-Blog

Rory MacLean Weblog
Wie lebt man sich in Berlin ein? Reiseschriftsteller Rory MacLean beschreibt sein neues Zuhause mit Scharfsinn und Humor.

Weblog: „Meet in Finland“

Unter „Meet in Finland“ können Sie lesen, was Autoren und Künstler, die auf Einladung des Goethe-Instituts eine längere Zeit in Finnland verbringen, dort erleben.