der Punk

The Making Of Geschichte – Ratinger Hof revisited

Buchtitel von „Ratinger Hof“, herausgegeben und gestaltet von Ralf Zeigermann, Verlag Robert Wiegner; Foto: Verlag Robert WiegnerWo alles anfing. Eine kleine Bierkneipe in Düsseldorf ist die wichtigste Brutstätte des Punk in der Bundesrepublik Deutschland. Jetzt wird die Geschichte neu erzählt.

„Nirgends wird an den Gesetzen der Musik gerüttelt, ohne dass auch die höchsten Gesetze des Staates ins Wanken geraten.“ Das wusste schon Platon. Heftig an den Gesetzen der Musik gerüttelt wurde Ende der Siebzigerjahre von einer Bewegung namens Punk. Und wie bei jeder Bewegung gab es auch im Punk bestimmte Orte, an denen das Rütteln seinen Anfang nahm. Orte wie das CBGB’s in New York und der 100 Club in London. Oder der Ratinger Hof, die Brutstätte des BRD-Punk, eine unscheinbare Bierkneipe in Düsseldorf. Wer dabei war, wird es nicht vergessen. Als Erster am richtigen Ort. Beim Urknall dabei. Das Pioniermotiv der populären Kultur wird in einem Song der New Yorker Band LCD Soundsystem utopisch-romantisch aufgeladen:

I was there in 1968.
I was there at the first Can show in Cologne.
I was there in 1974 at the first Suicide practices in a loft in New York City.
I was there when Captain Beefheart started up his first band.
I was the first guy playing Daft Punk to the rock kids. I played it at CBGB's.
I was there in the Paradise Garage DJ booth with Larry Levan.
I was there in Jamaica during the great sound clashes.
I woke up naked on the beach in Ibiza in 1988.
(LCD Soundsystem, Losing my edge, 2000)

Immer dabei beim Urknall; 68 in Köln bei Can, keiner kennt das Wort Krautrock. 88 nackt am Strand von Ibiza, Ecstasy ist ein Zustand, keine Droge, Rave eine Zeitschrift aus den Sechzigerjahren. Und House? Naja, ein Haus.

Der Ratinger Hof – Brutstätte des BRD-Punk; Foto: ar/gee gleimIn seinem 2000er-Hit Losing my edge schlüpft John Murphy vom New Yorker LCD Soundsystem in die Rolle des ewigen Checker-Hipsters. Ein Kronzeuge der magischen Momente, der immer schon da ist, wenn irgendwo was Aufregendes passiert. Er pilgert zu den Sehnsuchtsorten der Popgeschichte. Und jeder weiß, dass er lügt. Der Typ kann gar nicht immer zu rechten Zeit am rechten Hot Spot gewesen sein. Eine Lüge, die die Wahrheit sagt über Pop, Erinnerung und Fantasma.

“I was there in Düsseldorf on German History Day, Wire at Ratinger Hof, November 9th, 1978.”

Ein Bierdeckel als Eintrittskarte für das WIRE-Konzert am 9.11.1978; © Sammlung Lothar LauterbachDie Zeile fehlt in Losing my edge. Aber sie könnte vorkommen, geschichtsträchtig ist dieses Ereignis allemal. Auch hier waren im Nachhinein wieder viel mehr Leute da als tatsächlich da waren. Am 40. Jahrestag der Reichspogromnacht spielt in einer Düsseldorfer Bierbar die englische Art-Punkband Wire. Damals kennt sie kaum jemand, später gelten sie als Pioniere der neuen Bewegung. Die Eintrittskarte ist ein Bierdeckel, mit rotem Edding steht WIRE drauf, darunter mit blauem Kuli 9.11.78, 20 Uhr, darunter ein blauer Stempel: Ratinger Hof, Ratinger Str. 10, 4 Düsseldorf. Klar war ich dort und habe den Deckel aufgehoben, alle anderen können nachschauen in einem Buch über den Ratinger Hof, herausgegeben von Ralf Zeigermann.

Das Buch in der Metallbox: „Ratinger Hof“, herausgegeben und gestaltet von Ralf Zeigermann, Verlag Robert Wiegner; Foto: Verlag Robert WiegnerEin Bilderbuch mit Erinnerungen von denen, die tatsächlich dabei gewesen sind und erst im Nachhinein festgestellt haben: Geschichte wird gemacht. Klar, die berühmte Zeile aus dem größten Hit von der Düsseldorfer Band Fehlfarben darf nicht fehlen. Fehlfarbens Thomas Schwebel und Peter Hein, damals nennt er sich Janie, nach einem Clash-Song, erinnern sich genauso wie Jürgen Engler, ein cleveres Großmaul, das später mit der Band Die Krupps reich werden sollte. Moritz Reichelt, bald semiberühmt mit Der Plan, und Michael Schirner, der in den Achtzigerjahren mit dem Konzept Werbung ist der neue Punk planmäßig glamourös scheitern würde. Auch Graham Lewis und Colin Newman von Wire kommen zu Wort, im Januar 2011 bringen sie mal wieder ein neues Album raus. Nach wie vor aktiv sind Ratinger-Hof-Gewächse wie DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) und Die Toten Hosen, die längst zum deutschen Rock-Establishment gehören.

Männer erzählen Geschichte, Frauen ermöglichen sie

Legendäre Nächte im Ratinger Hof; Foto: Ralf ZeigermannZuverlässiger als die niedergeschriebenen Erinnerungen sind die Fotos. Richard Gleim und Ralf Zeigermann haben sie gemacht und die vermutlich wichtigste Person der Ratinger Hofgeschichte. Carmen Knoebel, Künstlerin, Wirtin, Plattenauflegerin, Gelegenheitsfotografin, die mit „Ingrid Kohlhöfer die anscheinend heruntergekommene Hippiekneipe in der Ratinger Straße in Düsseldorf übernahm und diese erst in ein Mekka der Kunst und etwas später in ein Mekka moderner Musik transformierte.“ Männer erzählen Geschichte, ermöglicht wird sie von Frauen. Sozialhebammen, die erkannt haben, dass ein paar Eimer Farbe (weiß?), Neonröhren an der niedrigen Decke, ein ohne Ton vor sich hinlaufender Fernseher über der Tanzfläche und robuste Umgangsformen dabei helfen, eine heruntergekommene Hippiekneipe zum Kreißsaal der „neuen Bewegungen“ (Fehlfarben) zu machen. Bewegungen, die von England rüberkommen, in NRW verstärkt via BFBS, Soldatensender als Geburtshelfer von Revolten, auch so ein Treppenwitz der BRD-History. Rübermorphende Informationsbäche bündeln sich in Düsseldorf zum Fluss. In keiner anderen BRD-Stadt gibt es eine so fruchtbare Konkurrenz zwischen Kunst und Pop. Auch Joseph Beuys wird im Hof gesichtet, Immendorf sowieso, Düsseldorf ist nicht nur Punkhochburg, auch die Bewegung der Jungen Wilden Malerei ist hier zu Hause. Viele sind in beiden Feldern aktiv, die Gebrüder Oehlen oder Walter Dahn. Den Link von der Kunst zum Pop kennen wir aus den englischen Art Schools, auch die waren Geburtshelfer von Revolten. Beat, Mod, Glam, Punk, New Wave …

Beschleunigte Zeit, zu viel Zeit

Hier wird Geschichte gemacht; Foto: Ralf ZeigermannDie offiziöse Geschichte ist ein Konstrukt aus Oral History, Mythos, Lügen, Kontingenz. Im Rückblick ist der Ratinger Hof Spielraum einer Alltagspraxis, von der am 9. November 1978 kein Mensch ahnt, dass daraus 33 Jahre später Geschichte gemacht wird. Harry Rag, Sänger der damals sehr wichtigen Band mit dem sprechenden Namen S.Y.P.H., klaut seinen Namen bei einem Song der Kinks, die Londoner Proto-Artschool-Kleinbürger-Beatband. Rag bringt einen wichtigen Faktor ins Spiel. Zeit. Es war eine beschleunigte Zeit auf engsten Raum im Ratinger Hof. Und sie hatten viel Zeit, damals. Keine Zeittotschläger daheim, kein Bildschirm, keine Zeittotschläger unterwegs, kein Handy. Die mussten da hingehen.

„Was ich am meisten vermisse ist die Zeit, – die Zeit die ich damals hatte. Diese ‚vorhandene‘ Zeit war sehr wichtig um das Phänomen ‚Hof‘ in seiner ganzen Bandbreite zu erleben, zu genießen. So fing der gewöhnliche Hof-Abend für mich so gegen 19 Uhr an, wenn er noch recht leer war und vereinzelt die Ersten auftauchten, alles war dann noch übersichtlich, man trank das 1. Bier und tauschte die letzten Infos über Singles, EPs, LPs, Konzerte, T-Shirts, Badges, Plattenläden, Fanzines, neue Band-Projekte, Songtexte oder Parolen aus. So wurde wöchentlich der In- und Outstatus für alles Mögliche erstellt. Das ging so ein bis zwei Jahre gut.“ (Harry Rag, März 2001)

Klaus Walter
ist Radio-DJ, Autor und Moderator. Seit 2008 arbeitet er als Redakteur und Moderator bei dem Internetradio ByteFM, das 2009 den Grimme Online-Award gewann.

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Februar 2011

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