das Sauerkraut

Die Legende der „Krauts“

Die Mär von den Deutschen als Sauerkrautesser hält sich hartnäckig  Foto: Rolf Weschke © iStockphotoDie Mär von den Deutschen als Sauerkrautesser hält sich hartnäckig  Foto: Rolf Weschke © iStockphoto„Krauts“ nannten die englischen und amerikanischen Soldaten ihre deutschen Kriegsgegner. Und wenn jenseits des Ärmelkanals ein Karikaturist heute die Deutschen aufs Korn nimmt, spielt gewiss das Sauerkraut wieder eine Rolle.

„Zu den mannigfachen Attributen des Deutschen, durch die er in den Augen des Auslandes zur komischen Figur wird, gehört, dass er ein Sauerkrautfresser ist, nach Meinung dieser Menschen das auffallendste Zeichen einer höchst primitiven Kochkunst“, beklagte sich der Mediziner Prof. Dr. Fritz Eichholtz schon 1941 in seinem Werk Sauerkraut und ähnliche Gärerzeugnisse. Eichholtz ging es dabei weniger um das Ansehen der Deutschen, sondern darum, dass das gesundheitliche Wundermittel Sauerkraut durch die Verballhornung „Krauts“ in Misskredit geraten könnte. Allerdings verstieg er sich zu der Behauptung, dass das Sauerkraut eine rein deutsche Errungenschaft – und jeder Sauerkrautesser dadurch automatisch ein deutscher Volksgenosse sei. Au Backe!

Keine deutsche Erfindung

Bratwurst mit Sauerkraut  Foto: Robyn Mackenzie © iStockphotoWas würde er wohl heute dazu sagen, dass die Franzosen und die US-Amerikaner den höchsten Pro-Kopf-Verzehr des vergorenen Weißkohls haben? Es ist dem bayerischen Fernseh-Journalisten Dr. Hans Hermann von Wimpffen zu verdanken, Licht in die Herkunft des Schimpfwortes „Krauts“ gebracht zu haben. Denn der hatte Ende der 1980er-Jahre trotz einer spärlichen Quellenlage den Nachweis geführt, dass das Sauerkraut traditionell nicht aus Deutschland stammt, sondern aus dem Elsass. „Schuld daran sind die Elsässer, die von den Alemannen abstammen. Sie haben als erste Sauerkraut hergestellt. Die Alemannen haben einem ganzen Volk ihren Namen gegeben – in Frankreich heißen die Deutschen ‚les allemands‘“, schreibt von Wimpffen in seinem zum Standardwerk mutierten Buch Sauerkraut. „Die Elsässer sind es, die Sauerkraut mit Wurst und Speck zu ihrem Nationalgericht erklärt haben und denen die Deutschen das Sauerkraut als angebliches Leibgericht verdanken.“

Es ist vielleicht eine historische Quittung dafür, dass sich die Deutschen von 1871 bis 1918 und dann wieder von 1940 an bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Elsass einverleibt hatten. Seitdem gehört die Region bekanntlich wieder zu Frankreich. Und – auch das hat von Wimpffen herausgefunden – die Deutschen wurden speziell von den Briten auch schon weit vor dem Zweiten Weltkrieg als „Krauts“ aufs Korn genommen. Anders als im Zweiten Weltkrieg gehörte zur Marschverpflegung der Deutschen Reichswehr im Ersten Weltkrieg Sauerkraut, gekocht und in Dosen verschweißt.

Ursprung in der Soldatensprache

Im Ersten Weltkrieg gehörte Sauerkraut zur Marschverpflegung der deutschen Soldaten  Foto: Sergey Kamshylin © iStockphoto„Der Begriff ist mit Sicherheit Mitte des Ersten Weltkriegs in England beziehungsweise bei den Frontsoldaten Großbritanniens entstanden. Das Wort wurde nach dem Kriegseintritt Amerikas auch von den Soldaten der USA übernommen“, erklärt Wimpffen auf Anfrage. „Entgegen herrschender Meinung bin ich der Ansicht, dass mit dem Wort nicht die Deutschen als Volk, als Nation gemeint waren, sondern lediglich die gegnerischen Soldaten. Insofern handelt es sich also nicht um einen Ethnophaulismus, der ja die Gesamtheit eines Volkes herabsetzt, sondern um die britisch-amerikanische Soldatensprache.“

Davon, dass Sauerkraut in der Tat ein elsässisches Nationalgericht ist, kann sich jedermann überzeugen, der im Elsass in einem Restaurant essen geht. Es gibt kaum eine Speise, in der das Sauerkraut keine Rolle spielt. In Deutschland gehört es zwar in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zu den beliebtesten Mahlzeiten, vorzugsweise mit deftigen Fleischbeilagen wie Wurst, Speck und gepökeltem Schweinefleisch. „Zum deutschen Nationalgericht ist es aber niemals geworden“, so von Wimpffen.

Wundermittel Sauerkraut

Weißkohl auf dem Feld  Foto: Tomas Bercic © iStockphotoSchade eigentlich, denn die gesundheitlichen Wirkungen des Sauerkrauts sind beachtlich. Das liegt zunächst einmal daran, dass das Kraut auf Weißkohlbasis große Mengen an Vitamin C enthält. Der englische Seefahrer James Cook (1728 bis 1779) soll als erster auf seinen Pazifik-Reisen gleich fässerweise Sauerkraut auf seinen Schiffen mitgenommen haben, um die Mannschaften während ihrer monatelangen Überfahrten vor der gefürchteten Vitamin-C-Mangel-Krankheit Skorbut zu schützen. Denn Sauerkraut ist, richtig gelagert, lange haltbar. Der Tipp mit dem Sauerkraut soll übrigens von einem deutschen Kaufmann gekommen sein.

Neben dem Vitamin C und allerlei Mineralstoffen, gibt es jedoch eine Substanz im Sauerkraut, der Experten wahre gesundheitliche Wunderwirkungen zusprechen – die Milchsäure, die für den sauren Geschmack verantwortlich ist. Gleichzeitig ist sie der Stoff, der das Kraut haltbar macht, denn wenn Milchsäure in ausreichender Konzentration vorhanden ist, haben andere Bakterien, zum Beispiel Fäulnisbakterien, keine Chance mehr, ihr Werk zu verrichten. Es gibt zwar keine wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass Milchsäure ein Antikrebsmittel ist, wie dies einige Ernährungsratgeber behaupten. Dass aber Menschen wie die Kaukasier, die große Mengen milchsäurehaltige Nahrung verspeisen, gesund ein hohes Alter erreichen, ist bekannt. Krauts hin, Krauts her, es gäbe also einen guten Grund, das Sauerkraut zum Nationalgericht zu machen.

Olaf Peters
ist freier Journalist und Mitgründer der Agentur Wortwexxel. Er lebt und arbeitet in Oldenburg und im Ruhrgebiet.

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Februar 2010

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