das Kartenspiel Skat

18, 20 … weg – das Kartenspiel Skat wird 200 Jahre alt

Normalerweise sind die Stammgäste in meiner Stammkneipe nie still. Sie lachen gern schallend über die schrecklichsten Witze, und schwatzen und witzeln selbst dann, wenn sie die Fernsehübertragung eines wichtigen Fußballspiels im Nichtraucherraum verfolgen. Aber wenn sie sich montags zum Skatspiel versammeln, kann man eine Stecknadel fallen hören.

„Grand“, Copyright:www.pixelio.de/Foto: Christine Braun

Nicht nur deshalb muss man dankbar sein, dass Deutschlands National-Kartenspiel 2010 seinen 200. Geburtstag feiert. Das Spiel ist mit der Geschichte des Landes auf eine ganz andere Art verbunden als die Konkurrenten Poker und Bridge. Die Regeln mögen Ausländern unverständlich erscheinen, aber nach ein paar Stunden der stillen Beobachtung hat man sich gewöhnlich so viel abgeschaut, dass es zumindest für ein Verlustspiel reicht. Drei Spieler (zwei gegen einen), 32 Karten, jeder Spieler erhält zehn Karten, zwei verdeckt hingelegt), zehn Stiche. Ich werde nicht versuchen, die Regeln zu erklären. Nur so viel – bei diesem Spiel muss man vor allem ein gutes Gedächtnis haben sowie zählen, logisch denken und die Mitspieler durchschauen können. Glück ist hier nur nebensächlich.

Der Vorsitzende der Stuttgarter Skatunion Hans Schedler sagt, dass ihn nichts mehr ärgere, als wenn ein Spieler „Ich hatte schreckliche Karten!“ ausruft. Verliert man beim Skat, kann man die Schuld nur bei sich suchen. „Ein guter Spieler meckert nicht über seine Fehler, er lernt daraus“. Tatsache ist, dass man sich konzentrieren können muss. Deshalb sind Skatspieler bei Kneipenbesitzern nicht gerade beliebt – das Spiel steht reichlichem Bierkonsum im Wege.

Deutschland ohne Skat ist wirklich unvorstellbar

Bundespräsident Johannes Rau spielt Skat, 2002, Copyright: Presse- und Informationsamt der BundesregierungAber sie müssen sich damit abfinden, denn ein Deutschland ohne Skat ist wirklich unvorstellbar. Daher fangen Politiker damit an, wenn sie ihre Nähe zum Volk demonstrieren wollen. Altbundeskanzler Gerhard Schröder verkriecht sich in den Sommerferien auf der Nordseeinsel Borkum, und da es dort an Unterhaltung mangelt, spielt er Skat in der Inselkneipe und verliert dabei immer, wie er einräumt. Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau war ein erfolgreicherer Spieler, ebenso wie der ehemalige Vorsitzende der Linken Oskar Lafontaine. Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass spielt mit sozialdemokratischen Mitstreitern und ließ das Spiel in seinen Roman Die Blechtrommel einfließen. Das alles legt nahe, dass Skat ein Spiel für politische Köpfe ist. Doch kann man sich Bundeskanzlerin Angela Merkel schwerlich bei einer Skatrunde vorstellen. Skat war von Anfang an eine Männersache und ist es trotz ungefähr einer Million Spielerinnen (unter 20 Millionen Spielern bundesweit) auch geblieben. Ein Freund, ein Banker um die Vierzig, gestand mir, dass ihn Skat zum Mann gemacht habe. Damit meinte er, das Spiel habe ihn gelehrt, Niederlagen zu akzeptieren und weiterzugehen.

Italienische Wurzeln

Schwerdterkarten 1790–1885, Copyright: Gerd Matthes

Skat stammt wohl ursprünglich aus Italien. Der Überlieferung zufolge wurde die Grundidee von einem Kutscher aus dem Süden nach Deutschland gebracht, der das Spiel mit seinen Kollegen im Piemont gespielt hatte. Skat kommt vom italienischen Wort „scartare“ (ablegen) und „scatola“ (Schachtel). Es ist eine Weiterentwicklung von Tarock oder Tarot und dem alten Spiel Schafkopf. Doch erst 1810 wurde ihm in der thüringischen Stadt Altenburg eine feste oder besser gesagt deutsche Form gegeben.

Die klügsten Köpfe der Stadt setzten sich an einem Tisch zusammen und entwickelten das Spiel – der Gymnasialprofessor Johann Friedrich Hempel, der Medizinalrat Hans Carl Leopold Schuderoff, der Notar Friedrich Hempel und der Herzogliche Regierungsrat Hans Karl Leopold von der Gabelentz. Gelegentlich gesellte sich der Verleger Friedrich Brockhaus zu ihnen (dessen Lexika heute noch deutsche Standardwerke sind). Warum sie so viel Zeit hatten, sei dahingestellt. Von Altenburg aus verbreitete sich das Spiel in die Universitätsstädte und wurde ein beliebter Zeitvertreib unter Studenten. Damals lebte Deutschland unter Napoleons Vorherrschaft und blieb bis zur Reichsgründung im Jahr 1871 eine Kleinstaaten-Gesellschaft aus Herzog- und Fürstentümern.

Nahezu klassenloses Spiel

Während jener Jahre wurde Skat im Süden, Norden und Osten der geteilten Nation auf verschiedene Weise gespielt. Aber es hatte sich bereits als nahezu klassenloses Spiel etabliert, und es war nicht ungewöhnlich, Handwerker mit Apothekern und Ärzten spielen zu sehen. Das war nicht unumstritten: Der Philosoph Arthur Schopenhauer erklärte es zu einem „Bankrott an allen Gedanken“. Richard Strauss hingegen war von dem Spiel so angetan, dass er es in seine Oper Intermezzo aufnahm.

Erfurt, Skatspieler im Park, 1967, Copyright: Bundesarchiv/Foto: Dieter Demme

Nachdem Bismarck Deutschland geeint hatte, musste auch Skat vereinheitlicht werden. Ab 1886 klopften nationale Skatkongresse (eine durchaus ernste Angelegenheit) die Regeln fest. Sollte man auf Grundlage von Farben oder Zahlen reizen? Skat wurde zu einem Sinnbild der jungen Nation. An den Lagerfeuern vor der Schlacht von Sedan (1870) konnten sich bayrische und thüringische Soldaten nicht einmal auf die Regeln einigen. Doch bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich Skat – nach Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues zu urteilen – zu einer willkommenen Abwechslung in den Schützengräben entwickelt.

Einer der verborgenen Kanäle der deutschen Einheit

Die 11. und 12. Skatkongresse von 1927 und 1928 legten das Regelwerk schließlich fest. Schon bald wurde das Spiel jedoch von der deutschen Geschichte eingeholt und überschattet: Ab 1937 war das Skatspiel den Juden verboten, und die nächste Generation Soldaten mischte Karten vor der Schlacht. Im geteilten Nachkriegsdeutschland gab es zwei Skatversionen – eine im Osten und eine im Westen. Die Kommunisten im Osten des Landes verboten Skatvereine für lange Zeit aus Furcht, sie könnten sich zu einem Zentrum staatsfeindlicher Aktivitäten entwickeln. Drei Spieler, die sich untereinander kannten und vertrauten, konnten sich ziemlich sicher sein, nicht von einem Stasispitzel unterlaufen zu werden.

Kartenspiel „Hurra Deutschland“, Copyright: Spielkartenfabrik Altenburg GmbH

Doch im Laufe der Jahre entspannten sich die kommunistischen Machthaber und gestatteten Altenburg, seiner Aufgabe als Regelgeber und Schiedsstelle bei weltweiten Skatstreitigkeiten wieder nachzukommen. Das ebnete einem geheimen Informationsaustausch zwischen Skatliebhabern in Ost und West den Weg, einem der verborgenen Kanäle der deutschen Einheit.

Und daher hat Skat überdauert und erfreut sich auch im Zeitalter von Online-Poker und Videospielen reger Beliebtheit. Bereits Kurt Tucholsky, dem brillanten Satiriker aus den 1920er-Jahren, war aufgefallen, dass Skat Teil des deutschen Nationalgefüges geworden ist. „Wenn dem Deutschen so recht wohl ums Herz ist, dann singt er nicht. Dann spielt er Skat.“ Und wie gewöhnlich hat er damit recht.

Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im „Tagesspiegel“. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.

Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

Foto „Grand“ © Christine Braun / PIXELIO

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