Die Deutschen und die neue Sparsamkeit

Die neue Sparsamkeit

Copyright: www.colourbox.comCopyright: www.colourbox.comEs geschieht immer wieder: eine junge, vielleicht am Goethe-Institut eingeschriebene Ausländerin ist von einem höflichen, wohlerzogenen deutschen Mann ganz hingerissen und wird von ihm zum Abendessen eingeladen.
Manchmal mit Kerzen, manchmal ohne. Normalerweise verläuft der Abend ganz gut. Dann kommt die Rechnung, und der deutsche Romeo überprüft genauestens, wer was gegessen hat. Sensible Exemplare bemerken, dass die Zukünftige peinlich berührt ist, und sagen: „Weißt du was, wir machen einfach halbe-halbe.“

Man muss zugeben, dass ein Mann in den meisten anderen Ländern nach einem solchen Restaurantbesuch um einiges ärmer ist. Meine deutschen Freunde berufen sich auf die Emanzipation: da Männer und Frauen gleich gestellt sind, ist es eine Beleidigung für die Frau, wenn man ihren Lebensunterhalt bestreitet.

Eine merkwürdige Einstellung

Das sehe ich anders: die Deutschen haben eine merkwürdige Einstellung zum Geld. Die kommende Rezession wird es zeigen. Wie kann das Sparen eine alte deutsche Tugend sein, wenn (deutsche) Banken das Geld verzocken? Ist Armut immer noch eine Schande, oder müssen wir alle während einer Rezession den Gürtel enger schnallen?

Das interessante Buch Berlin für Arme gibt nützliche Tipps für harte Zeiten. Gehen Sie zu Versteigerungen von Fundsachen, heißt es, da bekomme man für sehr wenig Geld Mützen, Koffer und Skiausrüstungen. Oder: lassen Sie das Licht im Flur an, denn nicht die Brenndauer einer Glühlampe treibt die Kosten in die Höhe, sondern das permanente Ein- und Ausschalten.

Ein gesellschaftliches Tabu

Cover `Berlin für Arme´, Bernd und Luise Wagner; Copyright: Eichborn VerlagDas Buch ist deshalb interessant, weil in Deutschland Armut tabuisiert wird. Als ich in Bonn wohnte, entschuldigte eine Mutter ihren Sohn ständig beim Fußballtraining. Der Junge hatte wirklich Talent, aber sie brachte immer wieder neue Ausreden: Krankheit, der plötzliche Besuch eines entfernten Verwandten. Schließlich fanden die Lehrer heraus, dass sie kein Geld für neue Fußballschuhe oder den Busfahrschein für Auswärtsspiele hatte. Oder was ist an folgendem Stadtklatsch dran: mittelständische Hausfrauen verbergen ihre Aldi-Einkäufe in Tüten von Nobelboutiquen, damit die Nachbarn nicht schlecht von ihnen denken? Doch mittlerweile gibt man anstelle solcher armseliger Versteckspiele offen zu, dass man sich etwas einfallen lassen muss, damit das Geld bis zum Monatsende reicht.

Zum einen liegt das am wachsenden Misstrauen den Banken gegenüber. Sind sie in Zahlungsschwierigkeiten, müssen wir einspringen. Der amerikanische Dichter Robert Frost sagte einmal: „Bei einer Bank bekommt man bei schönem Wetter einen Regenschirm geliehen, und wenn es zu regnen anfängt, soll man ihn zurückgeben.“ Zu Beginn dieses turbulenten Jahrhunderts sah es eine Zeit lang so aus, als ob die Deutschen das Glück pachten könnten. Kreditkarten-Schulden, die in Großbritannien oder den USA zum täglichen Leben gehören, in Deutschland jedoch kaum an der Tagesordnung sind, nahmen ungekannte Ausmaße an. Und heute? Jetzt muss man sich auf das Wesentliche besinnen.

Sparen ist in

Das Faszinierende an Berlin für Arme (Bernd und Luise Wagner, Eichborn Verlag) ist, dass es mittellosen Städtern die Natur wieder nahe bringt und sie dazu ermutigt, Parks zu nutzen, spazieren zu gehen, in Seen zu schwimmen und Beeren zu sammeln. Und das alles umsonst. Ich arbeite schon eine Weile an einem Buch über Essen im Krieg und habe Rezepte aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gesammelt: Löwenzahn, Eicheln, Rüben und Kartoffeln waren sehr preiswerte oder gar kostenlose Zutaten. Um daraus etwas Köstliches zu zaubern, brauchte man Zeit, aber vor allem Fantasie. Ich besitze mittlerweile 80 verschiedene Kartoffelrezepte. Vor zwei Jahren (als ich mit meinen Recherchen begann) hätte man erlesenen Gästen zum Abendessen um nichts in der Welt Kartoffelgerichte auftischen können. Heute halte ich Kartoffelsalons ab. Und da kommen nicht nur alte Leute, die wie in Kriegszeiten benutzte Bänder und Geschenkpapier im Schrank aufbewahren. Sparen ist wieder in und wird nicht mehr tabuisiert. Einer meiner Nachbarn, ein Bauunternehmer, fährt mit seinem Mercedes jeden Samstagmorgen zum Bahlsenladen in Berlin, um Kekse zweiter Wahl zu kaufen. Die sind entweder zerbrochen oder haben andere Mängel, aber eignen sich dafür hervorragend, um auf langen Autobahnfahrten nicht zu verhungern. Und natürlich sind sie billig. Neu daran ist, dass mein Nachbar einen jetzt mitnimmt und das Erlebnis teilt, anstatt es zu verheimlichen.

Der neue Zeitgeist

Copyright: www.colourbox.comMit Vorräten zu wirtschaften war zusammen mit Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung schon immer eine preußische oder deutsche Tugend. Durch die Finanzkrise besinnen sich die Deutschen auf alte Werte, und das ist gar nicht schlecht. Die neue Sparsamkeit hat nichts mit Geiz tu tun. Bestenfalls fördert sie die Herausbildung einer neuen Solidarität. In meinem Kiez in Berlin leiht man sich jetzt eine DVD aus und lädt vier oder fünf Freunde dazu ein. Das ist viel billiger als Kino: man zahlt für die DVD, aber die Freunde bringen Essen und Getränke mit. Sogar die arme Fußballmutti schämt sich nicht mehr, die Schuldirektion um finanzielle Unterstützung zu bitten. Man könnte fast meinen, dass die typisch deutsche Tugend der Sparsamkeit in dieser Rezession eine umsichtigere und rücksichtsvollere Gesellschaft hervorbringen wird.

Und was die jungen deutschen Männer betrifft, die unbedingt die Restaurantrechnung mit der Angebeteten teilen wollen – vielleicht haben sie den neuen Zeitgeist bereits bestens verinnerlicht.

Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.

Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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November 2008

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