Verhaftung

Ausgesiedelte Familie in der Steppe
Praktisch die ganze deutsche Bevölkerung der UdSSR wurde nach Karelien, Kasachstan und Sibirien in die sog. „Sondersiedlungen“ verschleppt, die meist nur aus nackter und wilder Steppe bestanden. Niemand wäre wohl freiwillig in diese schwer erschließbaren und klimatisch rauen Gebiete der UdSSR gezogen, um beispielsweise in Kohlegruben bei Tagestemperaturen von minus 20 Grad zu arbeiten. Doch Stalin brauchte billige Arbeitskräfte, um die Urbanisierung und die Industrialisierung der Sowjetunion möglichst schnell voranzutreiben.

So wurden denn Verfolgungen und Verhaftungen von sog. „Klassenfeinden“ systematisiert und die Untersuchungshaft verkürzt. 1938, auf dem Höhepunkt der „Grossen Säuberung“ befanden sich über zwei Millionen Menschen in solchen Arbeitslagern. Bis zu Stalins Tod wurden schätzungsweise 15 Millionen Menschen im Gulag interniert, von denen jeder fünfte umgekommen ist. Unter den Opfern befanden sich mindestens 3 bis 4 Millionen Frauen. Weitere 5 Millionen Personen sind in Verbannungsgebiete deportiert worden.

1933 wurde Juliana Fachts Vater verhaftet. Einen Grund für die Verhaftung brauchte es zu dieser Zeit nicht. Weil Russland kostenlose Arbeitskräfte benötigte, wurde das Todesurteil ihres Vaters (Tod durch Erschießen) durch eine Lagerstrafe von erst zehn, dann fünf Jahren ersetzt. Zum Schluss hat man ihn sogar vorzeitig entlassen.

 „Damals wurde der Moskwa-Wolga Kanal gebaut. Der Kanal sollte die Wolga mit der Moskwa verbinden, um den Transportweg zu verkürzen. Dorthin wurden viele Häftlinge geschickt. Es wurde, wie die Arbeiter sagten, ‚auf Knochen’ gebaut, weil man dort an der Feuchtigkeit erkrankte und vor Hunger starb. Dorthin wurden diejenigen geschickt, die zum Tod durch Erschiessen verurteilt worden waren, oder die, die man vernichten wollte. Man wusste, dass sie an dieser Baustelle sowieso sterben würden. Mein Vater ist dann auch an Tuberkulose erkrankt. [...] Deshalb wurde er vorzeitig [...] entlassen.“

Alla Schmerlings Vater wurde 1941, sie war damals vier Jahre alt, verhaftet. Er wurde nicht erschossen, sondern zu acht oder zehn Jahren verurteilt. Man gewährte ihm ein Korrespondenzrecht und hat auch sein Vermögen nicht konfisziert. Unterwegs ins Lager hat er Briefe aus dem Zug geworfen, welche von ihm wohlgesinnten Leuten an seine Familie weitergeschickt wurden. Auch aus seinem Verbannungsort Taschkent hat er weiterhin Briefe an seine Familie geschrieben.

„Sie waren schrecklich (die Briefe). Er träumte, irgendwo eine Zwiebel herzubekommen, denn er war an Skorbut erkrankt und hatte Probleme mit dem Magen. Er konnte nicht mehr die Heringssuppe vertragen. Sein Magen ist geschrumpft, so dass er zum Schluss nur noch 30 Kilo wog. [...] Er träumte von einer Zwiebelknolle! Jemand hätte hinfahren und ihm eine bringen können, aber wer von uns hätte das tun können? So ist er dort 1943 in einem Krankenhaus verhungert.“

Waldemar Gutbrodts Vater ist 1938 arretiert worden. Eines Tages im Juli wurde er abgeholt und hat seine Familie nie wieder gesehen. Im Gefängnis wurde er gefoltert und solange vom Schlafen abgehalten, bis er das Protokoll unterschrieb, in dem stand, dass er ein Volksfeind sei. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre später hat er bereits nicht mehr gelebt.

Man hat sie dort alle umgebracht. Wir haben später erfahren warum. Man hat ihnen Zyankali ins Essen getan. Der Krieg gegen Deutschland war schon ausgebrochen und man wollte die Deutschen loswerden, deshalb hat man die Deutschen in den Gefängnissen umgebracht und uns ganz weit weggeschickt, damit wir nicht in die Hände der Deutschen fielen. Die ganze Wolgarepublik wurde nach Kasachstan umgesiedelt. Viele Menschen sind dort verhungert.“