Deutsche Identität

 

Elsa Gilbert
Der Begriff „deutsche Identität“ wird von den Interviewten ganz unterschiedlich interpretiert. Für die einen war das deutsche Zugehörigkeitsgefühl bereits während der Deportation besonders stark spürbar, die anderen entdeckten es erst bei der Gründung der „Einung“ von 1991 und für wieder andere spielt weder die deutsche Identität noch die Nationalität im allgemeinen eine besondere Rolle.

Elsa Gilbert fühlt sich deutsch, obwohl sie weiß, dass sie nie mehr nach Deutschland reisen kann. Sie beschäftigt sich jedoch wann immer sie kann mit der deutschen Sprache. So übersetzt sie Gedichte vom Georgischen ins Deutsche, liest Goethe, Schiller und Heine oder die Geschichte Deutschlands. Typisch deutsch ist für sie Pünktlichkeit. „Die Deutschen haben für alles Regeln und eine große Arbeitsfähigkeit. Sie sind in sich verschlossen, aber ehrlich. In Katharinenfeld wurde immer alles durchgerechnet, wann man was und wie machen musste. Sie bereiteten sich immer gut auf den Winter vor. Sie mussten nie Hunger leiden. Im Sommer waren sie tüchtig. Und wenn eine Wolke auf sie zutrieb, stiegen sie auf den Berg und beschossen die Wolke mit Raketen, bis sie zerstob.“

Diana Kessners deutsches Zugehörigkeitsgefühl erwachte erst wieder, als sie Mitglied der „Einung“ geworden ist. „Als Kind habe ich mich immer als Deutsche gefühlt, ich stand in der Schule auf und sagte immer mit Stolz – Ich bin eine Deutsche! Meine Grossmutter, obwohl sie keine Deutsche war, hat sich für eine Deutsche gehalten. Das stärkste Gefühl der Zugehörigkeit entstand während der Deportation. Später, als ich mich mit Kunst beschäftigte und ein ganz normales Leben lebte, habe ich dieses Gefühl allerdings völlig vergessen. Niemand erinnerte sich daran und es gab auch keinen Grund, sich daran zu erinnern.“

 Für Magerita Henning existiert das Gefühl der deutschen Identität nicht, da sie sich selbst nicht als Deutsche sieht. „Hier bin ich geboren, das ist mein Land. Hier ist mein Vater geboren. Alles andere geht mich nichts an. Ich fühle mich auch nicht als Bürgerin Georgiens. Warum soll ich mich irgendwo zugehörig fühlen? Ich wollte nach Deutschland wegen Gamsachurdia, diesem verrückten König. Aber dann wurde mein Antrag abgelehnt. Ich glaubte, dass man von Deutschen, die unter den Repressionen gelitten hatten, keine Sprachkenntnisse verlangen würde, weil es uns unmöglich war, unter solchen Umständen eine Sprache zu lernen. [...] Mein Antrag wurde abgelehnt, auch weil ich nicht beweisen konnte, dass mein Vater Deutscher war.“