Russische Revolution

Die ersten Wolken über den deutschen Kolonien begannen sich bereits in Folge der russischen Niederlage im Krimkrieg (1853-1856) zu verdichten. Der sich schnell ausbreitende Panslawismus einerseits und die immer größer werdende Missgunst allem Deutschen gegenüber andererseits führten schließlich zur Aufhebung der Rechte und Privilegien, die den deutschen Umsiedlern und ihren Nachkommen „für ewige Zeit“ von Katharina II gegeben worden waren.

Die Selbstverwaltung der deutschen Kolonien wurde aufgehoben, als Amts- sowie auch als Unterrichtssprache wurde Russisch eingesetzt und ab 1874 wurde die allgemeine Wehrpflicht für die Deutschen eingeführt. Die einzige Freiheit, die aus Katharinas Manifest übrig blieb, war die Freiheit des Glaubensbekenntnisses. Da die Slawophilen in den Kolonisten eine große Bedrohung für Russland sahen, wurde auch das Recht von Ausländern auf den Erwerb von Land und den Besitz von Immobilien stark eingeschränkt.

Die antideutschen Stimmungen erreichten im Ersten Weltkrieg ihren ersten Höhepunkt. Mit der Oktoberrevolution von 1917 und Lenins „Dekret über die Schaffung des Gebietes der Wolgadeutschen“ von 1924 bekam die „deutsche Frage“ zwar nochmals kurz etwas Aufwind. In der Republik der Wolgadeutschen fungierten Ende der 30er Jahre etliche Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache sowie deutsche Kulturzentren und deutsche Nationaltheater. Doch lange währte diese Entwicklungsperiode der deutschen Kolonien in der UdSSR nicht weiter.

Die Folgen der Kollektivierung, der Enteignung und der Verfolgung führten spätestens 1932/33 zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Kolonien zu einer schweren Hungersnot. Ein Brief aus den Akten des deutschen Konsulats in Tiflis dokumentiert die Stimmung in den Kolonien:

 „Wir sind jetzt in einer solchen verzweifelten Lage und finden keinen Ausweg. Es soll nämlich alles zu einem Kollektiv gemacht werden, das ganze Dorf, zu dem wir aber nicht dazu dürfen und es heisst dass wir ganz ausgewiesen werden. Stelle Dir nun den Jammer vor, wenn das wahr würde. Die Reichsdeutschen, die haben es noch gut, die können gehen. Aber wir können nirgends hin. Heute Abend und schon die ganze Woche sind Sitzungen, die über unser Schicksal entscheiden sollen. [...] Alle, wer nur kann, verkaufen ihre Sachen und gehen. [...] (Du schreibst, ob Du uns nicht besuchen kannst. Ich will Dir nur sagen, wenn Du nicht Reichsdeutsche bist, kannst Du nicht zurück. Und hier bleiben, das heisst, lebendig begraben zu sein). Es sind jetzt viele Bettler aus Russland hier. Wer weiss, ob wir ihr Schicksal nicht bald teilen.“

Obwohl die russischen Schikanen zunahmen, riet das Generalkonsulat den Ausreisewilligen zum Bleiben (In Tiflis gab es 1935 noch 120, in den deutschen Kolonien noch insgesamt 350 Reichsdeutsche. 30% waren nach der Kollektivierung ausgereist.). 1934 begannen die Verhaftungen, ein Jahr später die Zwangsumsiedlungen.