Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Interview
Die Grundlage für die Arbeit: Für wen oder was möchte ich meine Stimme erheben?

Ludger Engels
© Ric Schachtebeck

Ein Interview mit dem Opern-, Theater- und Musiktheaterregisseur Ludger Engels.

Herr Engels, seit mehreren Jahren sind Sie Professor für Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Ab dem 1. April 2022 haben Sie auch die Geschäftsführung und Künstlerische Direktion übernommen. Die Akademie ist auch ein Partner des Emergency Exit Programms der FreeSZFE. Was halten Sie von dem Programm? Können Sie sich vorstellen, dass er sich zu einer vernetzteren, detaillierteren Struktur entwickelt, die mehr als nur ein Rahmen für die ungarischen Kurse ist?

Im Idealfall entwickelt sich aus dem „Emergency Exit Programm” eine freie Form von Akademie – frei von nationalen und politischen Grenzen, frei von Gattungsgrenzen – die transdisziplänere künstlerische Forschung betreibt. Es ist wichtig, keine neue Theaterakademie im traditionellen Sinne zu kreieren, sondern ein Zukunftslabor für alle Künste, das visionär ausgerichtet ist und die Relevanz von Kunst in der Gesellschaft deutlich sichtbar macht und weiter entwickelt.

Was ist für Sie als Leiter der ADK das Wichtigste, was junge Theatermacher – jetzt, in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderst - während ihrer Studienjahre erleben/lernen sollten?

Neben den handwerklichen Grundlagen und der Sammlung von Wissen aus der Geschichte des Theaters, der Kunst und Politik sind es aus meiner Sicht drei Punkte: Die Aneignung von Kenntnissen über die verschiedensten Formen und Techniken, in denen die darstellenden Künste momentan agieren. Neben dem Schauspiel, Musik- und Tanztheater sind es die Begegnungen mit Formen der bildenden Kunst und der Musik. Zweitens: die Aneignung von Wissen über außereuropäische Formen des Theaters und der Musik. Und drittens: Gleich welches Fach in den darstellenden Künsten studiert wird,  müssen Erfahrungen ausserhalb von klassischen Theaterräumen gesammelt werden, und mit künstlerischen Interventionen der urbane Raum erkundet werden. Das bedeutet auch, die Menschen vor Ort kennen zu lernen, ihre Perspektiven einzunehmen und als Publikum sowie als Mitwirkende in die künstlerischen Projekte einzuladen.
Ziel ist, daß die Studiernden Ansätze für ihre eigenen künstlerischen Positionen entwickeln und Kenntnisse und Erfahrungen sammeln, um sich vielseitig an unterschiedlichen Orten und in Formaten künstlerisch zu äußern.
(Da fällt mir gerade der Satz des amerikansichen Komponisten und Publizisten Dick Higgins von 1966 ein: „Much of the best things being produced today seems to fall between media. This is no accident.”)

Sie haben auch in Ungarn gearbeitet und haben einige Eindrücke von der Theaterszene und der Art des ungarischen Theatermachens. Welche Eigenschaften sind Ihnen aufgefallen, die einen positiven Einfluss auf den deutschen Weg haben könnten?  Oder ist es einfach die andere Kultur und Denkweise selbst, die die Zusammenarbeit mit ungarischen Theatermachern interessant macht?

Mich hat in der Zeit in Budapest und bei meinen Begegnungen besonders der hohe Stellenwert beeindruckt, den Literatur, Musik und Kunst einnehmen. Und damit natürlich auch die Kenntnisse darüber. Inspirierend für mich waren die Aufführungen oder künstlerischen Aktivitäten, die als politische Statements auch im öffentlichen Raum stattfanden. Daneben habe ich eine große Offenheit und Neugierde gegenüber anderen Theaterkulturen und -formen erlebt. Die politische Notwendigkeit von Kunst und die Begegnung in künstlerischen Projekten über Grenzen hinweg sollten wir als richtungsweisend begreifen.

Was raten Sie den Studenten, die sich an einer deutschen Hochschule bewerben wollen, und denen, die eine Karriere in Deutschland anstreben?

Oh, keine leichte Frage. Als erstes Klarheit verschaffen, warum will ich das studieren, was ist es, was mich da reizt und interessiert? Warum will ich an die Öffentlichkeit?  Entschlossenheit und Ausdauer sind wichtige Eigenschaften,  um einen Weg als Künstler*in zu finden.
Ein Bewusstsein darüber zu haben, was mein ganz persönlicher Antrieb ist, eine künstlerische Stimme sein zu wollen, ist aus meiner eigenen Erfahrung die Grundlage für die Arbeit.  Für wen oder was möchte ich meine Stimme erheben.
Es klingt etwas pathetisch, aber das ist es, was wir Künstler*innen tun. Und daran sollte man enorme Freude haben, Liebe dafür entwickeln, andere Menschen zu künstlerischen Findungsprozessen einzuladen, selber dabei zu sein, das Ergebnis zu veröffentlichen und aufzuführen.
Und das man sich schnell kontaktet und vernetzt, um Partner*innen in möglichst verschiedenen kulturellen Institutionen zu finden.

 

Prof. Ludger Engels ist Regisseur (Oper, Theater, Musiktheater), geboren 1963 in Duisburg, studierte Musik und Germanistik (Universität Dortmund) und im Anschluss Dirigieren bei Helmuth Rilling. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Musiker und Chordirigent wandte sich Ludger Engels dem Theater zu.
Er war von 2005 bis 2013 Chefregisseur und stellvertretender Intendant am Theater Aachen und wurde international als freier Regisseur durch seine interdisziplinären und raumübergreifenden Arbeiten bekannt. Inszenierungen, Projekte und Installationen entstanden für Theater- und Opernhäuser, Festivals und Museen u.a. in Deutschland, der Schweiz, Ungarn, den USA, Australien und Südkorea.
Ludger Engels lehrt seit mehreren Jahren als Dozent für Opern- und Theaterregie u.a. an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin und der Toneelacademie Maastricht. Seit 2015 ist er Studiengangsleiter und Professor für Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK-BW). Ab dem 1. April 2022 hat er die Geschäftsführung und Künstlerische Direktion der ADK-BW übergenommen.
 

 

Top