Jayachandran Palazhy

Meine Erinnerungen an das Max Mueller Bhavan-
Eine Reise von persönlicher Verbindung zu institutioneller Partnerschaft

Meine erste Begegnung mit dem Max Mueller Bhavan (MMB) hatte ich im Winter 1982/83, als ich aus dem kleinen Dorf Trichur in Kerala nach Chennai zog. Obwohl ich Physik studierte, hatte ich den starken Wunsch, mein Wissen über den Tanz auszubauen. Nach dem College in Trichur lernte ich Abends Bharatnatyam, einen klassischen indischen Tanz und beschloss den Schritt zu wagen, nach Chennai zu gehen, um mich ganz dem Tanzen zu widmen.

Bevor ich vom Max Mueller Bhavan erfuhr, lernte ich Chennai kennen. Ausgerüstet mit den Namen einiger populärer Tänzer und Tanzinstitutionen machte ich mich jeden morgen mit den ‘Pallavan’ Stadtbussen auf den Weg, um meinen potentiellen Guru zu finden. Ich wanderte von einem Lehrer, von einer Institution zur anderen und fragte wirklich jeden auf der Straße nach dem Weg. Es kostete mich einige Wochen der intensiven Suche, bevor ich meinen Lehrer ausfindig machen konnte.

Während ich in Trichur studierte, besuchte ich mit meinen Freunden Filmvorführungen internationaler Kinoklassiker und Kunstfilmen aus aller Welt. Die Filmvorführungen wurden von einem Film-Club in Kerala organisiert. Ich ging ebenfalls zu Veranstaltungen der School of Drama in Trichur, die die Werke indischer und internationaler Dramatiker und Regisseure zeigte. Nachdem ich nach Chennai zog, suchte ich nach einer Möglichkeit, gute Filme und Theaterstücke zu sehen. Meine Suche führte mich zum Max Mueller Bhavan und von da an stärkte sich meine Beziehung zum Institut mehr und mehr.

Das Max Mueller Bhavan lag damals in Royapettah. Am Institut hatte ich die Gelegenheit, einige der gefeierten deutschen Filme, von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog anzuschauen. Ich erinnere mich noch an die Ehrfurcht mit der ich die Filme Herzogs sah. Vor allem Fitzcarraldo und Volker Schlöndorffs Filmadaption von Günther Grass’ Roman “Die Blechtrommel”. Klaus Kinskis phänomenale Darstellung in Herzogs Film inspirierte mich ungemein und ihre sagenhaft schwierige Beziehung faszinierte mich ebenfalls.

Genauso habe ich gemischte Erinnerungen an die Vorführung von Heimat, wahrhaft eine Film-Odyssee (Allein der erste Teil des Films war 16 Stunden lang), des Regisseurs Edgar Reitz. Es wurde in einer Voraufführung der Filmkammer, nahe des Gemini Flyover in Chennai, gezeigt. Wir sahen den Film an zwei aneinander folgenden Tagen, jeden Tag etwa 8 Stunden.

Meine Verbindung zum Goethe-Institut/Max Mueller Bhavan setzte sich in verschiedenen Städten der Welt fort. In London sah ich einige der gefeierten Werke Wim Wenders’, wie Der Himmel über Berlin und Buena Vista Social Club. Als ich später Montreal in Kanada besuchte, genoss ich auf Einladung des damaligen Institutsleiters das Privileg, selbst einige Zeit mit dem gefeierten Regisseur Werner Herzog verbringen zu können. Werner Herzog gab eine Rückschau seiner Filme und erzählte mir Geschichten aus seiner Schulzeit und seiner Expedition in die Welt des Filmemachens. In Montreal nahm ich am IETM Treffen teil und konnte den Bahn brechenden, in Amerika geborenen, deutschen Choreographen William Forsythe treffen. Ich sah eine seiner wegweisenden Produktionen, die von einer erfahrenen Truppe phänomenal umgesetzt wurde.

Ganz ähnlich hatte auch die1984 vom Max Mueller Bhavan in Mumbai organisierte erste bedeutende Ost-West Begegnung einen indirekten Einfluss auf mich. Kurz nach dem „East-West Encounter“ begann die berühmte zeitgenössische Tänzerin und Choreographin Chandralekha, in ihrem Chennaier Studio, die richtungweisende Tanzproduktion Angika zu erarbeiten. Ich wurde eingeladen, gemeinsam mit einigen anderen jungen Tänzern an der Produktion teilzunehmen. Normalerweise begannen wir abends nach unseren eigenen Kursen und Verpflichtungen mit den Proben. Damals führte die deutsche Choreographin Susanne Linke einige Workshops in Chandralekha’s Studio durch. Ich konnte sie während ihrer Arbeit aus der Nähe beobachten und von ihrem Ansatz der Bewegung und des Tanzes lernen. Neben ihr besuchten auch viele andere Tänzer und Choreographen Chandras Studio. In den folgenden Jahren mit dem Max Mueller Bhavan hatte ich Gelegenheit, mit der jüngeren Generation deutscher Generation zu arbeiten, darunter Sasha Waltz und Constanza Macras. Dank des Goethe-Instituts konnte ich mich ebenfalls mit Anna Huber, Joachim Schlomer, Helena Waldmann und Pina Bausch austauschen.

Meine Verbindung mit der experimentellen tamilischen Tanztheatergruppe Koothu-p-Pattarai, fand ebenfalls im Max Mueller Bhavan in Chennai seinen Anfang. Inge Meyer führte uns in ihren Workshops in Grotowskis Theatertechniken ein. Später hatte ich das Privileg einige großartige deutsche Theaterproduktionen zu sehen, unter anderem das Berliner Ensemble, welches im Rahmen des London International Festival of Theatre (LIFT) auftrat.

Im Jahr 2001 wurde, in Kooperation mit dem MMB, meine Choreographie, für die aus London stammende Tanzgruppe IMLATA, im Rahmen des German Festivals in Indien in Delhi, Mumbai und Chennai aufgeführt. In diesem Jahr wurde auch das Attakkalari Centre for Movement Arts an seinem heutigen Standort in Bangalore etabliert. Meine individuelle Verbindung mit dem MMB als Tänzer begann sich nun in eine institutionelle Partnerschaft zu wandeln.

Seitdem wurden fast alle Projekte von Attakkalari in einer Partnerschaft oder Kooperation mit dem Max Mueller Bhavan Bangalore durchgeführt. Diese Partnerschaften gründen auf dem Einsatz des MMBs für Kunst und Bildung. Das MMB unterstützte beispielsweise 2002, 2004 und 2006 die FACETS - International Choreaography Laboratories , sowie viele weitere Residenzprogramme, die das Attakkalari in solchen Disziplinen wie Tanz, Lichtdesign und digitaler Kunst durchgeführte.

Da das MMB die Wichtigkeit von Forschung über und die Entwicklung von körperlichen Ausdrucksformen anerkennt, unterstützte es das Attakkalari bei der Entwicklung der ersten interaktiven Bharatanatyam DVD, die ein Teil der Nagarika Serie ist- ein integratives Informationssystem über die Tradition indischer physischer Ausdrucksformen.

Max Mueller Bhavan gab den Tänzern des Attakkalari und mir die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen teilnehmen und zu reisen. Im Rahmen des Spielart Festivals in München nahm ich an einem Round Table im Hauptsitz des Goethe-Instituts und an einer Konferenz über Mediengebrauch im Haus der Kulturen der Welt in Berlin teil. Der Pact Zollverein in Essen lud den ersten Jahrgang des Attakkalari ein, an einem internationalen Residenzprogramm, an welchem Vertreter der namhaftesten europäischen Tanzinstitutionen teilnahmen, zu partizipieren. Während unseres internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz und digitale Kunst - die Attakkalari Indien Biennale – das einzige Festival seiner Art in Indien, brachte MMB Spitzenklasse Produktionen aus Deutschland nach Indien.

Auch in meinen Kooperationen mit dem Deutschen Christian Ziegler, ein Künstler der mit digitaler Kunst arbeitet, spielte das MMB eine große Rolle. Wir haben die Performance Projekte Scanned V, Transavatar und Chronotopia erarbeitet. Diese führten zu Performances im I-camp, Muffathalle in München, dem Tanzhaus in Düsseldorf, dem Mousonturm in Frankfurt, dem ZKM (Zentrum für Kunst und Medien) in Karlsruhe, sowie in Theatern in Darmstadt und Jena.

Die Max Mueller Bhavan Institute in Indien spielten immer eine große Rolle bei der Erweiterung der Grenzen der Kunstpraktiken in Indien. Diese wurden auf verschiedenste Weise geleitstet. Genau wie Bangalore zweifelsohne der Mittelpunkt des zeitgenössischen indischen Tanzes ist, ist die Rolle, die das MMBs bei der Pflege dieser Entwicklung spielt, rühmenswert. Vor zehn Jahren organisierte das Attakkalari ein internationals Kolloquium über den Körper. Es nahmen Vertreter der verschiedensten Disziplinen wie z.B. des Tanzes, des Theaters, der Philosophie, der Literatur, der bildenden Kunst und des Films teil.

Das vom MMB Bangalore organisierte Filmfestival ist heute eines der wichtigsten Festivals der Stadt. Attakkalari ist ein Partner im Kali-Kalisu Projekt, das gemeinsam vom MMB und der India Foundation for the Arts getragen wird. Im Laufe der Jahre sah ich, wie das MMB einen großen Beitrag im Bereich der bildenden Kunst leistete, indem es Aufträge verteilte, sowie bildende Kunst kuratierte und ausstellte. Das Max Mueller Bhavan Bangalore trägt kontinuierlich dazu bei, den Diplomstudiengang, Strategic Diploma in Movement Arts and Mixed Media, des Attakkalari weiterzuentwickeln. Dieser Studiengang ist einzigartig in ganz Indien.

In den letzten 50 Jahren seines Bestehens in Indien trug das Max Mueller Bhavan enorm dazu bei, das kulturelle Gefüge in Indien zu bereichern. Dank seines Weitblicks auf dem Gebiet des Tanzes führte es einen qualitativen Wandel in der Natur und bzgl. des Anwendungsgebietes des zeitgenössischen Tanzes in Indien herbei. Ich hoffe, das MMB führt seine gute Arbeit weiter und ich wünsche der Organisation und seinen Mitarbeitern das Beste für all ihre weiteren Bestrebungen.

Jayachandran Palazhy ist künstlerischer Leiter des Attakkalari Centre for Movement Arts, Bangalore www.attakkalari.org
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