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Beispielseiten 30/31 |
Die Herausgeber, aber auch zahlreiche Rezensenten heben hervor, dass mit diesem Buch Neuland betreten worden sei. Das ist zwar richtig, doch Vorarbeiten gab es durchaus. Dazu gehören zweifellos die in den 1950er Jahren von Georg Eckert, Professor für Geschichte und ihre Didaktik in Braunschweig und späterer Vorsitzender der deutschen UNESCO-Kommission, angeregten deutsch-französischen Schulbuchgespräche. Sie mündeten in Empfehlungen für eine "Entgiftung" der Geschichts- und Erdkundebücher der ehemaligen "Erbfeinde" und Kriegsgegner.
Symbolträchtiges Projekt
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Präsentation |
Das Geschichtsbuch ist also ein Politikum und nur als solches konnte es überhaupt Wirklichkeit werden. Vor diesem Hintergrund wird auch die große Aufmerksamkeit verständlich, die es in den Medien erfahren hat und immer noch erfährt; eine Aufmerksamkeit, von der andere Schulbücher nur träumen können. Dass das Werk die Hürden des deutschen föderalen Bildungssystems im Schnellverfahren nehmen konnte und von allen Bundesländern zugelassen wurde, ist ebenfalls einmalig.
Deutsch-französische Sicht auf die europäische Nachkriegsgeschichte
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Beispielseiten 112/113 |
Einige Politiker und Lehrer denken deshalb auch schon weiter: Warum nicht ein europäisches Geschichtsbuch? Vor einigen Jahren gab es bereits ein Buch mit diesem Titel – kein eigentliches Schulbuch, aber doch ein Werk, das in den europäischen Schulen genutzt werden sollte. Kritiker bemängelten damals, dass sich in die verschiedenen Länderausgaben durch die Hintertür der Übersetzungen die jeweils nationale Sicht auf die Geschichte wieder eingeschlichen habe.
Dies ist beim deutsch-französischen Geschichtsbuch anders: Hier decken sich beide Versionen. Sie folgen demselben Konzept, enthalten die gleichen Dokumente, den gleichen Umbruch, die gleichen Karten, Fotos und Illustrationen bis hin zum gleichen Fachwortregister. Trotz dieser Deckungsgleichheit werden natürlich Begriffe wie Staat, Nation, Kultur, Religion auf beiden Seiten unterschiedlich verstanden und gedeutet. Diesen Aspekt mussten die binationalen Teams der Schulbuchmacher berücksichtigen, und er spielt auch für Lehrende und Lernende, die mit dem Buch arbeiten, eine wichtige Rolle. Könnte er im Unterricht direkt Diskussionsgegenstand werden, so wäre ein echter Mehrwert gegenüber der Arbeit mit "nationalen" Geschichtsbüchern zu erkennen.
Unterschiedliche Lehr- und Lernkulturen
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Cover |
Wie alle aktuellen Schulgeschichtsbücher präsentiert sich das deutsch-französische Geschichtsbuch als Arbeitsbuch mit einem hohen Anteil an Schrift- und Bildquellen, Grafiken und Karten, denen gegenüber die Autorentexte, die den Schülerinnen und Schülern die Einordnung der Materialien in den historischen Zusammenhang erleichtern sollen, knapp ausfallen müssen.
Bezeichnenderweise wird das Buch gerade dort am interessantesten, wo es keine Gemeinsamkeiten in der historischen Perspektive zeigen kann, sondern auf unterschiedliche Erinnerungskulturen hinweisen muss, so etwa im Kapitel Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Hier können deutsche Lernende erfahren, warum sich Frankreich mit der Kollaboration des Vichy-Regimes lange Zeit schwer tat und lieber auf die Heldentaten der Résistance blickte; französische Schülerinnen und Schüler wiederum bekommen Gelegenheit, den langen Weg Deutschlands nachzuvollziehen: Vom Verdrängen und Verschweigen eigener Verbrechen über das öffentliche wie private Ringen um die Zuschreibung und Übernahme konkreter Verantwortung bis hin zur Möglichkeit, auch eigene Opfer zu beklagen.
Kritik am Inhalt
Einige Historiker – unter ihnen auch Alfred Grosser, einer der großen Wegbereiter der deutsch-französischen Versöhnung - haben das deutsch-französische Geschichtsbuch scharf kritisiert. Grossers Vorbehalte, die er auch anlässlich einer Präsentation im Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung am 5. Oktober 2006 in Braunschweig entwickelt hat, beziehen sich allerdings auf inhaltliche Details, nicht auf Konzepte. Und inhaltlich ist jedes Schulbuch angreifbar: Wegen des Zwanges zur didaktischen Reduktion, also zu einer sehr knappen Darstellung sehr komplexer Sachverhalte, und wegen der Forderung nach exemplarischem Lernen, also der Unmöglichkeit, die gesamte Realität im Schulbuch abzubilden, sind deren Autoren gegen Irrtümer und Verkürzungen nie gefeit.Alles in allem ist das Buch ein für Schülerinnen und Schüler formal und inhaltlich attraktiv gestaltetes Medium, mit dem man einen interessanten und neuartigen Unterricht zur französisch-deutschen Beziehungsgeschichte, zur europäischen Zeitgeschichte und zur Rolle Frankreichs und Deutschlands in Europa und in der Welt gestalten kann. Das ist nicht wenig und geschähe es in der Praxis, wäre schon sehr viel erreicht. Momentan wissen wir freilich noch sehr wenig darüber, in welchem Maße dieses außergewöhnliche Geschichtsbuch – wie es Etienne François formuliert - tatsächlich "einen Beitrag dazu leisten [kann], im Prozess der europäischen Einigung die Grundlagen für ein gemeinsames geschichtliches Bewusstsein bei jungen Deutschen und Franzosen zu legen". Dies wird erst die Zukunft zeigen.
ist Mitarbeiterin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
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April 2007














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