Deutschland / Frankreich
Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Geschichtsbewusstsein? – Das deutsch-französische Geschichtsbuch  
Beispielseiten 30/31; Copyright: Ernst Klett Verlag
Beispielseiten 30/31
Rechtzeitig zum Schuljahresbeginn 2006/2007 erschien die deutsche Version des gemeinsamen Geschichtsbuches für die gymnasiale Oberstufe in Deutschland und die Sekundarstufe II in Frankreich. Es wurde in nur drei Jahren fertig gestellt - normalerweise brauchen die Verlage für die Entwicklung und Produktion eines Buches deutlich mehr Zeit.

Die Herausgeber, aber auch zahlreiche Rezensenten heben hervor, dass mit diesem Buch Neuland betreten worden sei. Das ist zwar richtig, doch Vorarbeiten gab es durchaus. Dazu gehören zweifellos die in den 1950er Jahren von Georg Eckert, Professor für Geschichte und ihre Didaktik in Braunschweig und späterer Vorsitzender der deutschen UNESCO-Kommission, angeregten deutsch-französischen Schulbuchgespräche. Sie mündeten in Empfehlungen für eine "Entgiftung" der Geschichts- und Erdkundebücher der ehemaligen "Erbfeinde" und Kriegsgegner.

Symbolträchtiges Projekt

Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlands und Gilles de Robien, der französische Erziehungsminister, präsentierten am 10. Juli 2006 das deutsch-französische Geschichtsbuch in Saarbrücken. Copyright: Ernst Klett Verlag
Präsentation
In dieser Tradition steht das ebenso ehrgeizige wie symbolträchtige Projekt eines deutsch-französischen Geschichtsbuches. Den Anstoß gaben die 550 Oberstufenschülerinnen und -schüler des Deutsch-Französischen Jugendparlaments, das anlässlich der Feiern zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Elysée-Vertrages im Januar 2003 tagte. Die Idee der Jugendlichen wurde auf höchster politischer Ebene, von Staatspräsident Jacques Chirac und dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, aufgegriffen und unterstützt. Mit dem Rückenwind aus der Politik bildete sich im Juni eine deutsch-französische Projektgruppe, die die formellen und konzeptionellen Richtlinien erarbeitete und ein binationales Herausgeberteam für die Umsetzung gewann. So entwickelte sich eine dreifache Kooperation: Zwischen den deutschen und französischen Wissenschaftlern in der Projektgruppe, zwischen diesen und den Vertretern der jeweiligen Bildungsministerien beider Länder und schließlich zwischen der gesamten Projektgruppe und den Verlagen und Herausgebern. Im März 2005 kündigten der französische Verlag Editions Nathan und der deutsche Ernst Klett Verlag offiziell an, das Geschichtsbuch gemeinsam herauszugeben. Geplant sind neben dem jetzt vorliegenden Band Europa und die Welt seit 1945, zwei weitere Bände Von der griechischen Demokratie bis zur Revolution von 1789 für die 10. bzw. 11. Klasse in Deutschland und die Seconde in Frankreich und Von den Veränderungen des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg für die 11. bzw. 12. Klasse und die Première.

Das Geschichtsbuch ist also ein Politikum und nur als solches konnte es überhaupt Wirklichkeit werden. Vor diesem Hintergrund wird auch die große Aufmerksamkeit verständlich, die es in den Medien erfahren hat und immer noch erfährt; eine Aufmerksamkeit, von der andere Schulbücher nur träumen können. Dass das Werk die Hürden des deutschen föderalen Bildungssystems im Schnellverfahren nehmen konnte und von allen Bundesländern zugelassen wurde, ist ebenfalls einmalig.

Deutsch-französische Sicht auf die europäische Nachkriegsgeschichte

Beispielseiten 112/113; Copyright: Ernst Klett Verlag
Beispielseiten 112/113
Es ist bekannt, dass gerade Geschichtsschulbücher immer auch Identitätsangebote unterbreiten. Früher waren das meist nationale, nicht selten auch nationalistische. Was könnte im 21. Jahrhundert, also in Zeiten, in denen Europaeuphorie und Europaskepsis dicht beieinander liegen, vor diesem Hintergrund sinnvoller erscheinen, als mit einem Lehr- und Lernmittel zur Bildung eines europäischen Geschichtsbewusstseins beitragen zu wollen? Denn das Buch ist nach Aussagen seiner Herausgeber keine Darstellung der deutsch-französischen Beziehungsgeschichte, sondern eine deutsch-französische Sicht auf die europäische Nachkriegsgeschichte. Im Vorwort von Histoire/Geschichte - Europa und die Welt seit 1945 heißt es dazu: "Nie kamen junge Leute in Deutschland und Frankreich so eng in Berührung mit der Geschichte des anderen und dazu noch in einer europäischen und weltoffenen Perspektive..."

Einige Politiker und Lehrer denken deshalb auch schon weiter: Warum nicht ein europäisches Geschichtsbuch? Vor einigen Jahren gab es bereits ein Buch mit diesem Titel – kein eigentliches Schulbuch, aber doch ein Werk, das in den europäischen Schulen genutzt werden sollte. Kritiker bemängelten damals, dass sich in die verschiedenen Länderausgaben durch die Hintertür der Übersetzungen die jeweils nationale Sicht auf die Geschichte wieder eingeschlichen habe.

Dies ist beim deutsch-französischen Geschichtsbuch anders: Hier decken sich beide Versionen. Sie folgen demselben Konzept, enthalten die gleichen Dokumente, den gleichen Umbruch, die gleichen Karten, Fotos und Illustrationen bis hin zum gleichen Fachwortregister. Trotz dieser Deckungsgleichheit werden natürlich Begriffe wie Staat, Nation, Kultur, Religion auf beiden Seiten unterschiedlich verstanden und gedeutet. Diesen Aspekt mussten die binationalen Teams der Schulbuchmacher berücksichtigen, und er spielt auch für Lehrende und Lernende, die mit dem Buch arbeiten, eine wichtige Rolle. Könnte er im Unterricht direkt Diskussionsgegenstand werden, so wäre ein echter Mehrwert gegenüber der Arbeit mit "nationalen" Geschichtsbüchern zu erkennen.

Unterschiedliche Lehr- und Lernkulturen

Cover Deutsch-Französisches Geschichtsbuch; Copyright: Ernst Klett Verlag
Cover
Bei allen Gemeinsamkeiten sollten aber auch unterschiedliche Perspektiven beider Seiten auf die Geschichte und verschiedene, teils umstrittene Formen der Erinnerung deutlich werden. Eine weitere, nicht geringere Herausforderung war die Notwendigkeit, nicht nur die jeweiligen Lehrpläne, sondern auch die völlig unterschiedlichen Lehr- und Lernkulturen beider Länder zu berücksichtigen. Wo in Deutschland ein schüler- und problemorientierter Ansatz den Unterricht bestimmt, der auf exemplarisches Lernen setzt, bevorzugt man in Frankreich Unterrichtsformen, die den Lernenden Information und abprüfbares Wissen vermitteln sollen. Der französischen Fassung wurde deshalb eine CD-ROM beigefügt, die zusätzliches, für das Baccalauréat bedeutsames Material enthält.

Wie alle aktuellen Schulgeschichtsbücher präsentiert sich das deutsch-französische Geschichtsbuch als Arbeitsbuch mit einem hohen Anteil an Schrift- und Bildquellen, Grafiken und Karten, denen gegenüber die Autorentexte, die den Schülerinnen und Schülern die Einordnung der Materialien in den historischen Zusammenhang erleichtern sollen, knapp ausfallen müssen.

Bezeichnenderweise wird das Buch gerade dort am interessantesten, wo es keine Gemeinsamkeiten in der historischen Perspektive zeigen kann, sondern auf unterschiedliche Erinnerungskulturen hinweisen muss, so etwa im Kapitel Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Hier können deutsche Lernende erfahren, warum sich Frankreich mit der Kollaboration des Vichy-Regimes lange Zeit schwer tat und lieber auf die Heldentaten der Résistance blickte; französische Schülerinnen und Schüler wiederum bekommen Gelegenheit, den langen Weg Deutschlands nachzuvollziehen: Vom Verdrängen und Verschweigen eigener Verbrechen über das öffentliche wie private Ringen um die Zuschreibung und Übernahme konkreter Verantwortung bis hin zur Möglichkeit, auch eigene Opfer zu beklagen.

Kritik am Inhalt

Einige Historiker – unter ihnen auch Alfred Grosser, einer der großen Wegbereiter der deutsch-französischen Versöhnung - haben das deutsch-französische Geschichtsbuch scharf kritisiert. Grossers Vorbehalte, die er auch anlässlich einer Präsentation im Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung am 5. Oktober 2006 in Braunschweig entwickelt hat, beziehen sich allerdings auf inhaltliche Details, nicht auf Konzepte. Und inhaltlich ist jedes Schulbuch angreifbar: Wegen des Zwanges zur didaktischen Reduktion, also zu einer sehr knappen Darstellung sehr komplexer Sachverhalte, und wegen der Forderung nach exemplarischem Lernen, also der Unmöglichkeit, die gesamte Realität im Schulbuch abzubilden, sind deren Autoren gegen Irrtümer und Verkürzungen nie gefeit.

Alles in allem ist das Buch ein für Schülerinnen und Schüler formal und inhaltlich attraktiv gestaltetes Medium, mit dem man einen interessanten und neuartigen Unterricht zur französisch-deutschen Beziehungsgeschichte, zur europäischen Zeitgeschichte und zur Rolle Frankreichs und Deutschlands in Europa und in der Welt gestalten kann. Das ist nicht wenig und geschähe es in der Praxis, wäre schon sehr viel erreicht. Momentan wissen wir freilich noch sehr wenig darüber, in welchem Maße dieses außergewöhnliche Geschichtsbuch – wie es Etienne François formuliert - tatsächlich "einen Beitrag dazu leisten [kann], im Prozess der europäischen Einigung die Grundlagen für ein gemeinsames geschichtliches Bewusstsein bei jungen Deutschen und Franzosen zu legen". Dies wird erst die Zukunft zeigen.


Verena Radkau
ist Mitarbeiterin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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April 2007


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