Guatemala

Carol Zardetto

Carol Zardetto © privadoCarol Zardetto © privado "Mich interessieren und inspirieren die Nachrichten, das, was gerade geschieht", sagt Carol auf meine Frage, was sie zum Schreiben anrege. "Oft verwende ich für meine Geschichten den Puls des Alltags. Die Landschaft der Tropen, vor allem die sintflutartigen Regenfälle. Die ganz kleinen Gesten von Menschen, die mich zu einer Geschichte oder einer Figur anregen. Menschen, die schrecklichen Lebensbedingungen trotzen - Armut, Gewalt, Schutzlosigkeit", fügt sie hinzu.

Carol ist Rechtsanwältin und war bereits stellvertretende guatemaltekische Bildungsministerin und Generalkonsulin von Guatemala in Vancouver. Sie gehört einer Generation guatemaltekischer Schriftsteller an, die im Schatten des internen bewaffneten Konflikts im Land aufgewachsen sind.

Als Autoren, die sie inspirieren, nennt sie Virginia Woolf, Henry Miller, Ernesto Sábato und Marguerite Duras. Schriftsteller haben sie immer in Abenteuer geführt. Zum Beispiel Emilio Salgari. Seine Werke haben ihr Liebe und Sexualität erklärt, ihre Werte auf den Kopf gestellt, sie schockiert, erstaunt und ihr fürchterliche Wahrheiten vor Augen geführt. "Ich glaube, dass ich Büchern immer mehr vertraut habe als Menschen, selbst einflussreichen Menschen, die mir nahe stehen".

Carol schreibt Geschichten und literarische und politische Essays. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Theater und Theaterkritik sowie Drehbücher für verschiedene Dokumentarfilme. Ihr Kurzfilm La Flor del Café wurde 2010 beim Festival Ícaro de Cine nominiert. Ihr erster Roman, Con Pasión Absoluta, wurde 2004 mit dem zentralamerikanischen Romanpreis Mario Monteforte Toledo ausgezeichnet. Ihn zu schreiben, sei ihr ein inneres Bedürfnis gewesen. "Es gab so viele Dinge, die ich unbedingt verstehen musste. Es war ein sehr tiefgehender Prozess, bei dem ich meine Gefühle ausgelebt habe und der mir geholfen hat, meine eigene Stimme zu finden und einen Raum zu errichten, um der Erinnerung freien Lauf zu lassen. Seither überrascht es mich immer wieder, welche Möglichkeiten es bietet, eine Geschichte zu schreiben, für mich und für diejenigen, die sie lesen. Es ist eine Reise mit vielen Umkehrmöglichkeiten".

Ihr zweites Werk, das veröffentlicht wurde, war El discurso del Loco, cuentos del Tarot (2009). 2011 schrieb sie ein Libretto für die guatemaltekische Oper Tatuana. Ihre letzten Romane Nueva York, Benevolente und La Noche de las Ranas (2014) sind noch nicht veröffentlicht.

Eines der Hauptthemen in Carols Werk ist die Überschneidung von Biografie und Geschichte. Sie möchte einen Kontrast herstellen zwischen der Struktur historischer Texte und dem intimen Charakter biografischer Literatur. "Ich schreibe gerne polyphone Romane, in denen viele Themen und Figuren zu einem Stoff verwoben werden, den man erst am Ende der Erzählung bemerkt. Ich spiele mit dem Leser, denn ich sehe in der Literatur eine Interaktion mit diesem anderen, der das Buch liest und mit dem ich gerne vertraut werden möchte. Mich interessiert das Experimentieren mit verschiedenen Aspekten der Erzählstruktur. Dazu verwende ich mehrere Orte, durch die ich das dichte Netz von Verbindungen aufzeige, in die wir eingebunden sind. Und natürlich ist die Erzählzeit ein besonderer Kunstgriff."

Auβerdem nehmen Filme groβen Einfluss auf Carols Werk. Daher ist es voller Bilder, und sie bemüht sich um eine poetische Sprache. "Ich versuche, komplexe Figuren zu schaffen, Figuren mit Licht- und Schattenseiten, die ambivalent sind und die menschliche Inkonsequenz wiederspiegeln. Ich versuche, mit meinem literarischen Schaffen Antworten auf meine eigenen Fragestellungen und Unschlüssigkeiten zu finden. Daher siedeln sich meine Geschichten immer eher auf der Fragen- als auf der Antwortseite an".

Carol definiert sich als Schriftstellerin, die sich ihrer Zeit und dem Stück Geschichte, das sie miterlebt, verpflichtet fühlt. Ihrer Überzeugung nach verbinden uns Zentralamerikaner die Geschichte, die Sprache, die Tropen, die Unsichtbarkeit der Region, die Notwendigkeit, Verbindungen zur Auβenwelt aufbauen, die Armut und die Erdbebengefährdung unserer Länder, die noch im Aufbau begriffen sind. Aber ebenso verbindet uns die Zukunft, betont sie, denn wenn wir für die Welt etwas tun oder etwas bedeuten sollen, dann schaffen wir das entweder gemeinsam oder gar nicht.

Ein Portrait von Vanessa Núñez Handal.
Übersetzung: Anne Sieberer


Auszüge

Carol Zardetto: Nueva York, Benevolente I Carol Zardetto: Nueva York, Benevolente II

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