Honduras

Kalton Harold Bruhl

Melanie Taylor by Fernando BocanegraKalton Harold Bruhl © Mauricio Salazar Im Zeitraum von nur vier Jahren elf Preise in den Genres Erzählung, Novelle und Lyrik zu gewinnen, ist eine solch herausragende Leistung, dass sich der aus Honduras stammende Kalton Harold Bruhl mit 35 Jahren bereits einen festen Platz in der zentralamerikanischen Literaturszene erarbeitet hat.

Kalton experimentierte mit so unterschiedlichen Genres wie Erzählung, Novelle, Lyrik, Kurzgeschichte und Roman. Aufgrund seiner schöpferischen Vielfalt und Disziplin wurden seine Werke in diversen Anthologien in Spanien, Mexiko, Argentinien und den Vereinigten Staaten aufgenommen.

Kalton schreibt mit der Präzision eines Chirurgen im Operationssaal. Langsam führt er den Leser in die Geschichte ein, um sie dann wieder zu zerlegen und einige unerwartete Wendungen nehmen zu lassen. Seine narrative Stimme ist lakonisch und versprüht den Charme von Historienfilmen, in denen alte Zugabteile und handgeschriebenen Briefe vorkommen.

Für sein literarisches Schaffen bedient sich Kalton virtuos bei den großen Meistern der Kurzgeschichte, wobei stets seine persönliche Note erkennbar bleibt. Seine Erzählungen sind so leichtfüßig, als würde man der Kamera eines Independentfilms von einer Szene zur nächsten folgen.Seine Werke zu lesen ist, als würde man voller Vorfreude auf einen guten Film im Kino sitzen. Und während die Handlung noch an den Augen vorüberzieht, wünscht man sich gleich für eine zweite Vorstellung sitzenzubleiben.

Die für dieses Portal ausgewählten Werke 'La carta' (Der Brief) und 'La espera' (Warten) sind alle in einen historischen Rahmen eingebettet. Ohne genau zu wissen, ob es sich bei diesem Schriftsteller wirklich um einen Kinofan handelt, ist es für eine eingefleischte Anhängerin der siebten Kunst ein Leichtes, sich Kalton als Regisseur vorzustellen, der jede Szene einzeln arrangiert, an jedem Dialog und jeder Einstellung feilt und den Leser mit einem offenen Finale überrascht.

Kalton ist mehr als nur ein Erzähler. Er haucht seinen Figuren wahres Leben ein und lässt den Leser wirklich glauben, dass es sich bei dem Erzählten um authentische Erlebnisse handelt. Die Anekdoten und Gefühle seiner Figuren atmen zudem eine gewisse Nostalgie und ein Mysterium, das den Leser nicht mehr loslässt.

Harold Bruhls Werke 'La mente dividida' (Der geteilte Verstand) und 'El último vagón' (Der letzte Waggon) wurden vom spanischen Verlag Irreverentes (Die Ungehorsamen) publiziert. Ein gewisser Ungehorsam beim Schreiben ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einer konfliktiven oder gar trotzigen Haltung. Im Fall von Kalton fußt der Ungehorsam auf einer Virtuosität sowie einer Bescheidenheit, die überrascht, wenn man persönlich mit diesem Autoren zu tun hat. Mögen seine Worte unsere regionalen Grenzen überschreiten und ihm in naher Zukunft weitere Preise bescheren. Wünschen wir ihm und uns noch weitere Stockwerke in seinem narrativen Gebäude und eine niemals versiegende Quelle gut erzählter Geschichten mit unvergesslichen Figuren, wie wir sie aus dem Kino kennen.

Ein Portrait von Madeline Mendieta.
Übersetzung: Daniel Pauli


Auszüge

Kalton Harold Bruhl: La carta Kalton Harold Bruhl: La espera

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