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Luis Chaves: Soda El Parque

SODA EL PARQUE | DAS PARKSODA

Luis Chaves: Soda El Parque 1. Immer wieder gibt es eine Durststrecke der Stille. Wie eine synchronisierte Pause der wahnsinnigen Aufschreie der Papageien im Park, des Hupens der Taxifahrer, der Schreie der ambulanten Verkäufer. Wenn jemand also aufpasst, das Gehör spitzt, so hört er sie. Das, was jetzt tönt, ist Sabana Cementerio, der auf die grüne Ampel der Hauptstrasse Nummer zwei reagiert. Das Andere ist der von San Rafael Arriba, dort, wo sie sich vor der Haltestelle an der Ecke von der Allee 6 und der Strasse 2 verengt.

2. Wir sind im Parksoda, Strasse Nummer 50 im Süden an der südöstlichen Ecke des Zentralparks. Wir sind auf der Straße 2, zwischen den Alleen 4 und 6. Hier ist nicht nur das empfindliche Zentrum von San José, hier ist auch sein Herz. In weit entfernter Zukunft, mit allem was sie in dieser bestimmten Stelle des Planeten ausgraben, werden sie das Skelett eines ausgestorbenen Tieres zusammensetzen, das sich Mittelklasse nennt.

3. Neben den Straßen Chelles und La Chavelona formt das Parksoda die heilige Dreifaltigkeit der klassischen Überreste der Hauptstadt. Niedergerissen vom Dominoeffekt der schlechten Regierungen, sozialer Mobilität Richtung abwärts und dem Exodus der Bewohner des Zentrums von San José. Seither sind auch andere Mitglieder des Clubs verschwunden, der seine goldene Zeit in den 70er Jahren hatte (La Perla, El Imán, La Soda Palace).

4. Francisco Don Pancho Flores hat ihn im Jahr 1962 eröffnet, in einem kleinen Lokal, gegenüber des heutigen Standortes, den sie im Jahr 1986 bezogen haben. An diesem Häuserblock befand sich eine Tankstelle und die Moderne Garage, der Vorläufer der Taxis („Ruf mir ein Taxi aus der Modernen Garage“, sagte man damals).
An der Ecke befand sich der oberste Gerichtshof zuständig für die Wahlen. Damals war in der Speisekarte zu lesen „Kaffee ¢0,35 / Hühnerwurst ¢0,75 / Fruchtsalat ¢1,25“.

5. Gegenüber befindet sich der Schönheitssalon Yunis, La Bobina (Nähmaschinen und Zubehör), das Tortengeschäft Genovesa, und etwas weiter weg, der Nachtclub Flamingo (alte Bar Jeanette). Nahe der Ecke gibt es Fleischhauereien mit Wandtafeln, auf denen geschrieben steht: HÜHNERKEULEN, ½ HUHN. Über dem Kopfsteinpflaster der Allee (oder paseo, wie wir richtig auf Spanisch sagen sollten) bieten die ambulanten Verkäufer, diese ausgenutzten Söhne der Marktlogik, alles an, von Koriander bishin zu Bauchbinden, CDs oder DVDs.

6. Mit dem Echo des Mythos, sagte man immer von unserer Hauptstadt, dass sie die Erste der Welt mit Stromversorgung gewesen sei. Eine Sache ist wahr: San José ist diejenige Stadt, in der am frühesten die Lichter abgedreht werden. Aber seit 1973 gibt es das Parksoda, das 24 Stunden offen hat oder, was das selbe ist, niemals geschlossen wird.

7. Das Parksoda hat einen vitalen und organischen Rhythmus. Er ändert sich mit dem Voranschreiten der Stunden in einer natürlichen Art und Weise. Untertags ist es ein Restaurant, das Pancho selbst als „eines mit familiärem Ambiente“ bezeichnet. In der Nacht wird von denjenigen vorgeglüht, die später in einem anderen Lokal enden werden. In den frühen Morgenstunden ist es wie eine große Schaufel, die aufladet, was von der josephinischen Nacht übergeblieben ist. Sie kommen zusammen, um „die Hühnerwurst vor dem Schlafengehen“ zu sich zu nehmen. Es sind diejenigen, die, sei es unter Protest oder mit hängendem Kopf, die Nacht als beendet betrachten.

8. Im Jahr 1978 wurde das erste sportliche Ereignis von einem seiner Tische übertragen. Heute ist es das am meisten gehörteste Radioprogramm in seinem Bereich. Es tanzten dort alle Persönlichkeiten des kriolischen Sportjournalismus, seine Freunde und die Freunde seiner Freunde auf. Dieses Jahr wurde eine Erinnerungstafel aufgrund des 30 jährigen Bestehens der Radiosendung aufgehängt. Ganz knapp neben dem Spiegel, der die südliche und östliche Wand des Lokals säumt. Ganz nahe an den Buchstaben die in neofarbenem Himmelsblau einen Schriftzug bilden: FISCHRAGOUT, SCHWEINESCHWARTEN UND FISCH

9. Zum Parksoda kommen Leute, um das legendäre Bleistiftsandwich Spezial zu kosten oder das Elixier, das da die schwarze Suppe ist (man benötigt 40 Packungen Bohnen wöchentlich um die Nachfrage zu stillen).

10. Mit 46 Jahren laufendem Betrieb und mit der goldenen Periode in der Boheme und dem hauptstädtischen Puls der 70er und 80er, kamen die Mitglieder von La Billo´s, Caracas Boys (von diesem Konzert sagt man, dass es das erste improvisierte Konzert in Costa Rica war), El Gran Combo, La Sonora Satanera, Gloria Trevi, Luisito Rey, Ray Tico. Ebenso Politiker, als man ihnen noch glaubte, wie zum Beispiel Carazo, Monge, Figueres, Calderón und Rodríguez.

11. Das Lokal ist geräumig: Weiß bedeckte Tische mit schützenden Glasscheiben darauf, um die Tische herum stehen Stühle, die so aussehen als kämen sie aus einer öffentlichen Institution der 70er Jahre. Neben den Fenstern stehen ein paar Tische aus Beton und Keramik. Am Herrenklo ist das Gerät zum Händetrocknen in ca. zwei Meter Höhe in die Wand eingelassen. Sie ist wie eine Luftdusche.

12. Die Frontseite besteht nicht aus einer Wand, sondern aus einer großen Glasfläche, die auf die Allee führt. Im Parksoda sitzend, kann man einen Teil der Arbeiter, Studenten, Arbeitslosen, Fans des Fußballclubs Saprissa und der Liga Deportiva, Gläubige, Betrogene, Ausgeglichene und Schüchterne und Spröde, die in Punkte verwandelt in einer schraubenförmigen Struktur die Landkarte des Genoms von Costa Rica formen. Zu den Stoßzeiten ist das Parksoda voll, die Straße voll mit Ameisengewühl. Wenn jemand genau hinsieht, merkt er, dass die Spiegel im Inneren Fenster sind. Und die Glasfront ein Spiegel.

Übersetzung: Christoph Schabasser

"300 páginas. Prosas" ist erschienen bei Ediciones Lanzallamas, San José, 2010.

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    Mit einer zarten, fast schüchternen Stimme, ohne Phrasierung und ohne Kunstgriffe rezitiert er seine Verse. Die Literatur von Luis Chaves verzichtet nicht nur auf hochtönende Worte, sondern auch auf die Zurschaustellung von präpotenten philosophischen Ideen oder literarischen Konzepten. Mehr...

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