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Juan Dicent: He liked plums

He liked plums

Der Mann und die Frau lagen in dem Bett eines Hotels an einem dominikanischen Strand. Vielleicht hatte der Strand einen Taíno-Namen, vielleicht auch nicht. Sie genossen das Meer bis um sechs. Aßen Seafood. Rauchten Pott. Machten Liebe; ja, Liebe, dieser Marathon der Wollust war nicht nur einfach Ficken. Sie spien einander gegenseitig aus. Der Mann zündete zwei Zigaretten an; er gab der Frau eine davon und zog an der anderen. Ohne den Rauch hinauszublasen, sah er an die Decke und redete Stuss:

This is just to say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold.

Mami, William Carlos Williams hat das Gedicht geschrieben, und er war nicht nur ein ausgezeichneter Dichter, sondern auch ein praktizierender Arzt. Das heißt, dieser Dreckssack hat den Tag über alte Jüdinnen mit Rheuma behandelt, Versicherungsverkäufer mit Blindarmentzündung, entzückende starrköpfige Mädchen mit Hirnhautentzündung; er linderte den Schmerz, heilte Krankheiten und ging dann nach Hause und schrieb ein verdammt gutes Gedicht wie das. Du weißt, dass er mich fasziniert. Er war aus New Jersey. Verstehst du, warum man trotz Bon Jovi auf den „Gartenstaat“ nicht so viel schimpfen sollte?
Jemand hat zu mir gesagt, Allen Ginsberg sei sein Schützling gewesen. Zusammen mit Hemingway habe er zugunsten von Ezra Pound in dem schändlichen Prozess der amerikanischen Intoleranz ausgesagt.
Mir gefallen seine Gedichte sehr, denn er spricht darin mit Bildern von Gefühlen, nicht mit langweiligen inneren Dialogen. Ich erinnere mich, dass Teddy, einer der vielen genialen Sprösslinge von Salinger, über dasselbe sprach. Er führte an, dass Matsuo Bashō schon um Sechzehnhundert nicht „Ich bin allein“ schrieb, sondern „Along this road goes no one, this autumn eve.“ Einsamkeit everywhere.

Was anderes: William Carlos Williams liebte Pflaumen. Erinnere dich an „They taste good to her, they taste good to her, they taste good to her“, das anfängt mit „To an old woman munching a plum in the middle of the street.“
Aus dem Gedicht „This is just to say“ kann man entnehmen, dass der Drecksack in einem fremden Haus aufgewacht ist.
Offensichtlich handelt es sich um Stand Up Comedy, ich meine, einen One Night Stand. Die Frau nahm ihn in der vergangenen Nacht mit zu sich ins Bett, vielleicht waren sie betrunken, und er wachte in Brooklyn auf, vielleicht in Park Slope, und, um sie nicht zu wecken, zog er sich leise an und machte den Kühlschrank auf und aß die Pflaumen, die wahrscheinlich ihr Frühstück waren. Und offensichtlich denkt er nicht daran, sie zu rufen. Dieses „so sweet and so cold“ beschreibt sie. Es klingt nach Überdruss, nach Frigidität.
Ich liebe dich so sehr, sagte die Frau zu dem Mann, als er endlich eine Pause machte und sah ihn an, wie ihn niemals jemand ansehen würde. So schön war sie, opening up her skull. I'll be there.

Übersetzung: Timo Berger
Die Erzählung "He liked plums" stammt aus dem Band "Winterness", erschienen bei De a Poco ediciones, Dominikanische Republik 2012.

    Zum Autor

    Straßenszenen, Telefongespräche und Anekdoten aus dem Alltag von Dominikanern in den USA tauchen in seinen Erzählungen und Gedichten immer wieder auf. Juan Dicent, geboren 1969 in Bonao, einer Stadt im Zentrum der Dominikanischen Republik, lebt in New York. Er hat einen Master of Business Administration absolviert und arbeitet heute als Angestellter in einer Bank. Mehr...

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