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Carol Zardetto: New York Benevolente I

NUEVA YORK, BENEVOLENTE | NACHSICHTIGES NEW YORK

Kapitel LXIV (Teil I)

Plötzlich hatte ich in New York nichts mehr zu tun. Das Warten auf meine Rückkehr nach Guatemala verwandelte sich in eine langsame, nutzlose Zeit. Um mich abzulenken und meine Nervosität irgendwie abzureagieren besorgte ich mir am Samstag eine Eintrittskarte für ein Konzert des Quartetts „Kronos“, das in einem modernen Theater in Brooklyn stattfinden sollte: eine Reihe Kammermusikstücke, die Geräusche begleiteten, die aus der Stratosphäre kamen. Ja, tatsächlich – ein Satellit hatte diese „Klangströmungen des Weltraums“ mit einer Sonde aufgenommen, und das Quartett sollte diese mit seiner eigenen Musik begleiten.

Das Theater war beeindruckend. Sehr klare Linien einer kühnen Architektur. Zeitgenössische Moderne. Genau die richtige Umgebung für das, was wir jetzt hören würden.
Die Weltraumklänge waren unglaublich und ich hatte das Gefühl, im riesigen Bauch des Universums zu sein und die Geräusche der Eingeweide einer Mutter gigantischer Ausmaße zu hören. Manchmal schienen sie wie Schwärme kreischender Vögel, dann wieder wie Blasen, die in einer Flüssigkeit aufsteigen. Grunzen, Stöhnen, schrille Töne. Es geschahen Dinge dort. Das war ein seltsames Gefühl, denn ich hatte mir den Weltraum nie wie einen lauten Ort gedacht. Die Bilder, die man für gewöhnlich suggeriert bekam, hatten mich ihn mir in absoluter Stille vorstellen lassen. Ein unbewohnter Ort. Der lärmende Leib des Universums und die Musik von „Kronos“ weckten mein Erstaunen. Ich fühlte mich wie ein ungebildeter Kerl, der einen Blick in die Runde wirft und ein kleines Stückchen seiner eigenen Unwissenheit erkennt.

Als das Konzert zu Ende war, fühlte ich mich ruhig. Hatte Lust, etwas Gutes zu essen und schlafen zu gehen. Ich aß in einem griechischen Restaurant zu Abend und nahm dann die Metro, um möglichst bald schlafen zu gehen. (...)

Übersetzung: Lutz Kliche
Der Roman "Nueva York, Benevolente" wurde noch nicht vollständig veröffentlicht.

    Zur Autorin

    "Mich interessieren und inspirieren die Nachrichten, das, was gerade geschieht", sagt Carol Zardetto auf meine Frage, was sie zum Schreiben anrege. "Oft verwende ich für meine Geschichten den Puls des Alltags. Die Landschaft der Tropen, vor allem die sintflutartigen Regenfälle. Die kleinen Gesten von Menschen, die mich zu einer Geschichte oder einer Figur anregen. Menschen, die schrecklichen Lebensbedingungen trotzen". Mehr...

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