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Javier Alvarado: Matachín

VIAJE SOLAR EN TREN HACIA LA NOCHE DE MATACHÍN

Javier Alvarado: Matachín Matachín

Immer war ich auf der Durchreise und sah das Leben
in einem Zug fahren, der mir entgegenkam.

Eugenio Montejo

Ich erwache jetzt, da nichts im Ort mehr darauf hindeutet
Da keine Reste mehr von Händen da sind
Die die Türkanten streicheln
Eine einsame, verbannte Kerze (wenn wir sie denn entziffern können)
Irgendein Schatten, der von einem Baum herabhängt (wenn denn die Zeit
Ihn hat eine Girlande binden lassen, einen verschlammten Zopf).

Ich schreibe mit dem Zittern meiner Wörter
Während die Regenzeit
Sich einen Kranz flicht aus sich selbst;
Während die Vögel schlummern
In einer andren Stille, einem andern Wald, anderem Dschungel
Wenn wir alle aus dieser Dunkelheit entfliehen
Die jetzt kommt, die schon fort ist und mit heisrer Stimme unsere Rituale fordert
Wie eine Blutflamme, die die Parzellen brütet
Wenn wir einen Stein am andern reiben
Und das Trugbild unseres Überdrusses suchen.

Dies ist die Zeit, in der alle gegangen sind,
In der wir in längst vergangne Zeitalter aufbrechen
Mit neuen Schuhen und Augen, die sich zum Mysterium wenden
Mit einem Drachen, der goldgelbe Schuppen trägt
Mit unseren entwurzelten Familien
Mit dem letzten Versuch des Hahns, die Erde zu ergreifen
Sie von seinem Kamm zu fortzubewegen und in sein Gefieder zu wickeln:
Wenn ich mir nicht mehr zuhöre, wenn man mich nicht mehr hört
Wenn ich vergeblich Schienen und Schwellen zu legen versuche
Und ein zerbrochner Krug die Abrechnung des Regens und die Urteile des Tages überlebt
Als man uns von Kanton aus einschiffte um den Erdkreis zu erhellen
Um eine Pagode in der Landschaft auszumachen.

Wir ließen unsere Stadt hinter uns,
Den lyrischen Duft, der unsere Zeit durchzieht,
ein paar Schwimmzüge hin zum offnen Lotos im Teich
zu unsren Träumen hin, etwas von unseren ungelebten, unfertigen Leben
Etwas von unseren Göttern
Die in diesem Teil von Panama noch atmen
Während die Sonne mich verzehrt
Um meine Pupillen mit den spitzen Farben der Tropen zu füllen;
Als ein Zug in der Brust verstummte
Und man munkelte
Dass wir so traurig wurden, weil wir kein Opium hatten, dass das Opium unsere Knochen nicht bewohnte
Wie die dunklen Stimmen, die sich stritten, weil sie Kraniche des heiligen Bergs waren.

Doch dennoch trugen wir kostbare Seidenstoffe
Und liebten unsere Kinder und unsere Frauen
Verdichteten die Spur, die von so weit her kommt
Die sich in Luft auflöst, zurückkehrt, mit dir stirbt;
Es war wie das Erinnern an die Aussaat
Die tief durchtränkte Erinnerung an unsern Vater
Wie er um die Reisähren kämpfte
Und den Monsun, der ausbricht – wie ein später Windhauch -
Während sich uns das Herz zusammenkrümmt
Mit diesem Lärm von Zügen, die vorbeifahren
Und jedes einzelne unserer Leben ist eine Schwelle
und jeder einzelne unserer Tode ist eine wahnsinnig gewordne Schiene zwischen den Steinen.

Manche binden sich Steine um den Hals
Und schreiben so den blutigen Strom der Flüsse,
Andere beginnen, Holzspeere zu schnitzen und senken dann
Diese Unschuld der Bäume in ihre Hälse,
Manche bezahlen dafür, dass man sie köpft
Oder setzen sich geknebelt an den mitleidigen Strand des Meers
Damit das Meer sie aufnimmt mit seinen Tentakelfüßen
Und seinen Schaumtränen
Oder sie nehmen ihre Zöpfe
Und binden sich an die Baumzweige und fallen platzend auf die Erde wie die Früchte
Und hängen mit ihren weiten Hosen im Wind
als warteten sie auf das Echo
Auf die Flut, die ihre gemächlichen Schritte aufbewahrt
Ihre Heilkräutertees, die das Gewitter anspült.

Ich kann das Weinen dieser Menschen nicht erinnern
Und die Verzweiflung, die ihnen aus den Augen dringt.
Der Isthmus hängt an einem chinesischen Haarschopf
Wenn keine Reste von Händen mehr da sind,
Die die Türkanten streicheln;
Während ich Seite für Seite die Geschichten Matachins vorbeiziehn lasse;
Jetzt, wo ich im Zug fortfahre
und keine Zeichen
des Erhängens
mehr im Ort sind.

Aus dem Werk "Viaje solar de un tren hacia la noche de Matachín", Premio Internacional de Poesía Nicolás Guillén 2012.

Übersetzung: Lutz Kliche

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