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Carlos Fonseca: Coronel Lágrimas

TRÄNENOBERST | CORONEL LÁGRIMAS

Carlos Fonseca: Coronel Lágrimas Eines Tages klopft seine Mutter an die Tür, als sei sie nie fort gewesen, begrüßt ihn überschwänglich und setzt sich aufs Sofa, um sich von ihrer Kriegsschlaflosigkeit zu erholen. Ihr Sohn, zu dieser Zeit schon ein kleiner Oberst in seiner Ausbildung, ein Mathematiker, dessen Genius auf seinem Leistungshöhepunkt war, umgeben von Marionetten unterschiedlicher Gesichter, sieht verwirrt diese Frau mit krausem Haar und durchdringendem Blick an, die jetzt beginnt, in einer Sprache zu reden, die sie einst zu vergessen geschworen hatte, in dieser Kindermädchensprache (lengua de nanas), die ihn unversehens auf die verminten Felder einer baskischen Landschaft zurückbringt. Chana Abramov entkommt ihrer Kriegsschlaflosigkeit mit einer Art (afasia), die sie in ihre Kindheit zurücktransportiert. Eines Tages erwacht sie und spricht nur noch Russisch. Er, der immer geglaubt hatte, kein Erbe zu haben, findet sich plötzlich mit dieser Mutter im Wohnzimmer wieder, die eine Sprache spricht, die er aus voller Überzeugung vergessen hat (a fuerza de convicción), einer Mutter, die bereit ist, wieder an diesem Jahrhundert teilzunehmen, dessen wichtigstes Vorkommnis, ein Krieg, in dem die Ihren die hauptsächlichen Verfolgten waren, sie gar nicht erlebt hat, war sie zu der Zeit doch in einem spanischen Sanatorium eingesperrt. Er sieht sie ein ums andre Mal an, bis das Gesicht ihm entsetzlich bekannt erscheint, die Silhouette einer Kindheitserinnerung, und beschränkt sich darauf, auf eine schwarze Tafel die erste Krakelei zu kritzeln, die er im Verlauf der Jahre unbewusst modifizieren wird, bis er diese Art Stacheldraht erreichen wird, deren Gleichung er verfolgt. So krakelt er, setzt sich wieder und fährt mit seinen mathematischen Arbeiten fort. Eines Tages kommt er nach Hause und findet dort, an diesem Ort, der schon etwas von einem symbolischen Laboratorium hat, so überfüllt ist er von schwarzen Tafeln voll der unterschiedlichsten und unverständlichsten Gleichungen, seine Mutter beim Fernsehen. Man stelle sich die Überraschung, den Schrecken dieses Oberst ohne Krieg vor, als er plötzlich seine Mutter, die er verloren glaubte, mitten seinem Wohnzimmer vor diesem seltsamen Apparat entdeckt, wie sie eine Sendung über jenen Mai 68 in Frankreich sieht, von dem er nie etwas hatte wissen wollen. Das Bild überfällt ihn mit der Gewalt, die er später den Ansichtskarten zuschreiben würde: seine Mutter umgeben von schwarzen Tafeln, wie sie sich eine Sendung über den Mai 68 anschaut, mit Bildern von Franzosen, Studenten und Arbeitern, die lauthals auf den Straßen demonstrieren, die Wände mit Parolen bemalt, die ihm bis dahin dümmlich oder naiv vorgekommen waren, während die Polizei versucht, die Menge auseinanderzutreiben. Seine Mutter, die nicht einmal Französisch sprach, sah sich mit ihrem jugendlichen Blick einer ehemaligen Schauspielerin diese Flut der Bilder an, die sich wie ein rauschender visueller Wasserfall über den Bildschirm ergoss. Jetzt waren es nicht mehr die Straßen Frankreichs, sondern die Spruchbänder von Streiks in Amerika, die Polizei, die in Kalifornien eine Gruppe von wie Hippies gekleidete Studenten festnimmt. Und dann weiter, weg vom Mai 68 in Frankreich zu einem Oktober in Mexiko voller olympischer Hoffnungen, in dem sich die Polizei auf eine Gruppe Demonstranten stürzt, das Massaker von Tlatelolco flimmert über den Bildschirm. Und jetzt waren die Tafeln nicht mehr voll von Symbolen, sondern von diesem historischen Wahnsinn, der sich weigerte, in eine einfache Gleichung übersetzt zu werden. Da muss es gewesen sein, als er das Antlitz seiner Mutter sah, das plötzlich wieder die jugendliche Aura ihrer Schauspielerjahre annahm, dass der Oberst beschloss, seinen Krieg zu wählen. Und vielleicht war es da, als die Bilder der mexikanischen Gewalt in sein friedliches Heim eindrangen, dass er sich in ein Projekt stürzte, dass ihn nach zwei Monaten nach Vietnam bringen sollte und zusammen mit einer Gruppe von Hippieaktivisten auf ein Foto, dass sich hinter den (vericuetos) einer anderen Guerrillaleidenschaft zu verstecken scheint.

Inzwischen gab es weder Gleichung noch Schuld. Nur seine Mutter, die genau da zurückgekehrt war, als alles in Ordnung zu geraten schien, seine Mutter, die mit dem Entschluss zurückkam, an die verlorenen Jahren anzuknüpfen, indem sie denselben Vulkan malte. So viele Jahre, in denen er sich durch aufeinander folgende symbolische Schichten vor der Wirklichkeit geschützt hatte, nur damit diese Realität ihm mit der Macht einer ganz einfachen Geste um die Ohren flog: der Handbewegung, mit der seine Mutter jeden Tag den Fernsehapparat einschaltete und ihn mit einem Schlag mit Nachrichten von überall her umgab, die seine Einsamkeit der Zahlen einzukreisen schien, bis er unweigerlich abgelenkt wurde, alles Kriegsnachrichten, die sich jedoch auf einer Landkarte verloren, die er sich nie vorgestellt hatte, bis er sie auf diesem Fernsehgerät sah, der ihn in das Nomadentum seiner längst begrabenen Kindheit zurückwarf. Der Oberst wurde sich seiner Reise nie bewusst, bis er sich im Netz eines unsichtbaren Krieges wiederfand, der der seine zu sein schien, es aber gar nicht war.

Übersetzung: Lutz Kliche

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    Carlos Fonseca ist daran interessiert, die unterschiedlichen Formen zu ergründen, in denen sich Lateinamerika als geopolitische und literarische Figur entwickelt, nicht nur im Rahmen der literarischen Produktion der Region, sondern auch mi Bezug auf einen Blick von außen. “In meiner Prosa versuche ich die Formen zu erforschen, in denen ein bestimmter Lateinamerikanismus durch eine Sichtweise von außen möglich wird”. Mehr...

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    Melanie Taylor erzählt, dass sie schon als kleines Mädchen spontan zu schreiben begann. Sie schrieb Geschichten, Briefe an Empfänger ihrer Phantasie, Gedichte, Tagebücher. Die Entscheidung, sich ernsthaft dem Schreiben zu widmen, entstand jedoch in zwei Etappen. Mehr...

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