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Magdiel Midence: Alicia es un trastorno (A Juan Ramón Molina)

Für Juan Ramón Molina | A Juan Ramón Molina (Dedicatoria)

Schon seit langem sehen wir uns nicht noch reden miteinander
von Comayagüela und seiner Mittagssonne
den Sonntagen
und deinen Händen, Juan
deinen Händen, geschaffen mit der gleichen Kraft,
mit der die Stadt am Morgen aufsteht
und sich ein neues Antlitz ausdenkt
für diesen alten Mistelzweig

Niemand sieht uns, Juan
niemand
Warum singen wir dann nicht
ein fröhliches Lied
wie zwei wunderbare Kinder
an ihrem Firmament ohne Traurigkeit.

Alicia und ich sind zu dir nach Haus gegangen
um dir vom süßen Fleisch zu singen
mit einer Laute, und wir heulten
„Für jemand, der zu früh gestorben ist“
dann sahen wir mit Sonnenaugen
wie dein Schweif am Firmament verblasste

In einem Buch von Rubén fanden wir deinen Namen
süß wie Frühlingswasser
wir glaubten, ihn entdeckt zu haben
doch mit einem schnellen Lidschlag
war es schon ein anderes Jahrhundert
und es schüttelte uns die Zärtlichkeit voll Freude

und wie weh tun mir die Anzeigen der Zeitung
dein Name …
Hamlet ist unruhig
und Annabel Lee sucht dich mit einem Schluchzen

deine Tinte öffnet sich wie die Flügel eines Raben
der einem Barden laut sein Unglück klagt

Wir haben ja kein Goldenes Jahrhundert, Juan
schütze uns vor der Nachwelt
gib uns die Totalität
oder zerstöre uns ...

Übersetzung: Lutz Kliche

Juan Ramón Molina (1875-1908), geboren in Comayagüela, Honduras, war der erste honduranische Dichter, der Mittelamerika verließ, um die kulturellen Strömungen anderer Länder Lateinamerikas und Europas kennenzulernen und in sein Werk aufzunehmen. Er ist einer der großen Vertreter des Modernismus in Zentralamerika (Freundschaft mit Rubén Darío), durch sein Werk von großer literarischer Qualität ist er einer der bedeutendsten honduranischen Schriftsteller.

    Zum Autor

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