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Rey Andújar: Hospital Central

ZENTRALKRANKENHAUS | HOSPITAL CENTRAL

Rey Andújar: Hospital Central „Das sind doch meine Augen. Weshalb tun sie mir so weh?”, fragte der Alte.
„Du hast sie einfach nie benutzt“, antwortete der Teufel.

Als sie ankamen, war die Hitze draußen unerträglich, wie dickflüssig, überwältigend, unaufhörlich, riesig. Drinnen drang der Gestank den Fünf bis in die Eingeweide, in die Seele. Vorsichtig, kaum wahrnehmbar schritten sie vorwärts: eine Militärparade in einer Geisterstadt. Fünf Unbekannte. Sie waren tatsächlich fünf, unbekannt für alle, sogar für Ihn. Für Ihn waren sie nichts weiter als ein Haufen Haare, Fingernägel, Haut, Blut, Scheinheiligkeit, Muskeln. Eine gewisse Spur von unechter Zuneigung oder vermeintlichem Mitleid. Aber Ihm machte das nichts aus, sie waren Schatten, in denen er ruhte, wo er sich an alte Zeiten erinnerte, als er in Escondido Pedernales war, mit seinen Schwestern spielte und Verantwortlichkeiten hatte und wichtige Pläne entwarf, die jetzt leider zu nichts mehr nütze sind. Er wird sterben. Mit dem Testament an den Rockaufschlag des Ältesten geheftet legen die fünf jetzt einen schnelleren Schritt vor und diskutieren, murmeln, mutmaßen dabei. Sie folgen der Spur des Bluts, unbekannten, unberührbaren Bluts, um an den Ort zu gelangen, der ihnen seit langem vorbehalten ist, seit dem Tag, da sie darauf beharrten, auf ihn zu spucken, ihn zu verfluchen, zu beschimpfen, anzuklagen. Sie gelangen zu ihm, beschnüffeln ihn, betasten ihn, belügen ihn, bis schließlich einer von ihnen, vielleicht der Entschlossenste, es wagt, laut zu denken: „Mein Gott, ist das entsetzlich!“, während sie ihn beobachten, wie er sich da mit einer Hand an seinem feinen, unermüdlichen Stock festhält, seinem treuen Stock, seinem Stock wie eine Frau, vielleicht das einzige Reine, was er von einem vergessenen Jahr in Samaná mitgenommen hat. Die andere Hand, vom Salz, von der Sonne der Esplanade, von der Zeit versengte Hand krampft sich fest und heftig in das zerrissene Laken, um voller Wut, voll Schmerz und auch ein wenig Stolz eine große, ordentlich zugefügte Wunde zu zeigen, eine Wunde, die Er seit langem erwartete, das einzige, was ihn während all dieser Jahre immer gequält hat, war, dass er nie genau den Ort, die Stunde, den Moment erfuhr.

Wegen der hat er fast den Löffel abgegeben, stimmt's? (fragen sie im Chor). Der Älteste antwortet Ja, aber keine Sorge, das dauert jetzt kein Jahr mehr.

Übersetzung: Lutz Kliche

    Zum Autor

    Der Autor Rey Andújar erzählt, er erhalte seine Inspiration aus dem Bewusstsein heraus, dass sich durch die Sprache Dinge schaffen lassen, die uns zu leben helfen, die die Phantasie der anderen zum Leben erwecken können. Die Metapher, dass sich etwas ändern kann, dass man sein eigenes Universum formen kann. Mehr...

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