Idee

PROJEKTIDEE UND ZIELE

Die Integration Zentralamerikas ist viel mehr als ein historischer Traum, der sich nicht erfüllt hat. In der globalisierten Welt wird sie immer mehr zu einer condicio sine qua non, einer Notwendigkeit für diese Weltregion. Wenn die kleinen, politisch und wirtschaftlich nicht sehr starken zentralamerikanischen Länder künftig in der globalisierten Welt stärker wahrgenommen werden wollen, dann müssen sie sich vereinigen und gemeinsam handeln. Bisher scheitert das nicht nur an der Politik, sondern an einer Vielzahl von Gründen. Auf der Ebene der Menschen und der Zivilgesellschaften mag die mangelnde Kenntnis voneinander, der zahlreichen Gemeinsamkeiten und des geschichtlichen Erbes wie auch der Unterschiede und der großen kulturellen Vielfalt die Hauptrolle spielen.

Der große Schriftsteller und Intellektuelle Sergio Ramírez, der sich sehr für einen florierenden Austausch in Zentralamerika einsetzt, hat dieses Phänomen mit dem Begriff der „incomunicación“ bezeichnet: Schriftsteller erzählen relevante Geschichten, die sich in den vielfältigen, aber vergleichbaren Lebenswirklichkeiten Zentralamerikas abspielen, aber die Grenzen von kleinen Nationen und Märkten nicht überwinden können. Trotz aller Nähe, trotz gemeinsamer Identität, Geschichte und Sprache ist der vorherrschende Befund die regionale Nichtkommunikation. Vieles gelangt nicht in die Nachbarländer; es gibt kaum länderübergreifende Öffentlichkeiten, Wahrnehmungen, Foren.
Manchmal scheint es geradezu paradox entgegengesetzt: Je kleiner ein Land, umso mehr Abgrenzung gegenüber anderen. Das Nachbarland wird zur Projektionsfläche für die eigenen Vorurteile, Ängste und Ressentiments.

In diesem Kontext können die Künste eine genuine Funktion übernehmen und eine beträchtliche Wirkung erzielen. Mit den ihnen eigenen Gesetzen, Formen und Inhalten können sie zugleich Seismograph und Katalysator von Entwicklungen sein. Das ist der Punkt, an dem diese Webplattform ansetzt. Sie möchte dazu beitragen, dass mehr Autorinnen und Autoren aus Zentralamerika bekannt und gelesen werden, dies sowohl in den zentralamerikanischen Ländern als auch in Deutschland und Europa. Das Goethe-Institut, das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, sieht es als eine wichtige Aufgabe an, diesen Prozess zu fördern, und damit nicht zuletzt Zentralamerika wieder ein bisschen mehr ins Bewusstsein in den deutschsprachigen Ländern und darüber hinaus zu bringen. Dazu werden auf dieser Seite einführende journalistische Texte, Ausschnitte aus wichtigen Werken, Video- und Audiodateien aus Autorenlesungen oder Interviews sowie kurze Beiträge und Artikel zu gesellschaftlichen Themen präsentiert.
Neben der Vorstellung vor allem jüngerer Schriftstellerinnen und Schriftsteller setzt sich diese Plattform außerdem das Ziel, Debatten anzustoßen. Diese sollen sich kritisch und konstruktiv mit den Entwicklungen in den Gesellschaften, Kulturen und Künsten in Zentralamerika auseinandersetzen. Es geht also auch um die Schaffung eines offenen und interaktiven Raumes für den Austausch und die Archivierung von Gedanken, Meinungen und Erfahrungen über Literatur, aber auch über aktuelle Themen und Probleme in Zentralamerika.

Die unzähligen literarischen Akteure - Autoren, Verleger, Buchhändler, Kritiker, Agenten – stellen ein großes Potenzial für gesellschaftliche Partizipation und Veränderung dar. Wir wünschen uns, dass von diesem Portal positive Impulse auf die öffentliche Wahrnehmung von Lesen und Literatur in Zentralamerika ausgehen. Nicht zuletzt soll diese Webplattform im Verein mit anderen Projekten der zentralamerikanisch-deutschen Kooperation im Literaturbereich zur Verbesserung der Situation der Literatur, des Buches und des Lesens beitragen.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen!
Helmut Schippert
Leiter der Zusammenarbeit mit Mittelamerika und der Karibik
Goethe-Institut Mexiko

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