Szene

Berlin: Der diskrete Charme der Satellitenschüsseln

Foto: Krzysztof Visconti„Bei einem Spaziergang durch Berlin sah ich einmal dieses Haus und war überrascht, dass es auf fast jedem Balkon eine Satellitenschüssel gab. Da kam mir die Idee, sie zu verzieren“, erzählt der deutsche Künstler Daniel Knipping.

Der Autor des Projekts Von Innen nach Außen hat die Oberfläche von mehreren Dutzend Parabolantennen mit Folien bespannt, die mit einem jeweils individuell von den Bewohnern ausgewählten Motiv bedruckt sind. Dabei kann es sich um ein Familienbild, um das Auto des Mieters, um eine Landschaft aus der Heimatstadt oder auch um ein türkisches Teeglas handeln.

Der zwölfstöckige Wohnblock an der Pallasstraße, in dessen 514 Wohnungen 40 Sprachen gesprochen werden, ist in Berlin wohlbekannt, wobei es sich allerdings um einen zweifelhaften Ruhm handelt. Das umgangssprachlich „Sozialpalast“ genannte Gebäude im ansonsten ruhigen Stadtteil Schöneberg wurde über viele Jahre hinweg mit Verbrechen, Vandalismus und dauernden Nachbarschaftskonflikten in Zusammenhang gebracht. 

Foto: Krzysztof Visconti

Charakteristisch für das die Straße überspannende Gebäude sind die an den meisten Balkons angebrachten Satellitenschüsseln. Diese sind zugleich ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier viele Ausländer wohnen, die nur mit Hilfe von Parabolantennen Fernsehprogramme aus ihren Heimatländern empfangen können. Nebenbei bemerkt schmückt die Fassade des „Sozialpalastes“ das Cover der vor einigen Jahren in Deutschland erschienenen Platte „Globalista, Import-Export“, auf der auch ein Stück der Gruppe Trebunie Tutki & Kinior Future Sound mit dem Titel Nie Patrzcie Przez Lupy (Guckt nicht durch die Lupe) zu finden ist. Ein weiteres interessantes Faktum: Das Gebäude an der Pallasstraße und der sich in der Nähe befindliche Betonbunker tauchen im Wim-Wenders-Film Der Himmel über Berlin auf.

Anfangs habe Skepsis vorgeherrscht, erinnert sich Knipping, dessen Gespräche mit den Bewohnern sich beinahe zwei Jahre lang hinzogen. Die Mieter hätten Bedenken gehabt, die Bildfolien könnten den Fernsehempfang beeinträchtigen, aber als sich herausgestellt habe, dass das nicht der Fall ist, hätten sich immer mehr Personen der Aktion angeschlossen.

Foto: Krzysztof Visconti

Das Projekt wurde von der Hausverwaltung unterstützt, die seit einigen Jahren darum bemüht ist, das Image des Gebäudes zu verbessern. Die Bewohner gaben dem Künstler jeweils ein Foto für ihre Satellitenschüssel, dessen Motiv anschließend, der Größe der Parabolantenne angepasst, auf eine Folie gedruckt wurde. Der Titel des Projektes „Von Innen nach Außen“ bezieht sich direkt auf die ausgewählten Motive, die ein Stück des Privatlebens der Mieter oder auch Personen, Orte und Symbole zeigen, die ihnen lieb sind. Ob die Aktion Einfluss auf das Gemeinschaftsgefühl der Mieter haben wird? Mit Sicherheit lässt sich beobachten, dass Menschen kommen, um sich das Haus mit den verzierten Satellitenschüsseln anzusehen, die früher einen großen Bogen darum gemacht hätten.

Daniel Knippings Projekt, das der sozial engagierten Kunst zuzurechnen ist, erinnert an eine berühmte Aktion von Paweł Althamer: Dieser polnische Künstler erzeugte zusammen mit den Bewohnern eines Wohnblocks im Warschauer Stadtteil Bródno mit Hilfe der Wohnungsbeleuchtung in den Fenstern den Schriftzug 2000. Um das zu ermöglichen, musste ein Teil der Bewohner das Licht ausschalten, ein anderer Teil es im selben Moment einschalten. Ich weiß nicht, ob Daniel Knipping dieses Projekt bekannt war, aber die Idee mit den Satellitenschüsseln ist auch sehr schön.
Autor: Krzysztof Visconti

Übersetzung ins Deutsche: Sven Sellmer

Der Text wurde zuerst bei "Point. Deutsch-Polnischer Kalender"
der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit veröffentlicht.
Copyright: Point. Deutsch-Polnisches Portal.
September 2010

Szene Berlin – Szene Warschau: Deutschland aus polnischer Sicht – Polen aus deutscher Perspektive. Die Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit POINT. Deutsch-Polnisches Portal.
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