8. und 9. Dezember 2006

Konferenz in São Paulo: „Ensaios Amazônicos – Amazonische Versuche“

São Paulo, 8. und 9. Dezember 2006

Im Dezember 2006 fand in São Paulo eine Internationale wissenschaftliche Konferenz statt. Sie lotete die unterschiedlichen Dimensionen und Thematiken des Amazonas-Projekts aus.

Teilnehmer:
  • Danilo Santos de Miranda, Regionaldirektor SESC, Sozial
  • und Kulturwerk des Handels, São Paulo
  • Joachim Bernauer, Goethe-Institut São Paulo
  • Peter Weibel, ZKM Karlsruhe
  • Eduardo Góes Neves, Museum für Archäologie und Ethnologie der Universität São Paulo
  • José Ribamar Bessa, Universität Niterói
  • Paulo Roberto Martini, INPE – Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais, São José dos Campos
  • Eduardo Viveiros de Castro, Professor für Anthropoligie an der Universität Rio de Janeiro
  • Philip M. Fearnside, Biologe am INPA – Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia, Manaus
  • Washington Novaes, Journalist
  • Lúcio Flávio Pinto, Chefredakteur des „Jornal Pessoal“, Belém
  • Marcelo Leite, Soziologe, São Paulo
  • Fernando Pellon de Miranda Jr., Geograf, Cenpes, Rio de Janeiro
  • José Wagner Garcia, Medienkünstler
  • Carlos Alberto Ricardo, Soziologe und Direktor des ISA – Instituto Socioambiental, São Paulo
  • Mauro William Barbosa de Almeida, Anthropologe Universidade de Campinas (Unicamp)/Acre
  • Toinho Alves, Journalist
  • Laymert Garcia dos Santos, Soziologe
  • Tânia Stolze Lima, Sozialanthropologin, Universidade Federal Fluminense (UFF), Niterói
  • Habakuk Traber, Münchener Biennale
  • Pedro Peixoto Ferreira, Soziologe, Universidade de Campinas (Unicamp)
  • Geraldo Luciano Andrello, Soziologe ISA – Instituto Socioambiental, São Paulo
  • Hermano Vianna, Musikanthropologe, Rio de Janeiro
  • Rosângela de Tugny, Musikerin, Departamento de Música da Universidade Federal de Minas Gerais (UFMG), Belo Horizonte
  • Marlui Miranda, Sängerin

Ein Abschlussbericht von Joachim Bernauer

Das Seminar „Ensaios Amazônicos – Amazonische Versuche“ fand als ein vorbereitendes Treffen für die Produktion einer neuen Oper statt. Es untersuchte die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer Reflexion über die gegenwärtige Lage und die künftigen Perspektiven der Amazonasregion in dreifacher Hinsicht: Erstens als Teilgebiet des Planeten Erde, zweitens als Territorium bestimmter Nationalstaaten, vor allem Brasiliens, und drittens als Modell der globalisierten Vorstellungswelt bezüglich der Natur (Artenvielfalt), der Geheimnisse des Urwalds (Biotechnologie und überliefertes Wissen), der Umweltkrise (globale Erwärmung) und des Schicksals des homo sapiens (Vergangenheit und Zukunft).

Geprüft werden sollte die Möglichkeit einer politisch-ästhetischen Reflexion, die in einer in der westlichen Welt üblichen polysemiotischen Ausdrucksform vollzogen wird, nämlich der Oper. Mit dem Seminar sollte der Versuch gemacht werden, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Was bietet sich angesichts der Tatsache, dass eine Oper entstehen soll, in Amazonien als Stoff des Projekts an? Anders gesagt: Was steht dort auf dem Spiel, das auf die Bühne gebracht werden muss? Und wie kann das umgesetzt werden, damit – auch das ist eine entscheidende Frage – die komplexen Reflexionen, die in Amazonien entwickelt werden, in dieser Reflexion über Amazonien enthalten sein können?

Amazonien steht heute im Brennpunkt der globalen Umweltkrise, der Geopolitik, der Konflikte um die Bewahrung der Artenvielfalt, der Privatisierung der Gen-Ressourcen und des damit verbundenen überlieferten Wissens, des Interesses der technischen Wissenschaften und der transnationalen Kapitalflüsse, des „verspäteten“ wirtschaftlichen Raubbaus, der Entwicklungsprojekte (nachhaltiger wie nicht nachhaltiger) sowie der sozialen und ethnischen Probleme, die sich auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene manifestieren. Und – als ob dies nicht genug wäre – all das geht in einem Maßstab vor sich, der wahrlich amazonisch ist, das heißt übermenschlich oder maßlos. Das gilt nicht nur für die Landschaft, die Größe der Flüsse und die Üppigkeit der Wälder, sondern auch für die Haltung derer, die an ein unerschöpfliches „Paradies“ glauben, das sich zu unendlicher Ausbeutung anbietet.

Unglaublich, aber wahr: Peter Weibel überwand seine Flugangst und kam wirklich nach São Paulo. Von seiner Anwesenheit profitierte das Seminar ganz besonders. Der „andere“ Schamane aus Amazonien musste leider in letzter Minute absagen, da es einen Todesfall in seinem Stamm gab, der seine Anwesenheit im Dorf unerlässlich machte. Im Verlauf des Seminars wurde das beste und „kritischste“ Wissen über den Amazonas versammelt, dargestellt und diskutiert. Das exzellente Niveau war besonders den beiden Koordinatoren zu verdanken: Laymert Garcia dos Santos (Unicamp, Campinas) und Eduardo Viveiros de Castro (Museu Nacional, Rio de Janeiro).

Joachim Bernauer
war 2006 Direktor des Goethe-Instituts São Paulo. Seit 2008 leitet er in Lissabon das Goethe-Institut Portugal.