Schreibwettbewerb

Markenware für die anderen
Qualifizierte Arbeitskräfte werden zum rumänischen Exportschlager

An einem normalen Samstagmorgen würde sich Andrei Popescu um halb sieben Uhr wahrscheinlich umdrehen und weiter schlummern. Oder er würde im OP-Saal stehen, denn Popescu ist von Beruf Chirurg und arbeitet in Bukarest – besser gesagt, er tat es bis vor kurzem. Arbeit ist übrigens auch der Grund, wieso Dr. Popescu so früh auf den Beinen ist. Zusammen mit seiner Familie wartet er am Gate für den Flug nach Wien. Es geht allerdings nicht zur Erholung in den Urlaub, sondern in ein neues Leben. Denn Popescu soll eine Stelle als OP-Arzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus antreten. Verdienen wird er dort das Vierfache seines Gehalts in Rumänien.

Dr. Popescu ist nur einer der vielen Mediziner, die Rumänien jeden Tag für eine Laufbahn im Westen verlassen. Warum aber dieser Exodus?

Seit sich Rumänien der Europäischen Union in den späten 1990er Jahren angenähert hat, sind die geschlossenen Grenzen stufenweise offener geworden. Die letzte Hürde fiel zum 1. Januar dieses Jahres, dem Zeitpunkt, zu dem rumänische Arbeitnehmer ohne jede Form amtlicher Erlaubnis überall in der Europäischen Union einen Job kriegen können. Deutschland und Großbritannien öffneten ihre Arbeitsmärkte zuletzt. Das heißt aber nicht, dass solche Länder ein unbeschriebenes Blatt sind- schon seit den 1970er Jahren drängen Rumänen in den Westen, zum Beispiel nach Deutschland oder Frankreich. Damals waren sie auf der Flucht vor der Diktatur, heute retten sie sich vor der Armut. Nahmen Rumänen bis etwa 2008 hauptsächlich niedrig bezahlte Jobs als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder auf Baustellen an, hat in den letzten Jahren allerdings ein besorgniserregender Brain-Drain eingesetzt. Allein im Bereich der Medizin verliert Rumänien täglich, so die Sendung Business Magazin im Nachrichtensender Digi 24, vier Top-Arbeitskräfte: Ärzte und Krankenschwestern, die hier zu wenig verdienen und deshalb im Westen ein besseres Leben suchen. Sollte sich der Trend weiter halten, könnte die Gesundheitsversorgung im Land zusammenbrechen. Für Rumänien ist der Verlust doppelt, denn die teure Ausbildung zum Arzt ist für die Medizinstudenten kostenlos.

Doch nicht nur Länder aus der Europäischen Union werben rumänische Spezialisten ab. Die Amerikaner und Kanadier waren schneller, und sie bedienen sich gerne aus einer anderen Berufsgruppe: Informatiker. Im Silicon Valley, der kalifornischen IT-Schmiede, arbeiten über Tausend Rumänen, viele davon als Gurus in zukunftsträchtigen Großkonzernen wie Apple, Twitter, Google, Evernote und vielen mehr. Die überwältigende Mehrheit dieser Fachleute haben Informatik in Rumänien studiert und sind erst später ausgewandert. Wie kommt es, dass so viele von ihnen auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen sind? Die Lebensgeschichte von Victor Rares, heute 33 Jahre alt und in Kalifornien bei der Plattform Twitter angestellt, spricht Bände. "Nach dem Studium wollte ich als zuerst einen Job haben. Die Uni hatte mir einen guten Arbeitsplatz beim Geheimdienst SRI in Aussicht gestellt, wo ich dann für drei Jahre gearbeitet habe”, erinnert sich Rares. Was dann kommt, hört sich an wie eine Erfolgsstory im PR-Seminar für den amerikanischen Traum: “Das Geld hat vorne und hinten nicht gereicht. Da kam ich dann auf die Idee, ein Plug-In für Twitter zu schreiben, mit dem Links direkt in der mobilen App geöffnet werden konnten. Ich habe Bewerbungen abgeschickt, um Finanzierungen zu kriegen, hatte aber nirgendwo Erfolg. Bis ich den Vorschlag direkt bei Twitter eingereicht haben, ohne wirklich zu hoffen, dass eine Antwort von ihnen kommt. Aber sie kam eben, und heute arbeite ich bei Twitter Mobile hier in San Francisco”. Diese und ähnlich spannende Geschichten hört man überall von jungen rumänischen Informatikern im Silicon Valley. Sein eigener Erfolg stimmt Victor Rares aber nachdenklich, denn er berücksichtigt auch das Gesamtbild des Phänomens: "Ich denke, dass es für Rumänien gar nicht gut ist, wenn alle kompetenten Fachleute auswandern. Rumänien liefert "Markenware" für andere Länder, bleibt aber an sich, auch in der Perspektive der Ausländer, ein armes Land", bedauert Rares.

Rumänien ist allerdings nicht schuldlos an der Auswanderung der Eliten. Nicolae Vladimir (45), hat früher an der Technischen Universität in Bukarest Physik studiert, heute leitet er ein Forschungslabor in Singapur. Auch in seiner Branche ist der Druck zu spüren: "Auf Rumänien kommt ein enormes Problem zu. Weil es kaum mehr Forschungslabore oder Forschungszentren gibt, ist es für junge Physiker fast unmöglich geworden, ihre Experimente und Tests unter sicheren und problemlosen Voraussetzungen durchzuführen. Also kommt es auch in diesem Bereich dazu, dass die "klugen Köpfe" anderen Ländern dienen. Rumänien hat also viel nachzuholen. Ausgeschlossen ist es aber nicht, dass das Land noch die Kurve kriegt, die Hoffnung sollte man nie aufgeben".

Das Thema Freizügigkeit ist ein überall viel diskutiertes Thema, das aus mehreren Perspektiven betrachtet werden kann . Je nachdem, aus welcher Richtung der Ansatz kommt, kann man Vor- und Nachteile erkennen – durch die Möglichkeit, in andere Länder zu gehen, bekommen gut ausgebildete und begabte Menschen in Rumänien die Chance auf eine bessere Zukunft. Auch die jeweilige Wahlheimat dieser Menschen profitieren. Dafür bleibt ihr eigenes Land – in diesem Fall Rumänien – ohne qualifizierte Fachkräfte, die eine wettbewerbsfähige Wirtschaft in Europa braucht.

Das Hemd ist aber immer näher als das Wams; die Perspektive also , im Ausland zu studieren oder zu arbeiten, nehmen besonders junge Menschen als immer attraktiver wahr . Nicht nur die Einkommenslage spielt dabei eine Rolle. Viele haben den Eindruck, dass ihre Leistung im Westen mehr geschätzt wird und entscheiden sich für eine Karriere im Westen. Sie halten das für den vernünftigeren Weg, selbst wenn Außenstehende ihnen oft auch Egoismus vorwerfen. Viel wichtiger ist für sie, dass die eigenen Eltern ihnen zumeist Rückendeckung geben und akzeptieren, dass ihre Kinder schon sehr jung ins Ausland gehen. Und sie trösten sich auch damit, dass sie aus dem Ausland auch für Rumänien etwas tun können – zum Beispiel darauf aufmerksam machen, wie viel Nachholbedarf besteht.

Von Denisa Cristea, Laura Georgescu, Maria Mincu, Mădălina Neacșu und Victor Cioabă

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