Auma Obama

Auma Obama:
Das Leben kommt immer dazwischen:
Stationen einer Reise

Rezension

Auma Obama erzählt ihre Lebensgeschichte als Geschichte ihrer Emanzipation. Schon als Kind setzt sie sich gegen Benachteiligungen von Mädchen in ihrer traditionellen Umgebung durch. In der Schule wird sie gezwungen, sich den rigiden Normen des britischen Schulwesens anzupassen. Die deutsche Literatur ist ein Refugium für sie. In Deutschland, dessen ordentlich aufgeteilte Landschaft ihr schon vom Flugzeug aus auffällt, mit Städten wie "ein kompaktes Ganzes, systematisch und akkurat", entdeckt sie ihre afrikanische Identität neu. Sie schließt intensive Freundschaften, erlebt ihre erste Liebe, aber letztlich bleibt ihr die Gesellschaft verschlossen. Ihre Versuche, in Seminaren und Vorträgen das vorherrschende Afrikabild in Frage zu stellen, treffen bloß auf "die sture Weigerung", sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Ihre Ungeduld darüber wandelt sich in Frustration, und gegen Ende ihrer Promotion erlebt sie eine Phase extremer Einsamkeit und Verlassenheit, aus der sie in eine Ehe mit einem Engländer flüchtet.

Die Widersprüche zwischen der eigenen Gesellschaft, aus der sie ausgebrochen ist, und den westlichen Gesellschaften, die sie zurückweisen, drohen sie zu zerreißen. Es sind die gleichen Widersprüche, an denen ihr Vater scheiterte. Wenn die Rezensentin der Berliner Zeitung bemerkt, dass Auma Obama es abgelehnt habe, ihren Vater als "polygam" zu bezeichnen, und hinzufügt, ihr Buch erzähle eine "herrlich andere Geschichte", dann ist das ein fundamentales Missverständnis. "Polygamie" trifft nicht die Problematik dieser zerrissenen Familie. Das Leben von Aumas Vater ist vielmehr typisch für die erste kleine Gruppe hochgebildeter Afrikaner, auf denen zu Beginn der Unabhängigkeit Kenias – und anderer afrikanischer Länder - erdrückend hohe und widersprüchliche Erwartungen von allen Seiten lasten. Nicht wenige sind daran zerbrochen. In ihren besten Zeiten führt die Familie Obama ein westliches Mittelschichtleben, aber Einsamkeit und Verlorenheit lassen den Vater nicht los.

In einer anrührenden Szene beschreibt die Tochter, wie der Vater sie mitten in der Nacht aufweckt, um mit ihr zu reden, während der Plattenspieler Beethoven spielt. Die Tochter versteht den Vater nicht, und sogar, als sie selbst schon lange aufgebrochen ist, um ein unabhängiges Leben zu führen, bleibt das Verhältnis schwierig. "Eine dicke, undurchdringliche Wand aus Schmerz und Enttäuschung und wohl auch aus Ehrfurcht und Scheu stand zwischen uns. Ich sträubte mich dagegen, das Leid meines Vaters anzuerkennen." Erst nach dem Tod des Vaters wird der Tochter klar, dass auch auf ihr eine Bürde lastet, nämlich "ihm zu zeigen, dass ich seiner würdig war." So steht das Gespräch über den Vater auch im Mittelpunkt des ersten Treffens mit ihrem amerikanischen Bruder Barack, der seinen Vater kaum gekannt hat. "Unser Vater", erklärt sie ihm, "lebte in zwei Kulturen, ständig befand er sich in einem Zwiespalt. Wie fast alle Afrikaner war er ein Opfer des Kolonialismus."

Auma Obama hat ihre Geschichte in Deutsch für ein deutsches Lesepublikum geschrieben. Sechzehn Jahre hat sie in Deutschland gelebt, noch immer ist sie diesem Land eng verbunden. Seit ihr Buch ein Bestseller geworden ist, ist sie ein häufiger Gast in deutschen Talkshows. Angesichts dieser klugen, attraktiven und starken Frau, die da in fehlerfreiem Deutsch diskutiert, mögen sich manche Zuschauer fragen, wieso sie denn nicht in Deutschland geblieben ist? Auma Obama selbst gibt keine Auskunft darüber. Überhaupt ist sie zurückhaltend in ihrer Kritik. "Die Deutschen müssen mehr auf Fremde zugehen" (Süddeutsche Zeitung, 25.10.2010) ist vielleicht das Radikalste, was ihr zu entlocken ist. Gab es da Verletzungen? Nur einmal fallen die Begriffe Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen. Aber durch Auma Obamas Geschichte selbst wird mehr als deutlich, dass ein Leben mit Globalisierung und Migration nicht so glatt verläuft, wie es uns schreckliche Vereinfacher vom Schlage Thilo Sarrazins wahr machen wollen. Leben in einer globalisierten Welt kann schmerzhaft sein, es zerreisst Familien und kann zu Einsamkeit, Verlorenheit, Frustration und Depression führen. Barack Obama sen. ist dafür ein Beispiel. Zumindest zweien seiner Kinder, Barack jr. und Auma, ist es dagegen gelungen, ihrem Leben eine Wendung zu geben, die auch andere inspiriert. Deshalb, und nicht nur, weil die Autorin die Schwester des gegenwärtigen Präsidenten der USA ist, lohnt die Lektüre dieses sehr persönlichen und klugen Buches.

Ingrid Laurien, 2011