Indigenes Wissen

Indigenes Wissen ist lokales, meist traditionelles Wissen über Heilkunde, Landwirtschaft, Religion, Riten und vieles mehr. Es spielt in vielen Regionen Afrikas bis heute eine große Rolle, wird meist mündlich weitergegeben und ist daher vom Vergessen-Werden bedroht. Hier geht es um das Erforschen und Speichern indigenen Wissens und um den verbesserten Zugang dazu.
class="schmuckbild"> Foto: www.cifor.org

    Wiederentdeckte Geschichte – immaterielles Kulturerbe in Südafrika

    Der Begriff „Immaterielles Kulturerbe“ oder auch „Lebendiges Erbe“ steht für die Geschichten und Bräuche, die von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Das Immaterielle Kulturerbe (IKE) trägt dazu bei, zu definieren, wer wir sind und woher wir kommen.

    Was ist immaterielles Kulturerbe?

    IKE oder „Lebendiges Erbe“ bezieht sich nicht auf alte und seltene Gegenstände oder Orte, sondern auf die Überlieferung von sozialem Brauchtum, von Geschichten, Fähigkeiten und Wissen. In Südafrika gehören dazu zum Beispiel die Erzählungen vom Tokoloshe, die Geschichten von der Gottesanbeterin und dem Mond und die Van-der-Merwe-Witze. Ebenfalls dazu gehören die Kenntnisse der Inyanga (tradionelle Heiler) über die Heilkräfte von Kräutern – oder auch die Fähigkeit, ein Dach mit Ried zu decken, traditionelles Bier zu brauen und beim Braai Fleisch über dem offenen Feuer zu garen. Auch der Toyi Toyi genannte Protest-Tanz im Kampf gegen die Apartheid und der Stapdans der Nama-Gemeinschaften in der Richtersveld-Region sind immaterielles Kulturerbe.

    IKE ist „lebendiges“ Erbe, weil es um Menschen geht und weil es aktuell bleibt – jede Generation nimmt Änderungen vor und passt es ihren jeweiligen Umständen an, den städtischen wie ländlichen. Körbe, die einst aus Schilf geflochten wurden, können mit denselben Mustern auch aus buntem Draht hergestellt werden. Ferner ist IKE lebendiges Erbe, weil der Mensch in seiner Ausübung üblicherweise mit verschiedenen kulturellen Bezügen „jongliert“ – und nicht in einer einzigen religiösen, geschlechtsspezifischen oder ethnischen „Box“ gefangen sein muss.

    Herausforderungen bei der Bewahrung des immateriellen Erbes

    Im Laufe der Zeit haben viele Menschen einfach aufgehört, alte Lieder zu singen, „altmodische“ Dinge herzustellen oder die Geschichten ihrer Großmütter anzuhören oder deren Kochrezepte zu verwenden. Es gibt jedoch immer wieder Menschen, die sich um die Bewahrung ihres immateriellen Kulturerbes bemühen, gerade wenn seine Überlebensfähigkeit in Frage gestellt ist. IKE ist lebendige Praxis und wird deshalb leicht durch Faktoren wie die Landflucht junger Menschen, durch sozialen Wandel oder Konflikte und durch die gesellschaftliche Unterdrückung oder Verachtung der kulturellen Bräuche einer bestimmten Gruppe beeinträchtigt. So wurde zum Beispiel im Südafrika der Kolonialzeit und während der Apartheid afrikanische Kultur häufig diffamiert.

    Die Bewahrung des immateriellen Kulturerbes einer Bevölkerungsgruppe ist jedoch mit vielen weiteren Herausforderungen verbunden. Die erste wesentliche Schwierigkeit besteht darin, Wege zu finden, um die Lebendigkeit von IKE zu erhalten. Als zweite wesentliche Herausforderung gilt es, rechtliche und ethische Grundlagen zu entwickeln, in deren Rahmen nicht-staatliche Organisationen, Wissenschaftler oder Regierungen die jeweiligen Gruppen dabei unterstützen können, ihr immaterielles kulturelles Erbe zu schützen und zu bewahren, ohne ihre Eigentumsrechte daran zu verlieren.

    Lebendes Erbe lebendig halten

    Viele Formen des immateriellen Kulturerbes werden mündlich ausgeübt und überliefert. Oral tradierte Lieder oder Geschichten für die Zukunft zu bewahren, stellt eine große Herausforderung dar und verdeutlicht die grundsätzliche Problematik, IKE lebendig zu erhalten.

    So können Bücher über das Geschichtenerzählen das Erlebnis, einem gewandten Erzähler zuzuhören, nicht ersetzen und sie können das Erbe des Geschichtenerzählens nicht lebendig halten. Nicht einmal eine Video-Dokumentation kann die Erfahrung einer miterlebten interaktiven Vorführung ersetzen. Ein erfahrener Erzähler verwendet traditionelle Themen und Charaktere, um neue Geschichten, die sich auf aktuelle Fragen und Geschehnisse beziehen, zu erzählen. Wenn in den Gemeinschaften keine Geschichten mehr erzählt werde, ist IKE nicht mehr „lebendig“. Ein Archiv von aufgezeichneten Geschichten – wie das jüngst digitalisierte Bleek-und-Lloyd-Archiv der San-Geschichten – kann jedoch dazu beitragen, IKE bei einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rücken. Genauso können Projekte, die die Öffentlichkeit einbeziehen, Mitglieder der San-Gemeinschaft sogar dazu ermutigen, ihre eigenen Geschichten in einem neuen Licht zu sehen und neu zu entdecken.

    Gcina Mhlophe, die große südafrikanische Erzählerin, berichtet, dass sie das Erzählen von ihrer Großmutter gelernt hat. Heute jedoch können Großmütter ihren Enkeln oft nichts mehr vermitteln, da diese in der Stadt aufwachsen. Deshalb müssen Geschichtenerzähler dazu ermutigt werden, junge Zuhörer zu erreichen und ihr Wissen an sie weiterzugeben. Erzähler verdienen Anerkennung und angemessene Entlohnung für ihre Arbeit. Zanendaba – das Institut der afrikanischen Geschichtenerzähler – hat sich beispielsweise vorgenommen, afrikanische Geschichtenerzähler vorzustellen, Storytelling-Events durchzuführen, neue Talente zu schulen und ein Erzähl-Publikum zu fördern. Solche Projekte bewirken mehr als das Bereitstellen von Büchern über Techniken des Erzählens. Und nebenbei fördern sie das Interesse an Geschichten und an Literatur und leisten somit einen Beitrag zur Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten.

    Maßnahmen zur Bewahrung von IKE müssen Menschen dazu ermutigen, ihr lebendiges Erbe weiterhin zu praktizieren und an andere weiterzugeben, anstatt es nur zu dokumentieren. Außerdem müssen solche Maßnahmen auf die spezifischen Probleme zugeschnitten werden, denen die jeweiligen Gemeinschaften und Praktiker bei der Erhaltung ihres IKE gegenüber stehen.

    Rechtlicher und ethischer Rahmen

    Die Entwicklung eines rechtlichen und ethischen Rahmens zur Bewahrung von IKE, der zugleich gewährleistet, dass die jeweilige Gemeinschaft Eigentümerin und Beschützerin ihres Erbes bleibt, ist eine erhebliche Herausforderung. Denn einerseits sind bestehende Modelle zur Verwaltung von kulturellem Erbe auf Orte und Gegenstände ausgerichtet. Andererseits tendieren sie dazu, Regierungen und außerhalb der Gemeinschaft stehende Experten in den Vordergrund zu rücken – anstelle der Menschen, die ihr immaterielles kulturelles Erbe praktizieren.

    Die westliche Herangehensweise in Bezug auf kulturelles Erbe konzentrierte sich lange Zeit auf die Erhaltung von alten und seltenen Bauwerken, auf archäologische Fundstätten und auf Gegenstände. In Ostasien hingegen, insbesondere in Japan und in der Republik Korea, wurden bereits in den 1950er Jahren Gesetze zur Bewahrung von IKE erlassen. Die UNESCO verabschiedete 2003 ein Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes. Diese Konvention betont die Beteiligung von Gemeinschaften und deren Zustimmung zu jeglichen Aktivitäten in Zusammenhang mit ihrem IKE. Es gab auch zahlreiche Beispiele von Verstößen gegen immaterielles Güterrecht mit Bezug auf kulturelle Praktiken, so zum Beispiel die Entwicklung pharmazeutischer Produkte anhand von überlieferten Kenntnissen. WIPO (die Weltorganisation für Geistiges Eigentum) arbeitet derzeit an Richtlinien zum Schutz der geistigen Eigentumsrechte von Gemeinschaften in Bezug auf „traditionelle kulturelle Ausdrucksformen“.

    Was wird in Afrika getan?

    Viele afrikanische Staaten haben das Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes ratifiziert und haben damit begonnen, eine Bestandsaufnahme ihres IKE vorzunehmen und einzelne Elemente für die Listen der Konvention einzureichen. Zudem gab es Bestrebungen – beispielsweise seitens der African Regional Intellectual Property Organisation und einiger ihrer Mitgliedsländer – ihre Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums auch auf Ausdrucksformen von IKE auszudehnen. In Malawi macht das Urhebergesetz von 1989 eine Genehmigung der Regierung erforderlich, wenn IKE außerhalb des traditionellen Zusammenhangs für kommerzielle Zwecke verwendet werden soll.

    In Südafrika folgten die ersten Gesetze zur Bewahrung des kulturellen Erbes dem westlichen Modell. Mit dem Ende der Apartheid und dem Übergang zur Demokratie im Jahr 1994 änderte sich das rapide. Im Weißbuch zu Kunst, Kultur und Erbe wurde lebendiges Erbe bereits 1996 als bedeutender Bestandteil des allgemeinen Kulturerbes anerkannt. Mit dem Gesetz zu den Ressourcen des nationalen Erbes von 1999 wurde Kulturerbe, das auf Orten und Gegenständen beruht, als bedeutsam anerkannt. Südafrika ist derzeit dabei, die Öffentlichkeit in einen Gesetzesentwurf zum Lebendigen Erbe mit einzubeziehen und hat das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes noch nicht ratifiziert. Die südafrikanischen Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums werden derzeit dahingehend abgeändert, dass sie das IKE von Gemeinschaften gegenüber Ausbeutung durch andere schützen.

    Der Schutz der Menschenrechte ist die letzte Herausforderung bei der Bewahrung des lebendigen Erbes. Beispielsweise werden Frauen durch manche IKE-Bräuche diskriminiert. In einem demokratischen Staat wie Südafrika, der den Schutz der Menschenrechte in seiner Verfassung verankert hat, ist das nicht vertretbar. Möglicherweise verschwinden solche Traditionen mit der Zeit von selbst, aber sie können auch Auseinandersetzungen hervorrufen – so wurden zum Beispiel traditionelle Praktiken zur Überprüfung der Jungfräulichkeit von Mädchen unter 16 Jahren per Gesetz eingeschränkt.
    Harriet Deacon, Südafrika, 2012

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