Oral History

„Oral History“ ist eine Methode der Geschichtswissenschaften, bei der Zeitzeugen mündlich befragt oder mündliche Quellen ausgewertet werden. Oral History ermöglicht einen anderen Blick auf die Vergangenheit – sie gibt Menschen, die sonst nicht gehört werden, eine Stimme.

Oral History in der Praxis – ein Gespräch mit Philipp Bonner vom WITS History Workshop

WITS History Workshop 

WITS History WorkshopEin lebendiges Zeugnis

Was ist Oral History und was sind die Anwendungsbereiche im heutigen Afrika? Ein Gespräch mit Professor Philip Bonner gibt Aufschluss über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Oral History. Professor Bonner ist Leiter der Forschungsgruppe History Workshop Research Group an der Witwatersrand-Universität (WITS) und Inhaber des Forschungslehrstuhls für „Local Histories, Present Realities“ - lokale Geschichte(n), gegenwärtige Realitäten – der südafrikanischen Stiftung National Research Foundation.

Die Vergangenheit vorwiegend oraler Kulturen rekonstruieren

Oral History ist die Erinnerung an vergangene Ereignisse und Begebenheiten, die mündlich an die nächste Generation weitergegeben wird. Oral testimonies dagegen sind Augenzeugenberichte. Diese Aussagen von Zeitzeugen werden in dem Moment, in dem sie an die nachfolgende Generation weitergegeben werden, zu Oral History.

Bei der Erforschung der Geschichte von Gesellschaften, die von mündlicher Kultur- und Wissensvermittlung geprägt sind, finden Methoden der Oral History breite Anwendung. In diesen Gesellschaften werden Informationen mit relativ hoher Verlässlichkeit von Generation zu Generation weitergegeben. Die Überlieferung kann bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, in einigen Fällen sogar noch weiter. Mündlich überlieferte Geschichte ist die wichtigste Quelle, um die Vergangenheit von vorwiegend oralen Gesellschaften zu rekonstruieren. Für den afrikanischen Kontinent ist sie deshalb besonders relevant.

Professor Bonner hat in Südafrika, Swasiland und teilweise auch in Mosambik Forschung betrieben. Er betont die Bedeutung der mündlich überlieferten Geschichte in Afrika: „Viele afrikanische Gesellschaften sind traditionell durch mündliche anstelle schriftlicher Kommunikation geprägt; häufig ist der Grad der Alphabetisierung gering. Kolonialismus, Apartheid und andere Formen der Unterdrückung haben diese Tendenz auf dem gesamten Kontinent weiter verstärkt. Folglich fehlt es an schriftlicher Dokumentierung der Vergangenheit. Historiker mussten daher auf andere Mittel zurückgreifen, um geschichtliche Informationen zusammenzutragen, und die Methoden der Oral History haben sich als sehr nützliches Werkzeug für ihre Forschungsbemühungen erwiesen.“

Eine nicht unstrittige Forschungsmethode

Zwar werden Formen von Oral History bereits seit Jahrhunderten angewendet (einige der ältesten historischen Texte beruhen auf Augenzeugenberichten), doch in den USA und in Europa fasste diese Forschungsmethode erst in den 60er Jahren Fuß. Zuvor gab es enorme Lücken in afrikanischen Geschichtsbüchern. Aufgrund der Probleme, die sich aus dem menschlichen Erinnerungsvermögen und seiner Unzuverlässlichkeit in bestimmten Zusammenhängen ergeben, wurde die Methode zunächst recht skeptisch aufgenommen. Nur allmählich fand sie breitere Anerkennung und vermehrte Anwendung.

Die Herausforderungen, die Live-Interviews zur Geschichte mit sich bringen

Um Informationen über die Vergangenheit zu gewinnen, werden sogenannte „Live-Geschichtsinterviews“ durchgeführt. Die Interviewpartner werden ermutigt, von ihren frühesten Erinnerungen zu berichten. Professor Bonner hat die Erfahrung gemacht, dass die nützlichsten – und bisweilen sogar überraschendsten – Informationen gesammelt werden können, wenn offene Fragen ohne vorgefasste Antwort gestellt werden, und wenn dem Interviewpartner mehr zugehört wird als ihn zu befragen.

Ein Nachteil dieser Interviews ist, dass sie viel Zeitaufwand (u.a. Besuche in abgelegenen Dörfern) und erhebliche finanzielle Mittel erfordern, insbesondere für die Transkription und Übersetzung. Bestehen berechtigte Gründe für die Annahme, dass im Übertragungsprozess Informationen verloren gehen? Laut Professor Bonner ist das kein größeres strukturelles Problem bei dieser Art von Forschungsmethode, da die Interviews aufgezeichnet und später von einer anderen Person transkribiert werden, so dass ein gewisser Mechanismus zur Qualitätskontrolle vorhanden ist.

Eine echte Herausforderung für Historiker ist die Tatsache, dass kollektive Erinnerung bisweilen weniger zuverlässig ist als das Gedächtnis einer einzelnen Person, da Menschen dazu neigen, einfach zu wiederholen, was ihnen zu Ohren gekommen ist und was allgemein als Wahrheit gilt. Doch was ist die Wahrheit? Ist das mündliche Zeugnis eines Chiefs wahrer als die Aussage eines „gewöhnlichen“ Dorfbewohners? Was bleibt einem Historiker zu tun, wenn sich die Chiefs verschiedener Stämme in ihrer Wiedergabe der Vergangenheit widersprechen? Erstens bemüht sich der History Workshop, eine repräsentative Auswahl von Personen zu befragen. Zweitens ist den Wissenschaftlern die dominierende „Ansicht des Chiefs“ bekannt, die absichtlich oder unabsichtlich die Vergangenheit anderer Stämme, insbesondere rivalisierender Stämme, an den Rand drängen mag. Folglich werden die Darstellungen verschiedener Chiefs verglichen, so dass sich mehrere denkbare Variationen ergeben können. Als Bezugspunkt für die „Wahrheit“ verwenden Historiker Vergleichslisten, die schwerlich gefälscht werden können, beispielsweise Listen über die Reihenfolge von Chiefs. Das Ergebnis ist ein geschichtliches Narrativ, das aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird.

Angewandte Oral History: Den zum Schweigen Gebrachten eine Stimme geben

Der History Workshop hat sich keine geringe Aufgabe gestellt: Er will den afrikanischen Teil der südafrikanischen Vergangenheit neu schreiben. Der Großteil seiner Forschungsarbeit befasst sich mit dem politischen Kampf, zu dessen Verständnis die Aussagen beteiligter Zeitzeugen erforderlich sind. Die vorherrschenden Traditionen in der südafrikanischen Geschichte waren von englisch-liberaler und afrikaans-nationalistischer Prägung, und in beiden Fällen kommt die schwarze Bevölkerung quasi nur als Befehlsempfänger vor. Das begann sich erst mit der Arbeiterbewegung Mitte der 70er Jahre und mit dem Schüleraufstand 1976 in Soweto zu ändern.

WITS History WorkshopObgleich 1976 die ganze Welt nach Südafrika blickte, war außerhalb des Landes nur wenig über das Leben in den Townships bekannt. Zwei wesentliche Gründe dafür waren die begrenzte Alphabetisierung der Township-Bewohner und der Mangel an schriftlichen Aufzeichnungen über den Township-Alltag. Letzterer war teilweise auch eine Folge von Polizeirazzien und der Konfiszierung von Dokumenten. Professor Bonner und Co-Autorin Lauren Segal produzierten einen sechsteiligen Dokumentarfilm über Soweto und brachten anschließend das Buch „Soweto: A History“ heraus. Damit war ein erster Schritt zur Dokumentierung der Geschichte südafrikanischer Townships anhand der Erfahrungen „gewöhnlicher“ Menschen getan. Vor dem politischen und sozialen Hintergrund der 70er Jahre waren die Historiker zugleich auch Soziologen, Anthropologen und Politikwissenschaftler.

Die Neuschreibung der Geschichte von Soweto veranschaulicht, dass Augenzeugenberichte unverzichtbar sind – nicht nur um die fernere Vergangenheit zu verstehen, sondern ebenso Ereignisse der jüngeren Zeit.

Quo vadis

Die mündliche Überlieferung der Geschichte ist zweifellos von entscheidender Bedeutung, um die Vergangenheit zu beleuchten und Menschen, die sonst nicht gehört worden wären, eine Stimme zu geben. Doch wie sieht es mit der Gegenwart und Zukunft aus? Haben junge Leute überhaupt Interesse daran, sich mit Oral History zu befassen, und wenn ja, wer sind sie?

Bis zu den 80er Jahren war es gesetzlich untersagt, (schwarze) afrikanische Studenten für die Witwatersrand-Universität zu rekrutieren. Professor Bonner erinnert sich, dass unter schwarzen Studenten enormes Geschichtsinteresse herrschte, als die Bestimmungen geändert wurden. Mit den Wahlen von 1994 flaute es ab und gewann ab etwa 2005 erneut Auftrieb. Professor Bonner erhielt 2007 einen Forschungslehrstuhl der National Research Foundation (von Südafrika) und die finanziellen Mittel, Doktoranden und Forscher einzustellen – hauptsächlich schwarze Südafrikaner (und einige schwarze Zimbabwer). Diese talentierten Personen schreiben ihre eigene Vergangenheit.

Die finanziellen Mittel für den Forschungsauftrag „Local histories and present realities“ - lokale Geschichte(n), gegenwärtige Realitäten – der National Research Foundation sind bis 2017 gesichert. Das Ziel ist die Erforschung von Communities in Provinzen außerhalb des Witwatersrand-Gebiets. In weiten Teilen von Südafrika herrscht immer noch geschichtliche Leere. Entsprechend groß ist das Potential für die Ausweitung dieses Forschungsbereiches – in Südafrika und auf dem gesamten Kontinent.

Das Gespräch mit Professor Bonner führte Miriam Daepp

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