Baltikum

Irina Rubina

Programm

Die Goethe-Institute in Tallinn, Riga und Vilnius unterstützen Sprachkurse wie auch Kulturprogramme für Angehörige der deutschen Minderheit. Dazu gehören z.B. Lesereisen, Konzerttourneen, Fortbildungen wie „Deutsch lernen mit dem Internet“ und Jugendsprachcamps im Sommer. Diese finden in Zusammenarbeit mit deutschen und baltischen Partnern seit Jahren im Wechsel in Estland, Lettland und Litauen statt. Dadurch soll die Herstellung von Kontakten zwischen den baltischen Jugendlichen der Minderheit und damit auch die Zusammenarbeit von Deutschen und Mitgliedern anderer EU-Minderheiten gefördert werden. Neben einem Intensivkurs Deutsch werden Workshops, Vorträge mit Diskussionen zur Landeskunde und Kultur in den drei baltischen Ländern und Deutschland oder z.B. EU-Politik mit passenden Exkursionen angeboten. Die Sprachcamps haben inzwischen Modellcharakter und werden auch von anderen Ländern übernommen.

Beispiel

Im Oktober 2009 wurde die Ausstellung "Musik+X" in der Stadt Rezekne im Südosten Lettlands gezeigt. Sie lädt zu einem Rundgang durch die Genres, Szenen und Lebenswelten Deutschlands ein und stellt aktuell angesagte Popstars, Rockrebellen, Rapper und DJs aus dem gesamten Bundesgebiet vor. Am einfachsten ist der deutsche Pop heute an seiner Sprache zu erkennen. Ob in Hamburg oder in Magdeburg: Es wird mit viel Hingabe und Wortwitz auf Deutsch gesungen und gerappt. Für den sprachlosen Techno wiederum bildet Deutschland ein internationales Zentrum – mit Berlin als Feierhauptstadt der westlichen Welt. Bilder und Texte zur „Ausstellung“ sind auf der Homepage des Goethe-Instituts Lettland zu sehen, dort gibt es auch Arbeitsblätter für den Deutschunterricht zum Thema Musik.

Historie

Auf dem Gebiet des heutigen Estlands sind deutsche Siedler, darunter Nachfahren der deutschbaltischen Ordensritter, schon seit 700 Jahren vertreten. Nach der Agrarreform von 1919 verlor die Mehrheit von ihnen ihren Großgrundbesitz. Durch die im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts beschlossenen Umsiedelungsverträge mussten rund 13.700 Deutschbalten im Jahre 1939 das Land verlassen. Denjenigen, die sich gegen die Aussiedlung ausgesprochen hatten, war es nach der Deportation in die Sowjetunion erst im Jahre 1955 wieder erlaubt, in ihr Heimatland zurückkehren. Ab den Siebziger Jahren verzeichneten die deutschen Gemeinden einen Zuwachs durch arbeitssuchende Russlanddeutsche aus den Gebieten Kasachstans und Kirgistans. Mittlerweile werden die Interessen der Minderheit von mehreren Dachverbänden wie z.B. der „Estnischen Goethe-Gesellschaft“, der „Akademischen Gesellschaft für Deutsche Kultur“ und dem „Verein der Deutschen in Tartu“ vertreten. Heute lebt die deutsche Minderheit vor allem in der Hauptstadt Tallinn und in Tartu. Nach der letzten Erhebung von 2001 zählen sich nur noch 1.900 Personen dazu; insgesamt beträgt der Minderheitenanteil an der Gesamtbevölkerung Estlands 32,1%.

Seit dem 13. Jahrhundert wurde Lettland nicht unerheblich von deutschen Einflüssen geprägt. Daran erinnern mittelalterliche Bauten aus den Zeiten der Hanse und des Deutschen Ordens. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stellten die Nachfahren der deutschbaltischen Ordensritter 7% der Bevölkerung und einen Großteil der Oberschicht. Im Jahre 1939 verließen rund 60.000 Lettlanddeutsche infolge des Hitler-Stalin-Paktes und der in diesem Zusammenhang in Kraft getretenen Umsiedlungsverträge das Land. Die wenigen, die sich gegen diese Umsiedlung entschieden hatten, wurden 1945 durch die Sowjetmacht deportiert und durften erst zehn Jahre später wieder nach Lettland zurückkehren. Heute machen Russlanddeutsche den überwiegenden Teil der dortigen deutschen Minderheit aus. Die kleine Gruppe der etwa 400 im Lande verbliebenen Deutschbalten lebt vor allem in Riga und Liepāja. Seit 1991 sind zudem Deutsche nach Lettland gezogen, ohne familiäre Wurzeln im Baltikum zu haben.

Anders als die übrigen Staaten des Baltikums bekämpfte das Königreich Litauen, das durch Allianzen und Heiraten eng mit dem polnischen Königshaus verbunden war, die Ritter des Deutschordens lange und erfolgreich. Deren Niederlage in der Schlacht von Tannenberg ging in die Geschichte ein, und die damalige Grenze zu Ostpreußen sollte bis zum Jahre 1918 Bestand haben. Nachdem das Land bereits im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt worden war, standen ihm im Zweiten Weltkrieg sowohl die Okkupation durch Deutschland als auch durch die Sowjetunion bevor. Die Litauendeutschen wurden auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes im Februar 1941 „heim ins Reich“ geholt und im Warthegau angesiedelt; nach Kriegsende wurden sie von der Roten Armee größtenteils wieder nach Litauen repatriiert. Deutsche Opfer der sowjetischen Deportationen durften erst ab 1955 ins Land zurückkehren. Auch die Memelländer und die so genannten Wolfskinder, aus Ostpreußen versprengte und oftmals unter litauischer Identität aufgenommene Kriegswaisen, gehören heute zur Gruppe der deutschen Minderheit. Bei einer Volkszählung im Jahre 2001 ermittelte die Abteilung für ethnische Minderheiten Litauens rund 3.200 deutscheVolksangehörige im Land; das sind etwa 0,1 % der Gesamtbevölkerung. Die meisten von ihnen, deren Interessen mittlerweile von 31 Kulturgesellschaften vertreten werden, leben in Klaipeda, Silute, Kaunas, Vilnius und Visaginas.
Publikationen
Gauß, Karl-Markus: Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer. Wien 2005

Henning, Detlef (Hg.): Von der Oberschicht zur Minderheit. Die deutsche Minderheit in Lettland 1917-1940, Nordost-Archiv Band V: 1996

Tauber, Joachim (Hg.): Zwischen Staatsnation und Minderheit – Litauen, das Memelland und das Wilnagebiet in der Zwischenkriegszeit, Nordost-Archiv Band II: 1993

Pistohlkors von, Gert (Hg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas: Baltische Länder. Berlin 2002
Kontakt und Information
Goethe-Institut Tallinn
Dr. Ralf Eppeneder (Institutsleitung)
Suurtüki 4B
10133 Tallinn
Tel. +372 6276960
Fax +372 6276962
dkigi@tallinn.goethe.org
www.goethe.de/tallin

Goethe-Institut Riga
Dr. Rainer Buhtz (Leiter der Spracharbeit)
Torna iela 1
LV-1050 Riga
Lettland/Latvia
Tel. +371 7 508200 (Zentrale)
Tel. +371 7 508201 (direkt)
Fax +371 7 323999
ls@riga.goethe.org
info@riga.goethe.org
www.goethe.de/riga

Goethe-Institut Vilnius
Nijolia Buinovskaja (Beauftragte für Spracharbeit)
Gedimino pr. 5
LT-01101 Vilnius/Litauen
Tel: + 370 5 2314433
Fax: + 370 5 2314432
Mob. +370 6 5610001
info@vilnius.goethe.org
ls@vilnius.goethe.org
www.goethe.de/vilnius
Links zum Thema

Sprache und Identität: Schaufenster Enkelgeneration

Vier Filmporträts zeigen die Rolle der deutschen Sprache für junge Angehörige deutschsprachiger Minderheiten in Tschechien.