Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Mehr als der Akkusativ – die Förderung der deutschen Sprache in einer mehrsprachigen Welt
Von Hans-Jürgen Krumm

1. Das Goethe-Institut als sprachenpolitischer Akteur

Dass Sprachenpolitik die Aufgabe des Auswärtigen Amtes sei, das Goethe-Institut dagegen als ‚Mittlerorganisation’ das Instrument für deren Umsetzung, war bis in die 1990er Jahre hinein die offizielle Lesart der Aufgaben des Goethe-Instituts im Rahmen der Auswärtigen Kulturpolitik. Begriffe wie „Spracharbeit“, „Pädagogische Verbindungsarbeit“ und „Programmarbeit“ zeugen von diesem scheinbar unpolitischen Rollenverständnis. Gestimmt hat es freilich nie.

Sprachenpolitik beschränkt sich ja nicht auf den Erlass von Gesetzen oder den Abschluss von Kulturabkommen. Schon die genannten Begriffe lassen bei näherer Betrachtung erkennen, dass es sich hier um handfeste Sprachenpolitik handelt:

Die „Spracharbeit“, also das Angebot an Deutschkursen und Sprachprüfungen, verschafft der deutschen Sprache Gewicht im jeweiligen Land und verändert dessen sprachenpolitisches Profil; die Sprachprüfungen des Goethe-Instituts haben weltweit Standards gesetzt und werden in vielen Bildungseinrichtungen und Berufsbereichen als Qualifikationsnachweise anerkannt.

Noch stärker ist die sprachenpolitische Komponente bei der „Pädagogischen Verbindungsarbeit“, heute „Bildungskooperation Deutsch“. Mit der Unterstützung von Lehrmaterial- und Curriculumentwicklungen, der Aus- und Fortbildung von Deutschlehrkräften und vielen anderen Kooperationsprojekten trägt das Goethe-Institut zur Sprachen- und Bildungspolitik in den jeweiligen Ländern bei.

Das gilt auch für die Bundesrepublik: Schon 1974 wurde ein Arbeitsbereich „Deutsch für ausländische Arbeitnehmer“ eingerichtet; seitdem setzt das Goethe-Institut diese Expertise in der Entwicklung von Konzepten der Sprachförderung für MigrantInnen ein.

Experten unterscheiden sich vom guten Techniker (auch vom guten Lehrer) dadurch, dass sie nicht nur 'ihr Handwerk' verstehen, sondern dass sie Einzelfragen in größeren Zusammenhängen sehen und Probleme systematisch analysieren und zu dauerhaften, mit den Partnern abgestimmten Lösungen beitragen. Diese sprachenpolitische und sprachpädagogische Dimension ist heute das Markenzeichen des Goethe-Instituts, eine Expertise allerdings, die ihre Glaubwürdigkeit nicht zuletzt dadurch erzielt, dass sie auch auf eigener Erfahrung mit Deutschunterricht gründet.

2. Mehrsprachigkeit statt Sprachenkampf

Eine mögliche Reaktion auf die Tatsache, dass der Deutschunterricht insbesondere an den Schulen weltweit zurückgeht, könnte die „Kampfansage“ an die konkurrierenden Sprachen sein - dass das Goethe-Institut seine Kräfte nicht in einem ohnehin kaum zu gewinnenden ‚Kampf gegen Englisch’ vergeudet hat, sondern bereits zu einer Zeit, als die Europäische Union ihr Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit noch kaum artikuliert hatte, seine Förderung der deutschen Sprache als Beitrag zur Entwicklung individueller und gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit verstanden und ausgestaltet hat, ist aus meiner Sicht eine besonders vorausschauende, der Arbeit des Goethe-Instituts internationales Gewicht verleihende sprachenpolitische Entscheidung.

Ausgezahlt hat sich hier, dass das Goethe-Institut durch vielfältige Aktivitäten der Abteilung Sprache ebenso wie durch seinen Beirat Sprache sein Ohr am Puls der Wissenschaften wie der Bildungspraxis hatte und flexibel reagieren konnte. Auf die Erkenntnis, dass Deutsch auf dem Sprachenmarkt nur dann eine Chance hat, wenn Menschen mehr als eine Fremdsprache lernen und Schulen mehr als eine Fremdsprache anbieten dürfen, hat das Goethe-Institut vielfältig fachlich und sprachenpolitisch geantwortet: mit Angeboten zu Kursen ‚Deutsch nach Englisch’, mit seiner Einmischung in den europäischen Mehrsprachigkeitsdialog, z.B. in Form der Mitarbeit beim Europäischen Fremdsprachenzentrum des Europarats, durch die Beteiligung an der Gründung der European Union of National Institutes of Culture (EUNIC) und nicht zuletzt durch zwei große Projekte, „Die Macht der Sprache“ (2005 – 2007) und „Sprachen ohne Grenzen“ (2008-2009), die das weltweite Netz der Goethe-Institute genutzt haben, um international, aber auch gegenüber Parlament und Öffentlichkeit in der Bundesrepublik deutlich zu machen, dass man in Europa und in einer globalisierten Welt nicht mehr nur innerhalb nationaler Grenzen und mit einer Sprache leben kann und darf, dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt weit über die Ökonomie hinaus einen Reichtum für das Individuum, aber auch für die jeweilige Gesellschaft darstellen und im übrigen am ehesten auch der deutschen Sprache einen Platz auf dem internationalen Sprachenmarkt sichern. Dies gilt, so hat das Goethe-Institut auf den o.g. Konferenzen nachdrücklich artikuliert, gilt auch für Migrantinnen und Migranten, deren Deutschlernen gefördert werden muss, die aber auch einer Anerkennung und Förderung ihrer Familiensprachen bedürfen.

Der besondere sprachenpolitische Beitrag des Goethe-Instituts am Beginn des 21. Jahrhunderts besteht nach meiner Überzeugung darin, dass es ihm gelungen ist, die Förderung der deutschen Sprache nicht im Sinne eines national bestimmten Sprachenkampfes auszugestalten, sondern bewusst zu machen, dass das Lehren und Lernen der deutschen ebenso wie anderer Sprachen nicht der Stärkung von Nationalismen dient, sondern der Entwicklung der Fähigkeit von Individuen wie Gesellschaften, sich in einer Welt der sprachlichen und kulturellen Vielfalt und Heterogenität zurechtzufinden und zu verständigen.
Von Hans-Jürgen Krumm