Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Erinnerung an das Jahr 1989
Von Jutta Bechstein-Mainhagu

Als sich Frankreich im Jahre 1989 auf die 200-Jahrfeiern der Französischen Revolution vorbereitete, lud das Goethe-Institut den Liedermacher Wolf Biermann ein, der 1976 aus der damaligen DDR ausgebürgert worden war und als Vorreiter im Kampf für die Freiheit in der DDR galt.

Nach einem Konzert in der Universität Bordeaux vor mehr als 700 Studenten wollte Wolf Biermann auch die Stadt besichtigen, in der Friedrich Hölderlin gelebt hatte, und dessen tragisches Schicksal auch heute noch die Gemüter nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich bewegt.

Nachdem Hölderlin im Januar 1802 als Hauslehrer der Kinder des hamburgischen Konsuls Daniel Christoph Meyer nach Bordeaux gekommen war, verließ er die Stadt schon wenige Monate später ganz plötzlich im Mai und kehrte in einem Zustand der geistigen Umnachtung in seine Heimat Schwaben zurück. Der Schreiner Zimmer nahm ihn in seiner Familie auf und Hölderlin lebte noch gut dreißig Jahre bei ihm in völliger Zurückgezogenheit. Während dieser Zeit schrieb er weiter Gedichte.

Auch Wolf Biermann zeigte sich tief beeindruckt vom Dichter der Verse „Andenken“, ein Gedicht Hölderlins im Angedenken an seine Reise nach Bordeaux. Darin beschreibt er die Stadt und den Fluss und endet mit dem berühmten Wort: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Andenken

Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bourdeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln;


Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
Der Ulmwald, über die Mühl',
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.
An Feiertagen gehn
Die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag,
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.


Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär' unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu sein. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb',
Und Taten, welche geschehen.


Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnst nämlich der Reichtum
Im Meere. Sie,
Wie Maler, bringen zusammen
Das Schöne der Erd' und verschmähn
Den geflügelten Krieg nicht, und
Zu wohnen einsam, jahrelang, unter
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen
Die Feiertage der Stadt,
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.


Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spitz'
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächtigen
Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See,
Und die Lieb' auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.


Wolf Biermann war der Ansicht, dass nur sein Freund Jean-Pierre Lefebvre es verstehe, über Hölderlin zu sprechen. So gab er es mir jedenfalls bei unserem Gang durch die Stadt zu verstehen.

Einige Tage später wagte ich es dann, ein respektvolles Schreiben an „Herrn Professor Jean-Pierre Lefebvre, Ecole Normale Supérieure, rue d’Ulm, Paris“ aufzusetzen, um ihn nach Bordeaux einzuladen. Seine Antwort traf postwendend ein. Schlicht und freundlich teilte er mir mit, dass er gern bereit sei, einen Vortrag zum Thema „Hölderlin in Bordeaux“ zu halten und wir ihm das gewünschte Datum mitteilen mögen.

Schnell war ein Termin für einen Vortrag in den Veranstaltungsräumen der Buchhandlung Mollat in Bordeaux vereinbart.

Das Publikum strömte zahlreich herbei und erlebte einen Vortrag der besonderen Art. Hat jemals ein Literaturwissenschaftler seine Ausführungen damit begonnen zu berichten, was er morgens im Radio gehört hatte? Es war die Rede von Ostdeutschen, die nach Ungarn flohen, von Demonstrationen in Berlin. Dann las der Professor an einer der renommiertesten Eliteschulen Frankreichs Auszüge aus einem von ihm verfassten Kriminalroman. Darin ging es um einen Fährmann am Rhein in der Nähe von Heidelberg. Und schließlich kam er auf Hölderlin zu sprechen, mit gewaltiger Redegewandtheit und mit größter Selbstverständlichkeit.

Was weiß man eigentlich von Hölderlins Aufenthalt in Bordeaux? Warum ist er so schnell abgereist? Ist er wirklich verrückt geworden oder simulierte er nur? Was war er für ein Mensch? Wie sind die rätselhaften Worte seines großartigen Gedichts zu verstehen? War er ein Jakobiner, wie der große Germanist Pierre Bertaux meint? Träumte er nicht schon seit frühester Jugend neben seinen berühmten Klassenkameraden Hegel und Schelling im Tübinger Stift von der Freiheit? Welchen Freunden trauert er in seinem Gedicht nach? Wer sind die Männer, die „zu den Indiern gegangen“ sind? Wer ist Bellarmin? Ist mit Indien nicht Amerika gemeint und könnte Bellarmin nicht Alexander von Humboldt sein, der schönste Mann seiner Zeit, der sich mit seinem Freund Bonpland von La Rochelle ausgeschifft hatte, um Mittelamerika zu erforschen und der 1804 von dort nach Bordeaux zurückkommen sollte? Weisen nicht alle Indizien darauf hin, dass Hölderlin auf der Rückreise über Lyon fahren wollte, um Napoléon zu sehen, in dem er den Befreier Europas sah? Waren nach dem Frieden von Amiens nicht alle Hoffnungen erlaubt? Oder wollte er zum letzten Mal Suzette Gontard sehen, die geliebte Frau, jedoch verheiratet mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Bankier Gontard in Frankfurt? Wusste er, dass Suzette krank war? Hat er sie kurz vor ihrem Tod im Juni 1802 noch einmal gesehen? Suzette Gontard als Modell für Diotima in seinem Roman Hyperion, der Geschichte eines jungen griechischen Freiheitskämpfers? War Bordeaux für ihn eine Art idealisiertes Griechenland, wie die Briefe an seinen Freund Boehlendorff glauben machen könnten und in denen Hölderlin sagt, dass er „von Apollo geschlagen sei“ und in denen er vom „Athletischen der südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes“ spricht, das ihn “mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter gemacht hat“.

So viele Fragen ohne erschöpfende Antwort!

Nach diesem Vortrag, der in einer eigenartig fiebrigen Stimmung stattfand, begaben wir uns mit rund zwanzig Personen ins Goethe-Institut. Es waren alle dabei, die sich auf irgendeine Art und Weise mit Hölderlin auseinandergesetzt hatten: ein Psychiater und Kriminologe, der in einer medizinischen Fachzeitschrift über „Hölderlin, Dichter und Irrer in Bordeaux“ geschrieben hatte, ein Dramaturg, der „Hölderlin, Exil in Bordeaux“ und auch andere „Hölderlin-Stücke“ inszeniert hatte, ein Musikwissenschaftler und ein Verleger, beide wahre Kenner Hölderlins, der Leiter der Stadtbibliothek Bordeaux, die griechische Ehefrau des Institutsleiters... Ausnahmsweise wurde in den Räumen der Institutsbibliothek zu Abend gegessen. Man unterhielt sich aufs Lebhafteste und die Stimmung war so herzlich, dass man sich schließlich in die Arme fiel und jeder jedem beteuerte, sich noch nie so innig verbunden gefühlt zu haben.

Als ich zu vorgerückter Stunde nach Hause kam, war mein Mann zwar schon zu Bett, hörte aber immer noch aufmerksam Radio. „Weiß Du denn nicht, dass heute Nacht die Mauer in Berlin gefallen ist?“ Nein, ich wusste es nicht!

Es war die Stunde Deutschlands, die Stunde Hölderlins in Bordeaux.
Von Jutta Bechstein-Mainhagu, aus dem Französischen übersetzt