Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Goethe-Zirkus
Von Ralf A. Baltzer

Ralf A. Baltzer Im Juli 1979 übernahm ich als nicht mehr ganz so junger Jungsprachlehrer meine erste Arbeitsstelle am Goethe-Institut in Prien am Chiemsee. Meine erste Klasse bestand aus einem riesigen Familienverband griechischer Lehrer im Alter von 25 bis fast 65 Jahren, die für griechische Kinder in Deutschland Muttersprachunterricht erteilen sollten und in meiner Klasse ein “Survivaltraining“ in Deutsch absolvieren durften. Ich gestehe: mein Unterricht war eigentlich eine Katastrophe, und es ging im Klassenzimmer zu wie im Hafen von Piräus.

Diesen Mangel sollte ich aber bald durch andere Stärken ausgleichen dürfen. Es kam nämlich ein Wanderzirkus nach Prien. Der Direktor des Unternehmens begab sich höchstpersönlich zum Institut, um dort ein paar freiwillige Kursteilnehmer für Mitarbeit in einem Nachmittagsprogramm anzuwerben. Er wurde auch fündig und lud alle Goetheaner zur Vorstellung ein.

Zwei Tage später strömten wir alle in erwartungsvoller Spannung in das Zirkuszelt. Nach den ersten Darbietungen durch Akrobaten, Affen und Clowns wandte sich der Herr Direktor nun an die Zuschauer und bat die Freiwilligen in die Arena. Als er aber durchblicken ließ, dass es sich um Assistenz beim Messerwerfen handelte, erstarrte das Zelt in angespanntem Schweigen. Entweder waren die Freiwilligen erst gar nicht gekommen, oder sie zogen es nun doch vor, außer Reichweite zu bleiben. Der verdutzte Zirkusdirektor murmelte etwas von „verlorener Ehre des Goethe-Instituts“ und schien recht ratlos.

Dies war meine Stunde! Keine Sekunde zögerte ich, mein nicht mehr ganz so junges Leben für das GI in die Messer zu werfen, sprang auf und stand schon vor dem weißen Brett, auf das der Messerwerfer wohl zielen wollte. Unglücklicherweise war ich total in Weiß gekleidet, so dass meine Körperumrisse auf der weißen Fläche gar keine Konturen hinterließen und somit das Treffrisiko erheblich erhöht war. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich später ein von einem Kursteilnehmer aufgenommenes Foto sah, das als Beleg meiner Heldentat verfügbar ist. Der Direktor - glücklich darüber, dass sich doch einer (wenn auch eine Lehrkraft!) geopfert hatte - plazierte mich nun vor dem Wurfbrett und flüsterte mir nur noch eindringlich zu: „Nur nicht bewegen oder zucken!“- und schon sausten in kurzen Abständen 10 (zehn!) wohlgeschärfte Messer knappest an mir vorbei und bohrten sich in das vibrierende Holz neben mir und über meinem Kopf. Tosender Applaus. Ich war der Held des Tages - das restliche Programm wurde nur noch vage wahrgenommen!

Meine Siegerlaune sollte aber am nächsten Tag stark abgekühlt werden, als mich unser Institutsleiter Rudolf Schneider - er war bei dem Spektakel nicht anwesend - ins Büro zitierte. Voll davon überzeugt, wegen meiner Ehrenrettung des Hauses nun eine Eloge zu erfahren, widerfuhr mir eine herbe Enttäuschung. Er schaute mich mit spitzer Nase und kreidebleichem Gesicht durchbohrend an und meinte nur, ob ich denn meinen DaF-Verstand total verloren hätte. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich in unverantwortlicher Weise mir und auch ihm gegenüber gehandelt hatte. Mir war gar nicht in den Sinn gekommen, dass ich mich möglicherweise in Gefahr gebracht und beim Verfehlen auch nur eines Messerwurfs mich und ihn als den Verantwortlichen des Instituts in einige Schwierigkeiten gebracht hätte. Unbewusst hatte ich wohl die damals noch von jedem künftigen Goethe-Dozenten erwartete universelle Einsatzbefähigung vorauseilend dokumentiert.

Eine Zirkusarena habe ich nie mehr betreten. Dafür suchte ich mir beim Goethe-Institut andere Spielflächen für dramatische Auftritte, an denen es bei uns ja nie mangelte. Dabei wurde ich zwar auch nicht von Messern geritzt, aber den einen oder anderen Kratzer durfte meine empfindsame Haut schon verspüren. Aber an alle diese inzwischen zierenden Narben erinnere ich mich gerne.
Von Ralf A. Baltzer