Wirklichkeit?

Fakten und Fiktionen - Über die Beziehung des Journalismus zur Kunst und zum Film

Rushes; Copyright: Alfredo Jaar
'Rushes'
Warum besitzt ein Waldbrand in Sydney mit vier Todesopfern einen höheren Nachrichtenwert als ein Erdbeben in Indien, das Tausenden von Menschen das Leben kostet?

Offenbar misst der westliche Journalismus einem weißen Australier, dessen Eigenheim zerstört wird, einen größeren (Nachrichten-)Wert zu, als einem armen Inder, der bei einem Erdbeben ums Leben kommt.

Daran wäre nichts auszusetzen, wenn unsere Medieninstitutionen nur beanspruchen würden, der eigenen Gemeinschaft zu dienen und das eigene, kulturabhängige Weltbild zu bestärken. Aber in einer Welt, in der die Medien zunehmend globalisiert werden, behaupten die westlichen Medienkonzerne - implizit oder explizit - universale Gültigkeit für ihre Nachrichtenbewertung. Wir stehen also vor der Situation, dass eine kulturelle Gemeinschaft mit ihrem begrenzten Verständnis davon, was Nachrichtenwert habe, ihre Bewertung als allgemeingültig für die gesamte Menschheit erachtet. Ist eine kulturell geprägte Definition eines Nachrichtenwerts – zusammen mit dem sich darin spiegelnden relativen Wert eines Menschen – erst einmal zum universalen Standard erhoben, wird die Auffassung anderer Kulturen von wichtigen Nachrichten und wichtigen Menschen an den Rand gedrängt. Das Ergebnis ist paradox, da häufig behauptet wird, die Globalisierung der Medien erweitere unseren Horizont.

Das Beispiel steht für den Konformismus der Massenmedien im globalen System. Ein immer größerer Teil des Medienangebots wird von einer Norm bestimmt, die entscheidet, was wissenswert ist, worüber man zu lachen und worüber man traurig zu sein hat, die predigt, was Glück, Gerechtigkeit, Güte und Liebe ist. Diese Norm hat eine einengende Wirkung, andere Vorstellungen über jene Werte werden zur Seite geschoben.

'Rushes'
Ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren besuchte ich in Oslo die Ausstellung Two or Three Things I Imagine about Them (1990) des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar. An der Kasse erhielt der Besucher nicht die übliche Broschüre oder einen Katalog, sondern einen Pass und ein Kartenfutteral. Ich faltete die Karten auseinander, sah mich jedoch keinem Landkartenbild, sondern großen Plakaten gegenüber, die Menschen in Nigeria und Brasilien und ein Flüchtlingslager bei Hongkong zeigten. Ich meinte ein Flüstern zu hören: "Sieh genau hin! So sehen wir auf der anderen Seite der Grenze aus!" Dann verschwammen die Gesichter.

"Geographie ist vor allem auf Krieg aus", stand auf den Karten, die Jaar verteilte. Für Alfredo Jaar ist jede Grenze - geographisch, politisch, wirtschaftlich oder kulturell - das Zeugnis eines Verbrechens gegen die Menschheit.

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Stefan Jonsson

Dieser Artikel erschien erstmalig in Lettre 75/2006. Gekürzte Fassung.

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