Kunstvermittlung

Da stehen sie ... sprachlos, wie vom Blitz getroffen. So wurden kunstbeflissene Touristen in Florenz beispielsweise von dem Fotografen Thomas Struth festgehalten – als Sinnbild des direkten, des un-mittelbaren Erlebens von Kunst, das die Frage nach der Notwendigkeit von Vermittlung zwischen dem Werk beziehungsweise den darin manifest gewordenen Absichten des Künstlers einerseits und dem Betrachter andererseits obsolet zu machen scheint. Ja beginnt das, was Kunst ausmacht, nicht gar erst dort, wo die Erklärbarkeit aufhört? Und so kann man sich dem Fragenkatalog anschließen, welcher einem Symposium über „Kunstvermittlung in den Medien“ im Frühjahr 2011 in München vorangestellt wurde: „Sind Interpretationen von Kunstwerken überhaupt notwendig? Inwieweit kann Kunstvermittlung über die Rekonstruktion der Absichten der Produzenten hinausreichen? Was soll überhaupt vermittelt werden? Welchen Standards muss Kunstvermittlung genügen?“

Möglicherweise kommt man dabei zu unterschiedlichen Schlüssen, wenn man hier nicht – wie die Florentiner Touristen in Struths Bildern – Michelangelo im Blick hat, sondern die aktuelle Kunst auf einer der unzähligen Schauen in unserer geradezu „biennalisierten“ Welt (Simon Sheikh) oder fremde Kunst, zum Beispiel aus Afrika, im Sinn hat. Verschiedene Ergebnisse sind dann auch zu erwarten, je nachdem, ob von den bildenden oder den dramatischen oder den literarischen Künsten die Rede ist, wie in diesem Heft. Zu je anderen Antworten wird man natürlich auch deshalb gelangen, da der Begriff „Kunstvermittlung“ neben dem hermeneutischen Aspekt auch alle Tätigkeiten beziehungsweise Instanzen umfasst, die zwischen der künstlerischen Produktion einerseits und der Rezeption andererseits angesiedelt sind: Ausstellungen (in Museen, Galerien, auf Biennalen), Veröffentlichungen (Kunstkritik, Fachbücher, Museumsführer) und die Ausbildung.

Etliche dieser Facetten greift das vorliegende Heft auf. Bei unserem Vorhaben, ein paar Schneisen zu schlagen durch den Dschungel künstlerischer und kultureller Produktion mit seiner Artenvielfalt an neuen Ansätzen in der Vermittlungsarbeit, kommen Pädagogen, Kuratoren, Museologen, Künstler, Philosophen zu Wort.

So disparat die Ansätze und so streitbar oft die Positionen – Konsens scheint zumindest darin zu herrschen, „dass Kunstvermittlung ein wesentliches Element kultureller Bildung darstellt“, wie Wiebke Trunk, Autorin der Studie Voneinander lernen – Kunstvermittlung im Kontext kultureller Diversität (2011) schrieb, was umso wichtiger ist insofern, als kulturelle Bildung und damit auch Kunst „eine kritische und bewusste Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen [ermöglichen], verbunden mit der Entwicklung einer konstruktiven Streitkultur, die als zentrale Kommunikationsform eine lebhafte Demokratie unterstützt“. 

Andere sind ähnlich ambitioniert in ihrem Anliegen. Kunstvermittlung eröffnet „Räume für eine widerständige kulturelle Praxis, jenseits von elitären Enklaven des Kunstgenusses und populistischen Strategien der Publikumserweiterung“, meint die Künstlerin und Kunstvermittlerin Carmen Mörsch, die seit 2008 das Institute for Art Education der Kunsthochschule Zürich leitet. Für sie leistet Kulturvermittlung „vielleicht nicht so sehr die Heranbildung eines ‚Publikums von morgen‘ als vielmehr die Heranbildung einer ‚Kultur von morgen‘“.

Grund genug, um über das Wie nachzudenken. Der abschätzige Begriffsgebrauch von „museal“ im Sinne von verstaubt und langweilig gehört revidiert in einer Zeit, da diverse partizipative Konzepte erprobt und diskutiert werden, wie wir exemplarisch von Stela Barbieri (Brasilien), Daniel Castro (Kolumbien) und Karin Rottmann (Deutschland) erfahren. Und einen weiteren Beleg hierfür zeigt die Umschlaginnenseite der aktuellen Print-Ausgabe: „Dialoge 09“ hieß das spektakuläre Tanzstück, mit dem die Choreografin Sasha Waltz im Frühjahr 2009 das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel einweihte. 70 Tänzer, Musiker und Sänger machten den Umbau des Architekten David Chipperfield auf eine ganz andere Art erfahrbar: Noch bevor die Exponate des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung sowie des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin in die restaurierten Räume einzogen, verwandelten sie ihn in eine große Bühne, in eine temporäre Ausstellung.

Museumspädagogik heute richtet sich an mündige Bürger und hat nur noch selten mit paternalistischer Didaktisierung zu tun. Dies zu reflektieren ist wichtig in einer Welt, deren Kunstmarkt global agiert und deren Kunstszene längst international ist – und für Institutionen wie das Goethe-Institut, die sich dem Kulturdialog verschrieben haben, von eminenter Bedeutung sind. Die Antworten auf die für diese Ausgabe durchgeführte Befragung zur Möglichkeit eines Nord-Süd-Kunstaustauschs auf Augenhöhe verdeutlichen dies ebenso wie das ambitionierte Projekt Christoph Schlingensiefs. Es wirft brennende Fragen auf zu künstlerischen Alternativen zu neokolonialen Strukturen, wie sie die Beziehung zwischen Europa und Afrika oft prägen. Derlei Fragen spielen natürlich auch bei den Überlegungen zur Präsentation der ethnographischen Sammlung im geplanten Berliner Humboldt-Forum eine Rolle, wie Viola König und Monika Zessnik darlegen. Denn wie könnte eine sinnvolle Vermittlung jenseits von Ästhetisierung und von Verwissenschaftlichung aussehen? Oder allgemeiner: Worin besteht die Kunst der Kunstvermittlung?

Ulrike Prinz und Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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