Protest 2.0

„Utopia for our Time“

Es gibt keine Elite, keine Avantgarde, keine Inhaber privilegierten Wissens und keine Feldherren der richtigen Strategie – oder besser: Das unterscheidet die Occupy-Wall-Street-Bewegung am deutlichsten von anderen Protestformen.

New York, schreibt die junge Autorin Onnesha Roychoudhuri über ihre Heimatstadt, „hat die höchste Bevölkerungsdichte in den Vereinigten Staaten. Dennoch sind wir ein unglaublich gesitteter Haufen. Wir nehmen unsere Züge, um zur Arbeit zu gelangen, und wir kehren zurück in unsere kleinen Wohnungen, wo wir unseren Kampf mit den Kakerlaken oder den schweren Schritten des Nachbarn über uns austragen. Gelegentlich gehen wir auch zuerst auf einen Drink mit Freunden in die Kneipe. Wenn wir aber nicht in unsere Wohnungen zurückkehren, geschieht etwas Interessantes. Wir werden sichtbar.“

New York hat in der zehn Jahre währenden Amtszeit von Mayor Bloomberg einen rasanten Aufschwung erlebt: Es ist sicherer, reicher, teurer und noch ein bisschen hysterischer geworden – wer sich davon einen Eindruck verschaffen will, braucht nur nach SoHo zu gehen, wo sich auf engem Raum die unerlösten Hoffnungen und Wünsche aller gut aussehenden Zwanzigjährigen dieser Erde zu ballen scheinen. Es gibt – oder gab, möchte man nun eher sagen – im Manhattan dieser Tage nichts Wichtigeres als den Konsum, auch wenn das Leben der meisten weiterhin wenig glamourös ist. Elend und Armut sind erfolgreich in die anderen Stadtteile und die Vororte verdrängt worden; mit ihnen scheint aber zugleich auch der öffentliche Raum verschwunden zu sein (auch wenn sich der Bürgermeister zu Recht für die Eröffnung des „High Line Parks“ feiern ließ).

Platz der bürgerlichen Empörung

So sah es in New York City aus, bis am 17. September 2011 in Downtown Manhattan Unerhörtes geschah. Angespornt von den Ereignissen auf dem Tahrir-Platz und anderswo in der arabischen Welt, versiert im Umgang mit den neuen Technologien und doch weithin unerfahren in der Organisation von Protest, besetzten Aktivisten den Zuccotti Park in unmittelbarer Nähe der Wall Street, um gegen die Macht der dort konzentrierten Finanzindustrie zu demonstrieren. Damit war „Occupy Wall Street“ (OWS) geboren und löste eine Welle des öffentlichen Protests aus, die unter den verschiedensten Ortsnamen die gesamte westliche Welt erfasste. So wurde der unscheinbare Zuccotti Park, im Grunde weder Platz noch Park, sondern bloß eine Außenfläche der umliegenden Bürogebäude, wie der Tahrir-Platz in Kairo zum Symbol für bürgerliche Empörung und den Aufstand der vielen, auf den die Regierenden in Kairo und New York keine intelligente Antwort wussten. „Der klassische Platz“, schrieb Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat sich 2011 wieder als Ort entpuppt, an dem politische Veränderungen beginnen.“ Das gilt es nach diesen Ereignissen zu bedenken: Nicht die Blogger allein machen die Revolution, sondern die Demonstranten, die sich bei Tag und Nacht, Wind und Wetter auf den Plätzen einfinden – natürlich nicht ohne ihr Mobiltelefon.

Revolution ohne Feldherren

Der Zuccotti Park war, bis am 15. November die Polizei einschritt, die Bühne und das Basislager des Protests. Ohne Bühne, auf der geredet, gestritten, gegessen und geschlafen wird, gibt es keinen Protest – das Internet ist wichtig zur Mobilisierung, aber es ersetzt die öffentliche Bühne nicht. Freilich war der Zuccotti Park eine Bühne ohne Hauptdarsteller oder mit lauter Hauptdarstellern. Die Bewegung war stolz darauf, keine Anführer zu haben, und doch bot sie intellektuellen Stars wie Judith Butler und Slavoj Žižek ein Podium und trug ihre Worte mit dem „human microphone“ (Mikrophone waren verboten) weiter zu den ferner stehenden Zuhörern. In Bewegungen wie OWS spiegelt sich die Krise der politischen Repräsentanz. Nicht nur lehnen die Demonstranten die meisten gewählten Volksvertreter ab, sie sprechen sich auch gegen selbst ernannte oder von „Räten“ bestimmte Protestrepräsentanten aus. Das muss nicht auf die ebenso fragwürdige Vorstellung hinauslaufen, „das Volk“ wisse es im Zweifelsfall ohnehin am besten. Slavoj Žižekhat die Demonstranten im Zuccotti Park daran erinnert, dass kein Subjekt glauben solle, das Wissen zu besitzen, weder die Intellektuellen noch das „einfache Volk“ (und die offizielle Politik schon gar nicht). Das unterscheidet die neuen sozialen Bewegungen vielleicht am deutlichsten von früheren Protestformen, namentlich von denen des Jahres 1968. Es gibt keine Elite, keine Avantgarde, keine Inhaber privilegierten Wissens und keine Feldherren der richtigen Strategie – oder besser: Es soll sie nicht geben. Das mag Bewegungen wie OWS einiges an Durchschlagskraft rauben, aber es verhilft ihnen andererseits zu größerer Glaubwürdigkeit. Eine Aktion der „99 Prozent“ ist, auch wenn sie ihre Ziele und Lösungsvorschläge noch gar nicht kennen, für die Regierenden stets gefährlicher als jede noch so militante Minderheit. Man muss den gegenwärtigen Drang zur Empörung, zur Entrüstung und zur symbolischen Landnahme nicht romantisieren, um berührt zu sein von den Wortmeldungen, die OWS auf der Mikroblog-Plattform Tumblr sammelte: „Mein Chef verdient in drei Stunden mehr Geld als ich in einem Jahr. Ich bin die 99%. Du bist die 99%.“ „Das erste Jahr meines Lebens war ich obdachlos“. „Meine Zukunft ist im Arsch“. Mayor Bloomberg verurteilte die Proteste im Zuccotti Park mit dem Hinweis, an der Wall Street würde Geld verdient, das allen zugutekäme. Die „99 Prozent“ sind davon nicht überzeugt, so wenig übrigens wie der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz.

Die nicht länger schweigende Mehrheit

Man kann in beiden Prozentzahlen, dem einen und den 99 Prozent, Versionen des amerikanischen Traums entdecken. Zum pursuit of happiness gehört schon immer die Möglichkeit, ja das Ziel, sehr reich zu werden, und durchaus auch die Möglichkeit, es mit der Sozialbindung des Eigentums nicht zu genau zu nehmen – auch wenn die USA seit jeher das Mutterland der reichen Philanthropie und der charity sind. Dieser uramerikanischen Idee vom Aufstieg und vom großen Geld, dieser Idee auch von Egoismus und „Self-made“-Vermögen setzen die Aktivisten von OWS eine andere uramerikanische Idee entgegen. Es ist die Idee des „e pluribus unum“, einer Nation aus Freien und Gleichen, die sich am ehesten in der amerikanischen Kleinstadt mit ihren townhall meetings verwirklicht – oder eben im Zuccotti Park. Dass OWS sein Vorbild in der idealen Kleinstadt findet, ist zuerst Mark Greif, dem Essayisten und Aktivisten, aufgefallen: „Das Occupy-Wall-Street-Lager“, schreibt er, „hatte ein eigenes Kommunikationszentrum, eine öffentliche Bibliothek, eine Küche, man könnte sagen, dass die Art und Weise, wie diese Einrichtungen über den Zuccotti Park verteilt waren, an eine Kleinstadt im Kleinformat erinnerten.“ Genau deshalb kann man die OWS-Bewegung für harmlos halten. Eben deshalb, weil sie so gar nicht radikal ist und die Ideale und Wünsche der vielen artikuliert, kann man sie auch für besonders gefährlich halten. OWS steht nicht, wie noch 1968, eine „schweigende Mehrheit“ gegenüber; OWS ist vielmehr die Organisationsform der nicht länger schweigenden Mehrheit. Wohl auch deshalb ließ die New Yorker Verwaltung das Protestcamp bei Nacht räumen, wohl deshalb wurde die öffentliche Bibliothek im Zuccotti Park eilends verbrannt. Bibliotheken gehören, wie Mark Greif in Erinnerung ruft, wie Kirche und Schule in jede amerikanische Stadt. Sie sind, allen voran die New York Public Library, der Ort des öffentlichen Wissens und des öffentlichen Gesprächs. Heute sind sie überall von finanziellen Kürzungen bedroht. Man kann OWS konservativ oder restaurativ nennen, weil die Bewegung an solchen klassischen Symbolorten von Demokratie und Öffentlichkeit festhält.

Utopia for our time

„Eigentlich ist unsere Sache im wahrsten Sinne konservativ“, schreibt Mark Greif, aber deswegen muss das Anliegen der Akteure im Zuccotti Park und überall sonst nicht weniger revolutionär sein. Revolutionär sein kann heißen, sich negativen Entwicklungen entgegenzustemmen. Wenn es eine Klammer gibt zwischen den Unruhen, Protesten, Revolten und Revolutionen in der arabischen Welt und der westlichen Welt, dann besteht sie in der Einsicht, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann. Die neuen sozialen Bewegungen, ob sie sich nun in der Klimapolitik, in Fragen des öffentlichen Raums oder der bürgerlichen Freiheiten engagieren, eint der Protest gegen eine zunehmende oder fortdauernde Herrschaft der wenigen, seien es nun die sklerotischen Diktaturen in der arabischen Welt, seien es andernorts die Pseudoregierungen der Finanzwirtschaft. Die Proteste mögen politisch undeutlich sein, sie mögen arm an konkreten Lösungsvorschlägen sein, aber sie werden, anders als die marxistischen Studentenbewegungen um 1968, von der breiten Bevölkerung geteilt. Was die neuen Bewegungen gleichwohl mit 1968 verbindet, ist die lange nicht gehörte Forderung nach einem neuen Utopia, nach einem „Utopia for our time“. Allzu lange hatten politischer Pragmatismus und eine Agenda ewiger Sachzwänge den Blick auf das mögliche „ganz Andere“ verstellt. Nun trauen sich Menschen, ohne deshalb politischen Ideologien anzuhängen, plötzlich wieder, ihrer Empörung über den schlechten Status quo und ihrem Verlangen nach anderen Verhältnissen und Regierungen Ausdruck zu geben. OWS und seine Verbündeten werden dabei nicht stehen bleiben. Sie werden, wie auch immer, den Weg in die institutionelle Politik gehen müssen und dabei Enttäuschungen und Erfolge erleben wie dreißig Jahre vor ihnen die Grünen.

Intelligentes, selbst organisiertes öffentliches Leben

Die Auflösung des Basislagers im Zuccotti Park hat es nicht vermocht, auch OWS aufzulösen. Die Ideen und Strategien eines breiten, friedlichen, geduldigen und erfindungsreichen Protests sind in der Welt und lassen sich durch Polizeimaßnahmen nicht wieder einfangen. Es wäre leichter, wenn die Aktivisten reihenweise strafbare Handlungen begingen. Da sie das nicht tun, lässt sich OWS nicht kriminalisieren. Dass die Bewegung Zustimmung bis tief ins ehedem bürgerliche Lager findet, macht es den Regierungen ebenfalls schwer, sie abzutun und auszugrenzen. Was Mayor Bloomberg nicht begriffen hatte, begriff Präsident Obama deutlich schneller, als er sein Verständnis für die Anliegen der Demonstranten zum Ausdruck brachte. Auch wenn die Bühne im Zuccotti Park fürs Erste versperrt ist: Es gibt schon neue Bühnen, neue Schauplätze und neue Formen des Protests. Man darf OWS in New York und andernorts eine lange Zukunft vorhersagen. Und man ist als jemand, der in New York wohnt, gespannt auf die nächsten Aktionen und hat, anders als bei vielen politischen Demonstrationen alten Stils, Lust mitzumachen. Schon jetzt hat es OWS geschafft, den weithin kommerzialisierten und sterilen öffentlichen Raum Manhattans aufzumischen. In einer Stadt, in der die größten Attraktionen der Apple Megastore und der Flagship-Laden von Abercrombie & Fitch geworden sind, gibt es plötzlich wieder intelligentes, selbst organisiertes öffentliches Leben, an dem jeder mitwirken darf, ohne Eintritt zu bezahlen. Und natürlich gilt es plötzlich als schick, sich gegen den Finanzkapitalismus zu engagieren. New York wäre nicht New York, wenn die neue Utopie ganz ohne hipness factor auskäme.
Christoph Bartmann (1955)
leitet seit 2011 das Goethe-Institut New York. Seit 1988 ist er in verschiedenen leitenden Positionen für das Goethe-Institut tätig gewesen, u. a. in Santiago de Chile, Prag und Kopenhagen; zuletzt leitete er die Abteilung „Kultur und Information” der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Er schreibt regelmäßig Literaturkritiken für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” und die „Süddeutsche Zeitung”.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012

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