Protest 2.0

Im Netz gefangen

Überlegungen zu einer kubanischen Blogosphäre und der offiziellen Informationspolitik des Staates.

Seitdem sie mit dem Premio José Ortega y Gasset in der Sparte „Digitaler Journalismus“ ausgezeichnet wurde, attackiert der desinformierte Apparat des Castro-Regimes mit Vorliebe Yoani Sánchez. In einem Land, in dem der Internetzugang stark eingeschränkt und kontrolliert ist, haben sich plötzlich regierungsnahe Blogs ausgebreitet, die fast ausschließlich darauf zielen, das, was die junge Publizistin schreibt und tut, in Misskredit zu bringen. Mittel und Wege gibt es viele: Beschattung mit der Kamera, unflätige Spottnamen, persönliche Herabsetzungen und die wohlbekannten Anschuldigungen, „Söldnerin“ der US-Regierung zu sein und auf „deren Lohnliste zu stehen“.

Dabei wird jeder, der mit einem freien Internetzugang auf ihr Blog Generación Y geht, merken, dass man dort eher kurze Chroniken über die Lebenswirklichkeit auf Kuba findet, Skizzen – von durchaus journalistischer und literarischer Qualität – eines Alltags, der von Mangel und improvisiertem Überleben geprägt ist. Die Angriffe gegen sie scheinen plötzlich maßlos, und die Verbitterung des gesamten repressiven Staatsapparats über solch eine Frau, die liebenswürdig und ruhig wirkt, verkehrt die – von der kubanischen Regierung bis zum Erbrechen wiederholte – biblische Parabel von David gegen Goliath, womit jahrelang symbolisch auf die Konfrontation der kleinen Insel Kuba und des US-amerikanischen Riesen angespielt wurde. Plötzlich ist die kleine und arbeitsame Ameise nämlich die junge Bloggerin (und mit ihr eine ganze Generation von Bloggern, unabhängigen Journalisten, Schriftstellern und Künstlern, die im Netz ein Medium gefunden haben, um auszudrücken, was sie denken und – vor allem – was sie erleben und sehen), die mit der Tastatur in der Hand und einem Modem statt einer Schleuder tagtäglich der Gefahr ausgesetzt ist, vom ungelenken und blinden Elefanten zertreten zu werden.

Trotz aller mehr oder minder kosmetischen Änderungen im sozialen und wirtschaftlichen Leben Kubas in seiner über fünfzig Jahre währenden Agonie hat sich eines nicht gewandelt: Die öffentlich angeschnittenen Themen (angefangen bei der Streichholzproduktion bis hin zur Person irgendeines ausländischen Besuchers, der bei der Regierung offiziell zu Gast ist) folgen einem mehr oder weniger gut geschriebenen Drehbuch, das in den undurchdringlichen Fluren der Machtzentrale von „höheren Instanzen“ und ihren verschiedenen Vollsteckern verfasst wird. Wenn ein Regierungs-„Experte“ in einem Artikel, der in einer der zwei oder drei legalen Zeitungen der Insel publiziert wurde, den Produktionsrückgang in einem bestimmten Wirtschaftszweig der Yankee-Blockade zuschreibt, kann kein anderer Journalist besagte Begründung seinerseits in Frage stellen, indem er zum Beispiel von einheimischer Ineffizienz oder dem „Abzweigen“ von Ressourcen spricht, denn er weiß schon im Vorhinein, dass das, was Granma oder Juventud Rebelde veröffentlichen, immer die von den Mächtigen gutgeheißene Version darstellen wird. Wenn jemand mit dunkler Vergangenheit wie Luis Farrakhan auf Einladung der Regierung in Havanna Kuba besucht, wird man bei seiner Vorstellung Worte wählen, die keinerlei Zweifel an seiner Konfrontationshaltung zur US-amerikanischen Regierung lassen und daran, wie “angenehm überrascht er von der kubanischen Realität“ sei. Und niemandem könnte es einfallen, die Geschichte zu erzählen, die den aktuellen Kopf von The Nation of Islam als einen von jenen zeigt, die mit ihrer giftigen Rufmordkampagne in den 60er-Jahren in gewisser Weise den Mord an Malcolm X begünstigten.

Die Konstruktion von Realität durch die Kommunikationsmedien ist ein globales Phänomen, was zweifellos nicht gut ist. Aber in jedem anderen Land, sofern es ein mehr oder minder offenes Politik- und Informationssystem hat, kann das, was ein Medium veröffentlicht, von einem anderen in Frage gestellt oder nuanciert werden. Die Wirklichkeitskonstruktion auf der karibischen Insel hingegen ist sehr gut kontrolliert und unanfechtbar: eine Art Parzelle, von der aus zuweilen groteske Verdrehungen der Welt verlautbart werden. Einmal hörte ich einen jungen kubanischen Neuankömmling in Europa sagen, wie er der spanischen Zeitung El País mit fester Überzeugung eine Pro-Aznar-Haltung unterstellte. Ich war so verblüfft über derlei Unsinn gegenüber einer der besten spanischsprachigen Zeitungen, die während der beiden Amtszeiten des konservativen Ministerpräsidenten José María Aznar in Kritik und Opposition tonangebend gewesen war, dass ich herauskriegen wollte, was ihn zu jener Meinung veranlasst hatte. Es erwies sich, dass El País sich ziemlich kritisch gegen die von der kubanischen Regierung Anfang 2003 organisierte repressive Welle (den sogenannten „Schwarzen Frühling“) geäußert hatte und dass kurz zuvor in Havanna eine Propagandakampagne gegen das spanische Regierungsoberhaupt inszeniert worden war (bei der es sogar mit Hitlerbärtchen dargestellt wurde). Dabei hatte man ohne jegliche Abstriche den Politiker der konservativen Partei Partido Popular und die Grupo Prisa mit ihrem angesehensten Presseorgan (mit deutlich sozialdemokratischer Ausrichtung) über einen Kamm geschert, was bei diesem jungen Mann, der bis dahin nur Zugang zu einer einzigen Weltsicht gehabt hatte, zu dieser aberwitzigen Verwechslung geführt hatte.

Dadurch, dass sich Blogs, die sich mit Kuba beschäftigen, auf der Insel wie auch außerhalb ausgebreitet haben, wird in gewisser Weise die Abzäunung dieser Parzelle durchbrochen. Gewiss, es ist nur ein winziges Nadelöhr in der Einfriedung, aber dadurch können Interessierte mit freiem Internetzugang immerhin ihr Auge an dieses Guckloch im Zaun pressen, auf der Suche danach, der offiziellen Informationspolitik mit ihrer immer unglaubwürdigeren Verdrehung der Wirklichkeit und bestenfalls langweiligen Gleichförmigkeit eine neue Nuance zu verleihen.

Und sogar die Existenz von grimmigen Anti-Yoani-Blogs wie dem Blog namens Cambios en Cuba (der in seiner Rufmordkampagne gegen die Bloggerin sogar gezeigt hat, dass die Bewegungen der jungen Yoani Sánchez überwacht und von versteckten Kameras aufgezeichnet werden, was automatisch an polizeiliche Verfolgungsmethoden erinnert) kann in einer Hinsicht nützlich sein: als Vergleichsmöglichkeit. Trotz der von der kubanischen Regierung gern zur Schau gestellten verzweifelten Pose einer Nation (lies: Machtelite), die von „infamen Pressekampagnen“ bedrängt würde (was sie von einem „Cyberkrieg gegen Kuba“ sprechen ließ), genügt ein Blick auf Generación Y und auf Cambios en Cuba, auf den dort jeweils angeschlagenen Ton und die Argumente, die in dem einen und dem anderen Blog vorgebracht werden (oder nicht), um gewahr zu werden, dass wir uns im einen Fall einer offiziellen Informationspolitik gegenübersehen, die auffällig zur eigenen Diskreditierung, zur Selbstzerstörung führt. Man kann mit Yoani Sánchez und dem, was sie uns auf ihrem Blog über den Alltag auf Kuba erzählt, inhaltlich einverstanden sein oder nicht – jenseits aller politischen Standpunkte sind es aber die Methoden von Cambios en Cuba, die sich selbst diskreditieren.

Dank der Initiative des Schriftstellers Jesús Díaz wurde in den 90er Jahren in Madrid die Zeitschrift Encuentro de la cultura cubana gegründet (ebenso das digitale Cubaencuentro, aus dem in jüngerer Zeit das digitale Diario de Cuba hervorging, das von einigen angesehenen intellektuellen Exilkubanern geleitet wird). Seitdem sieht sich die Realität, wie sie von der offiziellen kubanischen Presse (der man diese Bezeichnung eigentlich absprechen müsste) konstruiert wird, widerlegt, und zwar allein schon von den angewandten Kriterien der Information, die in einem Kontext wie dem kubanischen von sich aus anziehend und überzeugend sind dank ihrer Fähigkeit, der Debatte nicht auszuweichen, in ein und derselben Ausgabe unterschiedliche oder gegenteilige Meinungen über die kubanische Realität zu präsentieren und sogar solche, die mitunter komplett im Widerspruch zu der verlegerischen Linie besagter Publikationen stehen. Was daran am meisten auffällt, ist die Unfähigkeit des kubanischen Systems, daraus zu lernen. Vielleicht nicht so sehr, weil es das nicht gewollt hätte – nicht einmal deswegen, weil kritische Stimmen gefehlt hätten, die systemimmanent für tiefgreifende Änderungen hinsichtlich der Freiheit zur Meinungsäußerung plädieren –, sondern weil es dazu außerstande ist, insofern die besagte rigide und dogmatische Informationspolitik ein inhärenter und wesentlicher Teil eines selbstgezogenen Systems ist, das darauf getrimmt ist, nur die Stimme der Befehlsgewalt von einem oder zwei Männern zu hören.

Es ist nicht leicht vorherzusagen, in welchem Maße die Verbreitung von Blogs und Bloggern, seien sie nun regierungsnah oder abweichend, dem Regime wohlgesonnen oder nicht, zu einem tiefgreifenden Strukturwandel innerhalb von Kuba führen kann. Man muss bedenken, dass der Internetzugang auf der Insel, wie bereits erwähnt, sehr eingeschränkt ist; paradoxerweise können sogar die mit dem Regime sympathisierenden Blogs nicht massenweise von der kubanischen Bevölkerung gelesen werden.

Dennoch erlaubt die Blog-Vielfalt einen viel schnelleren und direkten Zugriff auf Websites über Kuba, und vor allem wurde durch dieses kleine Guckloch augenfällig, wie obsolet die staatliche Informationspolitik ist, die sich als revolutionär ausgibt, die aber in ihren Hauptzügen – einseitige Sicht, Wiederholung von Halbwahrheiten oder gar Lügen, Tabuisierung bestimmter Themen, mittelmäßige Argumentation, Disqualifizierung ohne Abstriche, Agitprop-Kampagnen und vieles mehr – mit den reaktionärsten Strömungen auf der ganzen Welt vergleichbar ist.

Es ist auch wahrscheinlich, dass sich das Regime, weil es sich gegen den angeblich gegen es geführten „Cyberkrieg“ zur „Wehr setzen“ muss, dazu gezwungen sieht, den Netzzugang zunehmend zu erweitern (wenngleich kontrolliert). Außer Zweifel steht, dass es dazu ebenso wenig Lust verspüren wird wie seinerzeit zur Liberalisierung des Dollars Anfang der 90er-Jahre, was unter dem Druck eines tiefen Unbehagens geschah, das damals in der Bevölkerung herrschte und sich im August 1994 im sogenannten „Maleconazo“ gezeigt hatte (so benannt nach der berühmten Strandpromenade Havannas, dem Malecón). Verwirrend schnell und ohne ihnen anfangs Zeit zu gewähren, darauf zu reagieren, hat sich das Netz über die großen Fische gestülpt, die fünf Jahrzehnte lang die Information auf Kuba kontrolliert haben. Aber Tatsache ist auch, dass man sich vor den kommenden Schlägen dieser Ichthyosaurier, die im Netz gefangen sind, hüten muss.
José Aníbal Campos (Havanna, 1965)
ist Germanist, Übersetzer und Essayist. Seine Artikel erscheinen in den verschiedensten Zeitschriften und Publikationen Europas und Lateinamerikas. Er übersetzte u. a. Hermann Hesse, Stefan Zweig, Uwe Timm, Peter Stamm, Pascal Mercier, Martin Mosebach. Seit 2003 lebt er in Spanien.

Übersetzung aus dem Spanischen: Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012

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