Passagen

Weitgereiste Worte

Es gibt Reisen und Reisen. Reisen von Worten oder von Dingen und von allem Möglichen in einer Welt in Bewegung, die Fragen an uns heranträgt, uns beobachtet und hinterfragt. Wenn wir bereit sind hinzuhören ...

Ob man will oder nicht: Das Leben ist eine Reise mit Aufbruch und Bestimmung. Als Zwanzigjährige unternahm ich meine erste Reise als Backpackerin. Der Rucksack war derartig schwer, dass es mich furchtbare Mühe kostete aufzustehen, sobald ich mich einmal gesetzt hatte. Das Wort “gesetzt” hat viel von “sesshaft”, dem Gegenteil von “nomadisch”. Und dennoch glaube ich, dass der eine und der andere Begriff sich eher ergänzen als sich auszuschließen. Auf diese Weise lernte ich jedenfalls, dass man im Leben wenig reales Gepäck mitschleppen darf, um weniger sesshaft reisen zu können.

Auf jener Backpackerreise lernte ich damals einen Mann kennen; er war klein von Statur und fuhr einen riesigen LKW. Die Reise war für ihn das Leben selbst. Wichtig war ihm nicht das Ziel, sondern der Weg. Das war zwar eine sehr gute Lektion für mich, aber damals seufzte ich, gespannt wie ich war, bei jedem Halt auf dem Weg und dachte wie Kinder: “Wann sind wir da?!”

Später dann machte ich mich immer zu Fuß auf, wenn mich die Ungeduld packte. Ich begann vor einigen Jahren damit, methodisch zu Fuß zu gehen, aber anders als in jenem berühmten Märchen bewege ich mich auf der Stelle. Physisch, meine ich, denn es gibt Reisen und Reisen. Die Reise der Worte und die Reise der Dinge. Die Reise der Speisen. Die Sprache des Weges. Und alles Mögliche in einer Welt in Bewegung, die Fragen an uns heranträgt, uns beobachtet und hinterfragt. Wenn wir bereit sind hinzuhören …

Gerade befinde ich mich auf einer Reise im Land meiner Kindheit und Jugend. Und ab und zu fühle ich mich wie in einem Traum. Ich befinde mich in derselben Landschaft, wo ich zur Welt kam – die Kindheit und die Schule, meine Mutter und ihre Wiener Schnitzel. Und die Stadt, in der ich die Uni besuchte, der Ort, wo ich mit siebzehn war, stellt Fragen an mich. Meine damaligen Freunde fragen mich. Wo waren wir, woher kamen jene, die wir einst waren? Verwandelt und beredt, niedergeschlagen oder verlegen, befinden wir uns in einem Zeitloop, wie die Physiker es nennen, und so halten einige von uns noch immer den Traum unserer Twenties wie einen Luftballon auf einem Kinderfest in der Hand.

An Wänden steht geschrieben: „Mit offenen Augen träumen: Das ist die Realität“. Aber das Land in Bewegung spricht von Richtungen, von strategischer Wegführung, von größerer oder geringerer Schuhflexibilität. Der Pfeil ist abgeschossen und er kehrt nicht zurück, wie es mein Freund Raúl, der Matrose, gerne ausdrückt. Rückkehr ausgeschlossen?

Es gibt Reisen und Reisen. Eintägige Reisen und lebenslange Reisen. Touristische und dauerhafte Reisen. Die touristische Reise ist das Abenteuer als Arznei gegen Sesshaftigkeit. Etwas Nomadentum tut immer gut. Die Sesshaftigkeit brachte alle notwendigen Sicherheitsregeln mit sich, um die Bewegung in Räumen, die man sich ewig und unversehrt vorstellt, zu bändigen. Nichts bringt mehr aus dem Gleichgewicht als Bewegung. Also heißt es Versicherungen zu kaufen. Alles wird versichert. Bis hin zur Sprache, die doch einmalig, einfach, elementar sein will. Ein Strichcode, um die Welt zu verstehen und mit ihr zu kommunizieren.

So in den vierziger Jahren schrieb der italienische Architekt und Gestalter Ernesto Nathan Rogers, dass es schon genüge, ein Objekt zu betrachten, um die Gesellschaft zu beschreiben, die es hervorgebracht hat. Nun, bei Dingen, die so global sind wie sie nun mal geworden sind, ist es nicht leicht zu sagen, wer oder welche Gesellschaft dieses oder jenes Objekt gestaltete, denn alles scheint voneinander abhängig zu sein. Auch die Sprachen. Sprachen pendeln sich im Lauf der Zeit zwischen Protektionismus und Liberalismus ein, aber was sie wirklich ausmacht ist nicht ihre Regulierung seitens der Sprachakademien, sondern eher die Beharrlichkeit der Sprecher, sie im Sprachgebrauch lebendig zu halten, auch unterwegs. Trotz alledem nimmt die Anzahl gesprochener Sprachen auf unserem Planeten in den letzten Jahren merklich ab.

Dem englischen Physiker Freeman Dyson zufolge wird die allmähliche Auslöschung einiger Sprachen auf der Welt eben auch jene Neuronen der menschlichen Spezies verschwinden lassen, die sich mit der Zeit dafür gebildet haben, sie zu verstehen, zu erlernen und zu sprechen. Eine sinkende Anzahl an Sprachen nützte einzig der Bürokratie, denn anders als zu erwarten erschwerte sie die Kommunikation unter den Völkern, da sie sie zunehmend auf Elementares reduzierte. Es ist schwer vorstellbar, dass das Komplizierte etwas vereinfachen kann. Daher ist dieses Prinzip auch so verblüffend. Demnach ist die Komplexität das, was zu unserer Fortentwicklung geführt hat und nicht umgekehrt.

Also lässt sich Sprache nur durch Nomadentum retten. Auf Reisen. Denn mehr als jemand, der eine Sprache bloß spricht, mehr als dessen Zweckbestimmungen, mehr als die Untersuchungen eines Sprachforschers ist es der Reisende, der (oft ohne es zu wissen) - auf der Suche nach Allegorien und Fiktionen, Beweisführungen und Umständen - eine Bresche schlägt, um eine Regel, eine Erkenntnis, eine Verzerrung einzuordnen.

Die Deutschen haben kürzlich das Wort Migrationshintergrund erfunden, um die Herkunft von Menschen in dieser Welt in Bewegung zu klassifizieren. Eine heikle Definition, wie auch immer man sie betrachtet, ist doch eine Existenz ohne Migrationshintergrund, also von jemand, der keinen Nomaden, keinen Reisenden in seinen Genen trägt, kaum vorstellbar. Denn seit Lucy, die vor tausenden von Jahren in Afrika lebte, bis heute, haben Menschen nichts anderes getan als sich zu bewegen. Als sich zu bewegen, in der Absicht sich niederzulassen. Als darauf zu bestehen, das Eigene mitzutragen und es gegen das Andere zu schützen. Gegen das Nicht-Eigene, weil es als unschicklich galt?

Was nimmt man auf Reisen mit? In einem Koffer im Inneren trägt man Sprache und Geschmäcker, Geschichten und Tröstungen, Heilmittel und familiäre Rituale, um die Begleitmusik für den Weg zu komponieren. Nicht immer passt, was man im Gepäck mitbringt, angefangen beim Essen, wie schon der Volksmund sagt. Denn auch das Essen wird anders, wie die Menschen und die Worte.

Die Reise der Worte erlaubt, dass sie die Welt, die wir uns gehend erschließen, aufsaugen. Familienbücher künden von Verlust und Unglück, von Dramen der Anpassung und Tragödien der Entwurzelung. Alles verwandelt sich, wenn Zärtlichkeit und Blicke aufeinanderprallen, oder Krieg, Zorn sowie Liebesbegegnungen mit dem anderen, und es herrscht eine enorme Angst vor dieser Verwandlung, denn Verwandeltes gehört uns nicht mehr so wie es einst gewesen war, so wie wir auch nicht mehr dieselben sind nach einer Reise, die wir als Kinder antraten, wenn wir ans Ende der  Wegstrecke gelangt sind. Wir haben Angst. Angst, etwas zu verlieren. Auch Angst, etwas zu gewinnen? Wie auch immer: Diesem Weg voller Höhen und Tiefen, voller ungewollter Rückkehren, versteckter Träume, Speisen, die mit der Liebe zu Verlorenem gewürzt sind, ist Nahrung für die Seele unserer Herde, der wir entstammen. Als Spezies, nicht mehr als Individuen. Und daher stammt unser Unbehagen, unser tägliches Schwanken, unsere jahrhundertealte Melancholie, die in einem Traum kondensiert ist, einer anderen Instanz also. Vollendung unseres Wandels. Dieses Wandels, der uns verwirrt und aus dem Gleichgewicht bringt. Also erfindet man Worte, um ihn zu definieren, ohne zu bedenken, dass das, was diese Bewegung ausmacht, vielleicht die andauernde Unbestimmtheit ist.

Wenn schon alles verloren ist, bleibt immer noch die Muttersprache. Darauf besteht Hannah Arendt. Und sie wusste, wovon sie sprach, denn obgleich sie in die lingua franca des Englischen eingetaucht war, fand sie keine treffenden Begriffe. Es handelt sich also um die Sprache auf Reisen. Darum, das zu übertragen, was man hat. Wie lässt sich damit im Land der anderen zusammenleben? Wie bekannte Wörter verwenden, um das zu bestimmen, was man nicht kennt? Das, wofür es keine Wörter gibt? So erging es der Schrift, die über die Jahrhunderte hinweg auswanderte, dabei in anderen Sprachen stöberte, bis deren Worte zur eigenen Sprache wurden. So wie Ovid, der unter den „Barbaren“ verloren weiterhin Rom und seine Feinde auf Latein besang. Wie Alexander von Humboldt, der die Dinge auf Deutsch registrierte, aber seine Erfahrung in den spanischen Kolonien auf Französisch formulierte.

Onkel Eusebius litt unter Reisekrankheit. Nach einiger Zeit – es tut nichts zur Sache warum – fühlte er ein anhaltendes Kribbeln in den Füßen, das er nur lindern konnte, wenn er lief. Besser gesagt: rannte, und also ging er los. In der Familie erzählt man sich, dass die Mutter von Onkel Eusebius genau in der Zeit ein Kind erwartete, als sie von einem Landstück zu einem anderen umzogen, und dass sie damals ein Kribbeln im Bauch spürte und die Geburt früher einsetzte. So erblickte Eusebius das Licht der Welt, mit dem vorgezeichneten Schicksal des Reisens

Einzig im Weggehen konnte er zurückzukehren, zu kommunizieren, zu existieren.

Dieser entfernte Verwandte wurde in meiner Kindheit zum Mythos, denn immer war er an unbekannten Orten unterwegs und keine seiner damals zahlreichen Pilgerfahrten ließ man sich entgehen. Auch ich, die ich als Jugendliche gezwungen war fortzugehen, fühle nun nach einiger Zeit auch ohne offensichtlichen Grund den Trieb, den Platz, an dem ich mich befinde, aufzugeben, um mich an einem anderen Ort zu verlieren, in anderen Umständen, in anderen Welten. Nur eine Zeitlang, verspreche ich mir selbst. Aber bisher habe ich mein Versprechen nie erfüllt. Wenn ich endgültig zurückkehre, werde ich mir im Klaren darüber sein. Solange aber bleibt es beim Gehen. Wie mir jener Mann sagte, den ich einst als Backpackerin kennenlernte. Der Weg ist das eigentliche Vergnügen.
Esther Andradi
(Ataliva, Argentinien) ist Schriftstellerin. Sie hat Publizistik studiert, war journalistisch tätig und lebte einige Jahre in Peru. 1980 ließ sie sich in Europa nieder und schrieb Drehbücher sowie Reportagen für Hörfunk und Fernsehen. 1995 bis 2002 kehrte sie vorübergehend nach Buenos Aires zurück und lebt seitdem wieder in Berlin. Ihre Arbeit umfasst verschiedene Genres: Dokumentarliteratur, Erzählung, Micro-Erzählung, Gedicht und Roman. Ihre literarischen Werke zirkulieren in verschiedenen kulturellen Medien in Amerika, Spanien und Deutschland. 2007 veröffentlichte sie das Buch „Berlín es un cuento“.

Übersetzung aus dem Spanischen: Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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